www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/11-Juli


dominoa.
Text als Spiel als Werbung für Text?

Besprechung von Roberto Simanowski

Abstract - Download (zip 200 KB)

1 - 2 - 3 - 4 - 5

Im Linzer Literaturwettbewerb um den Marianne-von-Willemer-Preis 2000 ist am 8. Juni die Entscheidung gefallen. Das ausrichtende Ars Electronica Center hat mit zwei Preisträger gekürt (dominoa und Crime) und drei weiteren Projekten Anerkennung ausgesprochen. Dieser Wettbewerb, für den vom 20.9.1999 - 31.1.2000 Arbeiten eingereicht werden konnten, beruhte auf zwei begrüßenswerten Einschränkungen:

1. teilnehmen durften nur Autorinnen
2. die Beiträge sollten "in spezifischer Weise in ihrer Produktion und/oder Präsentation auf der Nutzung von Internet basieren".

Begrüßenswert sind die Einschränkungen, weil beide Zielgruppen eine besondere Lobby brauchen. Von der vorliegenden Mischung könnte man zugleich eine besondere soziale Einsicht erwarten: Gehen Frauen anders zu Werke, wenn sie Literatur mit Technologie verbinden?

Die Jury hatte es auf diese Frage wohl nicht abgesehen, zumindest enthielt sie sich der öffentlichen Reflexion. Überhaupt gibt es keinen Kommentar, wie es zu den Preisträgern kam, wer eigentlich zur Jury gehörte, wie viele Beiträge es gab und was die prämierten von den nicht prämierten unterscheidet. Aber diesen Mangel an Erklärung kennt man bereits und man ahnt, dass auch die in der Ausschreibung ausgegebene Losung "Ausschlaggebendes Kriterium ist der künstlerische und innovative Einsatz der eingesetzten Technologien" nicht weiterhalf, denn was ist nicht alles innnovativ und was ist eigentlich noch künstlerisch!

Reflexion gibt es dafür von den Preisträgerinnen selbst. Petra Harml-Prinz, Angelika Mittelmann, Renate Plöchl, Ilse Wagner und Anja Westerfrölke erklären dominoa wie folgt:

Text war immer auch schon Bild. Das Medium Internet stellt dieses nun erneut in den Mittelpunkt: Text setzt sich ständig neu zusammen, wird in seiner Größe und in seinem Format verändert, ist in Bewegung. Es entsteht eine veränderte Aufmerksamkeit.
Verändern sich dadurch auch die Texte? Gewinnen Fragen der Präsentation und der Repräsentation für die Autorinnen mit diesem Medium an Bedeutung?
Diese Aspekte werden bei dominoa zum Thema.
Das Spiel in den verschiedenen Varianten, Texte, die visuell gleichwertig nebeneinander gestellt sind, und als Belohnung ein Einblick in die Struktur der Website bieten einen Zugang zu Literatur in diesem Medium.

Das klingt nach Metaebenenliteratur und nach Visualisierung obendrein: Text als Bild also! Die Auskunft bleibt freilich recht vage und klärt nicht, ob sie auf die innere oder äußere Beziehung von Text und Bild zielt, ob es sich also um die inneren Bilder handelt, die Texte zu literarischen Texten machen (Metaphern), oder ob es um die Beziehung zwischen Text und Bild geht, die es seit den Labyrinthgedichten des Altertums, den Gittergedichten des Barock und der konkreten bzw. visuellen Poesie des 20. Jahrhunderts gibt. Wir vermuten letzteres, denn dominoa visualisiert Text und lässt ihn, äußeres Zeichen des Modellwechsels, als jpg-Datei erscheinen. Schauen wir uns an, wie das funktioniert.

1 > 2 - 3 - 4 - 5