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Sex um jeden Preis
Hans Magnus Enzenzbergers Essay "Das digitale Evangelium"
und wie der SPIEGEL ihn präsentiert
eine Anmerkung

von Roberto Simanowski

Hans Magnus Enzenzberger ist bekannt als kritischer Kommentator der Medien und ihrer Darstellung bzw. Ausblendung der gesellschaftlichen Realiltät. Sein Essay über das "Nullmedium" z.B. endet mit dem Fazit, dass das Fernsehen nicht der Kommunikation, sondern deren Verhinderung diene. Enzenzbergers neuester Beitrag über die Medien, "Das digitale Evangelium" (SPIEGEL 2 / 10. 1. 2000, S. 92-101), geht zunächst auf Abstand zu diesem Text von vor 30 Jahren - der "damals viel zitiert wurde, heute aber vor allem durch seinen schneidigen Ton auffällt" -, um dann Ansichten zu den Neuen Medien zu vermitteln. Die Ansichten selbst sind nicht gerade neu, dafür jedoch in brillantem, wenn nicht schneidigem Ton formuliert. Aber um den Informationsgewinn dieses Essays geht es hier gar nicht. Es geht darum, was die alten Medien aus den neuen machen, und das ist weniger Enzenzbergers Essay zu entnehmen, als der Art, wie dieser präsentiert wird.

Nach der Anzeige des Beitrags als Eckbalken auf der Umschlagseite - "Hans Magnus Enzenzberger / Das Evangelium der neuen Medien" - findet man im Inhaltsverzeichnis die Headline "Glanz und Elend der neuen Medien" unter einem für die Inhaltsübersicht recht großem Bild, das eine halbnackte Frau in drei verschiedenen Posen zeigt. Im eingebrachten Foto von Hans Magnus Enzenzberger intonieren die ledergebundenen Bücher bereits den vorliegenden Gegensatz zwischen gediegener Bildung und oberflächlicher Erotik. Der Text zur Headline lautet:

Ist die unaufhaltsame Computerrevolution ein Segen oder ein Fluch - oder womöglich beides? In einem Essay über Macht und Ohnmacht der neuen Medien zieht Hans Magnus Enzensberger eine skeptische Zwischenbilanz: "Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie."

Wer den Essay aufschlägt, wird den letzten Satz schnell wiederfinden: unter einem zentral plazierten Bild auf der rechen Seite. Die Frau auf diesem Bild ist nicht ganz so nackt wie der Mann, da sie allerhand metallene Geräte am Leib trägt, einschließlich Daten-Handschuh und eine Monitor-Brille. Das übliche, ein bisschen exotische, ein bisschen furchteinflößende Equipment also, das man zum Stichwort Cybersex gewöhnlich zu sehen bekommt.

Das Bild ist so gestylt wie irreführend, denn so wie hier gezeigt darf man sich Cybersex keineswegs vorstellen. (1) Das eigentliche Problem des Fotos besteht allerdings darin, dass es nicht hierher passt. Weder auf dieser Seite, noch auf der nächsten oder auf den vier folgenden ist von Cybersex die Rede. Erst im letzten Absatz begegnen wir dem Wort, eingekeilt zwischen eine Reflexion über René Magrittes Ceci n'est pas une pipe und einen halbherzigen Seitenhieb auf die menschliche Trägheit sowie die Realität von Zahnschmerzen. Im Zusammenhang heisst es:

Auch wenn die Gotteshäuser leer sind und die Bauernhäuser sich in Ferienwohnungen verwandeln, spricht manches für den Rat, die Kirche im Dorf zu lassen. Medien spielen eine zentrale Rolle in der menschlichen Existenz, und ihre rasante Entwicklung führt zu Veränderungen, die niemand wirklich abschätzen kann. Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen Übeln weissagen, sollten wir jedoch der Lächerlich preisgeben, die sie verdienen. Die Fähigkeit, eine Pfeife vom Bild einer Pfeife zu unterscheiden, ist weit verbreitet. Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell.

