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"McDonald's of Education"
oder: Technologie einer konstruktivistischen Weltsicht
Hypertext im Sprach- und Literaturunterricht

von Roberto Simanowski

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In einen hohlen Kopf geht viel Wissen.
Karl Kraus

Als Bill Clinton im Juni 1998 das MIT (Massachusetts Institut of Technology) besuchte, brachte er noch einmal den Grundgedanken des National Research and Education Network Programms seiner Regierung zum Ausdruck: "Until every child has a computer in the classroom and a teacher well-trained to help […] America will miss the full promise of the Information Age." Ein Deutscher mag Clintons Worte weniger begeistert aufnehmen als die Mitarbeiter des MIT, die den Glauben an die Heilsamkeit der Technik nicht nur teilen, sondern nähren. Alte Ängste vor neuen Technologien kommen hier auf, die möglicherweise dadurch bestärkt werden, dass, einen E-mail-Anschluß vorausgesetzt, einem beim Empfangen elektronischer Dokumente noch immer die Fußnoten verloren gehen.

Gewichtigere Einwände gegen Technik im Unterricht stützen sich auf entsprechende Erfahrungen seit den 60er Jahren. Was man erleben konnte war die Ersetzung des Lehrers durch den Computer, die eine Standardisierung mit sich brachte, in der nicht mehr auf die spezifischen Voraussetzungen und Bedüfnisse des individuellen Studenten eingegangen wurde. Im Sprachunterricht wurden Computerprogramme eingesetzt, die das Lehrbuch ersetzen und den Patterndrill intensivierten, womit man wieder hinter die inzwischen entwickelten Konzepte des kommunikativen, lernerzentrierten Unterrichts zurückfiel. Selbst der Literaturunterricht wurde computerisiert mit dem höchst zweifelhaften Ergebnis einer Reduzierung der Textinterpretation auf das Multiple-Choice-Niveau. Damit änderte sich im Grunde nicht viel mehr an der traditionellen Lehrmethode, als daß der Student nicht mehr in einem realen Klassenraum mit realen Klassenkameraden einem realen Lehrer gegenübersteht, sondern in einer abgeschlossenen Konstellation mit einer Maschine kommuniziert, was Stanley Aronowitz zu recht als neuen Wein in alten Schläuchen beklagt (120).

Wenn heute vom Computer im Unterricht gesprochen wird, gehen die Perspektiven weit über den soeben skizzierten Einsatz hinaus. Es geht nicht mehr um Mechanisierung, es geht nicht mehr um Stimulus-Response-Aufgaben, es geht nicht mehr um die passive Aktion des Studenten am Computer. Das neue Schlagwort heißt Internet, die Projekte tragen Namen wie Computer-Supported Intentional Learning Environment (CSILE) (Scardamalia) und Schulen ans Netz. Das Netz bzw. die Netze werden als Unterrichtsmedium und Mittel der Unterrichtsvorbereitung gesehen, ihre Funktion im Schulkontext umfaßt E-mail-Kontakt, Informationsbeschaffung, telekooperativer Unterricht und digitales Publizieren.

Mit der Schaffung der technischen Infrastruktur werden neue Informations- und Kommunikationsmodelle gefördert, die zugleich andere Lehr- und Lernstrategien fordern. Die Stichworte lauten konstruktives, kontextualisiertes und kooperatives Lernen. Schon die Möglichkeit des Emailen bietet edukative Sozialformen an, die zuvor undenkbar oder schwer zu realisieren waren; so etwa wenn Studenten einer amerikanischen und einer finnischen Universität per E-Mail ihre Interpretationen literarischer Texte (Millers Death of a Salesman und Männers Snow in May) austauschen und damit die unmittelbare Erfahrung einer vom kulturellen Kontext des Rezipienten je abhängigen Semantisierung des literarischen Textes machen (Schwarz, 1995).

Aber die pädagogischen Visionen gehen weit über solche Art raum- und zeitentbundener Unterrichtsgespräche hinaus. Sie zielen auf eine ganz neue Art der Interaktion und Kontextualisierung, auf eine ganz neue Art des kreativiten Umgangs mit dem Material, die Losung lautet: Hypertext. 

Die Erörterung, in welcher Weise diese spezifische Form der Informationspräsentation als pädagogisches Mittel eingesetzt werden kann, ist das Anliegen dieses Aufsatzes. Ich gehe dazu zunächst auf Definition und Funktionsweise des Hypertexts allgemein ein (1) und skizziere die Hoffnungen, die in der amerikanischen Diskussion mit Hypertext verbunden werden (2). Nach einem Exkurs zur Erziehungslehre Jean Pauls, der den Hypertext in mancher Hinsicht vorwegnahm, (3) sowie nach der Erörterung des Hypertextes als Technologie einer konstruktivistischen Pädagogik (4) stelle ich verschiedene Hypertext-Projekte vor (5 und 6) und skizziere die Nutzung einer einfachen Website im Unterricht (7). 

 

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