www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/11-Juli


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Die beiden letzten Absätze stehen im Zeichen des Konjunktivs, denn was beschrieben wurde, ist eine Möglichkeit, die das vorliegende Werk nicht wirklich erfüllt. Zu vieles stellt in Zweifel, dass die 5 Autorinnen die Intention hatten, die ihnen soeben nachgesagt wurde.

  • Indiz Nummer 1: Die Wahrnehmung der Texte als Texte im Sinne der Vermeidung von Wiederholung ist so gar nicht möglich. Das Erinnern kommt zwangsläufig immer zu spät, denn die Texte können erst entziffert werden, wenn sie in die Mitte geschoben wurden. Die Icons in der Leiste geben ihre Texte nicht preis, ausgenommen die bis auf den Buchstaben hinunter vergrößerten Karten. Die meisten Textkarten klickt man faktisch blind an. Wenn aber die Wahrnehmung des Textes als Text keine Spielerleichterung bringt, kann sie auch kein provozierter Nebeneffekt des Spiels sein. Dies wäre nur der Fall gewesen, wenn auf Mouseover eine lesbare Vergrößerung des anvisierten Textes erschienen wäre, die dem Spieler aufgrund der bereits gelegten Karten und d.h. aufgrund der bereits gelesenen Texte die Entscheidung zum Mouseclick erleichtert hätte.

  • Indiz Nummer 2: Die Farbleiste ermöglicht an der Wahrnehmung der Texte vorbei Schlussfolgerungen darüber, welche Karten schon gelegt wurden. Da ganz links im jeweiligen Farbfeld immer die am meisten vergrößerte angezeigt wird und ganz rechts immer die kleineste mit dem meisten Text, kann man mit einem Gespür für die vorhandenen Vergrößerungsstufen leicht einschätzen, ob die Karte, auf die man klicken will, schon gelegt wurde. Auf den Text selbst muss man sich insofern nicht einlassen.

  • Indiz Nummer 3: Wer ab Karte 14 dem Link von der Mittelfeldkarte zum Muttertext folgt, wird erstens nicht unbedingt den Kontext des eben Gelesenen vorfinden und zweitens für seine Text-Neugier bestraft, denn das Spiel schaltet sich dabei wieder auf den Nullzustand. Die Folge der Neugier auf den Text kommt dem Raus im Würfelspiel gleich, man muss von vorne anfangen. Hier trennen sich die Interessen des Spielers von denen des Lesers, statt dass, wie es hätte sein sollen, das Spiel allmählich den Leser erzeugt. Dieser Tatbestand hätte leicht durch die Öffnung eines neuen Fensters vermieden werden können, das den Ablauf des Java Applets nicht berührt und so den aktuellen Spielstand bewahrt.

Angesichts dieser schweren Gegenbeweise ist am oben unterstellten Trick der Autorinnen eher zu zweifeln. Aber was wäre dann die Intention des Ganzen? Sollte es ihnen doch nur um das Spiel mit dem Text gegangen sein?! Was aber würde dies bedeuten?

Nun, genau das, was es in der ersten Version nur auf den ersten Blick war: Der Missbrauch des Textes für ein Spiel. Ein Sakrileg vergleichbar der Verwendung von Beethovens Neunter in der Cocawerbung oder von Dürers Selbstprotrait im Friseursalon. Schlimmer noch, denn in jenen Fällen wird ja immerhin die Aussage der Musik bzw. des Bildes benutzt, nur eben für unlautere Ziele. Das Alle Menschen werden Brüder bleibt erhalten, auch wenn es sich der zweifelhaften Idee verbindet, dies durch den Verzehr von Limonade bewirken zu können. Für die Verwendung des Textes als Karte im Dominospiel jedoch wird die Aussage des Textes gänzlich hinfällig, der Text wird hier nicht missbraucht, sondern als solcher überwunden. Warum dann diese Inszenierung? Warum soll man hier mitmachen? Ist es der Kitzel, einem Verbrechen am Text beizuwohnen?

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