So unscheinbar also ist die von der SPIEGEL-Redaktion ins Scheinwerferlicht gezerrte Formulierung. Es geht gar nicht um Sex im Internet, wie Aufmacher und Großbild vermuten ließen. Es geht endlich einmal um alles andere als Sex. Nicht, dass es keine Pornographie im Internet gäbe, nicht, dass nicht tatsächlich Programmierer und Webdesigner Visionen von Cybersex hätten! Aber von all dem ist in Enzenzbergers Essay nicht die Rede, jedenfalls nicht bis zum allerletzten Absatz, in dem der Autor noch einmal zu einem Stakkato der Schlagwörter ansetzt. Unter diesen ist neben dem des Bauersterbens auch das des Cybersex.

Auf eine Diskussion kommt es dem Autor, so kurz vor Schluss, nicht wirklich an. Auf all die Fragen, die man zum Thema Cybersex stellen könnte, lässt sich Enzenzberger gar nicht erst ein, denn im Grunde weiss er sowenig, was Cybersex ist wie wir alle.(2) Gerade deswegen bläst der SPIEGEL ins Horn: Deswegen platziert er den Nebensatz aus dem Abspann im Aufmacher des Beitrages, deswegen gibt er dem kleinen Enzenzberger-Foto eine großes mit einer halbnackten Frau in dreifacher Positur zur Seite, deswegen begegnet den Lesern gleich auf der zweiten Seite das nackte Pärchen mit den SM ähnlichen Metalldessous. Nichts, was daran wundern würde: "Sex sells", und wie man sieht, gilt dies nicht nur für BILD. Man könnte fragen, warum der SPIEGEL das nötig hat. Ist Enzenzberger Name nicht Zugpferd genug?! Es ist keine Sache zwischen dem Spiegel und Enzenzberger, es ist eine zwischen der Zeitschrift und dem Netz.

Die Aufmachung des Beitrages ist im Grunde so manipulativ wie Magrittes Ceci n'est pas une pipe aufklärerisch ist. Während sich Magritte, der "Erkenntnistheoretiker unter den Malern", wie Enzenzberger schreibt, mit seinem Bild über all jene lustig macht, "die die Abbildung einer Pfeife mit einer Pfeife verwechseln", hofft die Redaktion des SPIEGEL, dass ihre Leser die Präsentation eines Beitrages mit seinem Inhalt verwechseln. Enzenzberger bemerkt in diesem Beitrag an einer Stelle, dass BILD "kein Informations-, sondern ein Unterhaltungsmedium" sei. Was ist der Spiegel? Was ist seine Information? Dass der Cyberspace Cybersex ist. Das ist nicht einmal gelogen - dieses Medium dient dem Sex so sehr wie alle anderen Medien vor ihm. Die Lüge steckt in der Geste der Aufklärung, mit der das alte Medien das neue vorführt.

Die Aufplusterung des Themas Sex im vorliegenden Fall scheint anzuzeigen, worüber der SPIEGEL eigentlich reden will. Indem es das neue Medium auf Sex festlegt, offenbart das alte, wie sehr es selbst diesem Thema verfallen ist. Man bedient nur zu bereitwillig das vorausgesetzte Bedürfnis des Publikums - und wenn dies der Autor nicht tut, dann tut es auch ein entsprechendes Bild und ein ins Rampenlicht geholter Satz aus dem Abspann.

Oder handelt es sich um ein tieferliegendes 'psychologisches Problem' der Medien? Ist es Existenzangst, die die alten Medien angesichts der Entwicklung des Internets zum neuen Leitmedium überkommt? Ist es in diesem Kontext der Bedrohung beruhigend, sich wenigstens des Gleichen im Anderen zu versichern? Der Sex scheint da ein dankbarerer Topus zu sein als so komplizierte Phänomene wie netzspezifische Kommunikation oder digitale Literatur, worüber man weit weniger in den alten Medien erfährt. Die alten Medien thematisieren am neuen das Alte, denn erstens verstehen sie (ihre Redakteure) davon etwas, zweitens ist dessen Publikumswirksamkeit hinlänglich erwiesen und drittens verliert das neue Medium damit seine Spezifik. Das Interessante am Neuen ist das Bekannte, das Bekannte im neuen Rahmen.

Im Grunde liegt eine Spielform der Selbstreferenz vor, die ja zunehmend als Phänomen der Medien diagnostiziert wird (vgl. dazu das Kasseler Forschungsprojekt). Statt ihr Publikum sachgemäß über Realität zu informieren, geht es den Medien viel mehr um die Aufrechterhaltung eines Spiels der Unterhaltung. Das vorliegende Beispiel ist weder ein Einzelfall, noch erstaunlich. Erstaunlich ist, wie leicht sich selbst Aufklärer wie Hans Magnus Enzenzberger in den Dienst der Unterhaltung und Fehlinformation stellen lassen. Aber wer Zeitschriften mit einem Spiegel der Realität verwechselt, ist nicht reif für die Gegenwart. Die Frage angesichts des vorliegenden Beispiels heißt: Welche Gerechtigkeit kann den neuen Medien überhaupt werden? Die Antwort lautet wohl: The show must go on.


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1. Die im Bildzentrum akzentuierte Gefahr der Verletzung des Oberarms durch die überdimensionalen 'Fingernägel' des Datenhandschuhs besteht natürlich keineswegs, denn der Sinn dieses Instruments liegt gerade darin, taktile Reize zu simulieren. In der Welt des Cybersex gibt es kein Zusammentreffen von Oberarm und Dataglove; der Oberarm ist im Dataglove, künstlich erzeugt durch kleine Stromstöße. Andererseits liegt gerade darin die Verletzung des Körpers durch den Metallhandschuh, als Verletzung der natürlichen Körperlichkeit durch die künstliche: Der Dataglove macht den menschlichen Körper überflüssig und verursacht somit einen 'digitalen Kastrationskomplex'. Cybersex ist das Ende aller Kratzer und Prellungen. Die Verletzung des Körpers liegt darin, dass ihm keine Verletzung mehr wird.

Man kann das Bild als Beschreibung von Cybersex lesen, wenn man es in zwei Wirklichkeitsebenen trennt: Man sieht einerseits die Frau im Cybertechnik-Dessous, man sieht andererseits, was sie in ihrem Monitor sieht und zu berühren meint. Das Bild stellt also keine Szene dar, die es so gibt, es ist keine Abbildung von Cybersex, sondern ein verschachtelter Kommentar zu diesem. Der betont geschminkte Mund der Frau ist insofern die ironische Zugabe der gestellten Situation, denn die reale Attraktivität der Frau ist im Modell des Cybersex so unwichtig wie die reale Anwesenheit des anderen; der Lippenstift des Cyberspace sind die Pixel des eingesetzten Programms. (zurück)

2. Immerhin hinterlässt Enzenzberger, bewusst oder nicht, einige Ansatzpunkte, wenn er als Gegenmittel zum Cybersex gerade die Trägheit des Körpers aufführt oder wenn er unterstellt, dass andere Cybersex mit Liebe verwechseln. Im letzteren Falle vermutet man eher die polemische Lust des Autors als dessen tatsächliche Auffassung. Dass Sex nicht Liebe ist, wissen die meisten sehr wohl - sei das Präfix nun Cyber, SM, Telefon oder normal. Der aufsehenerheischende Satz könnte also ebensogut ganz allgemein und medienneutral heißen: Wer Sex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychatrie.

Was die Trägheit des Körpers betrifft, so scheint die Wortwahl die intendierte Aussage zu unterminieren. Trägheit des Körpers lässt an die bloß fleischliche Lust des Hier und Jetzt denken, über die sich der Mensch, anders als alle anderen Gattungen, durch sein Abstraktions- und Imaginationsvermögen erheben kann. Die Beweglichkeit der Phantasie wäre der Gegenentwurf zur körperlichen Trägheit; die Freude über letztere ist aus dieser Perspektive mindestens zweifelhaft.

Sexuelle Phantasien sind freilich einerseits kein genuines Problem des Cyberspace, andererseits müsste geklärt werden, inwiefern sie überhaupt Bestandteil des Cybersex sind: Bedeutet Cybersex wirklich den Auszug der Lust aus dem Fleisch ins Gehirn oder zielt er nur auf die Imitation taktiler Reize durch eine ausgeklügelte Maschinerie (wie sie das Foto zeigt)? Oder ist mit Cybersex die ganz gewöhnliche Peepshow am Computerschirm gemeint? (zurück)