www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/15-Feb


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Handlungsstränge

Carola Heine beginnt die von Claudia Klinger moderierte Geschichte am 18. Juli 1996 mit einer unverfänglichen Szene beim Bäcker (Frau schenkt drei finanzschwachen Kindern neben dem Tresen drei Lollilutscher), die aber (die strahlenden Gesichter der Beschenkten wecken den Kinderwunsch der Spenderin) in eine Quicky-Phantasie "zwischen Laugenbrezeln und Aufbackbrötchen" mündet (denn zur Kinderzeugung wäre geradejener "muskulöse und attraktiv verschwitzte junge Mann in dem blauen Overall" im Ladeninneren der Geeignete).

Herbert Hertramph bringt im zweiten Beitrag den Bauarbeiter ins Spiel, der von außen in den Bäckerladen schaut und an der dort entdeckten Frau seinerseits die gleiche Phantasie entwickelt. Jedoch führt Hertramph nicht nur eine neue Figur ein, aus deren Perspektive er das Geschehen be- und weiterschreiben kann, er besetzt auch, was bisher offengeblieben war: die Protagonistin der ersten Szene. Diese wird vom Bauarbeiter als klein und altmodisch bekleidet beschrieben (Carole hatte ihr Seidenbluse und Rock mitgegeben, Herberts Bauarbeiter wünscht sich eher Jeans). Solche Bemerkungen lenken Lesesympathien, kein Wunder, daß Carola zurückschlägt.

Sei es, dass Carola die Umlenkung der Aufmerksamkeit vom attraktiv verschwitzten Blaumann auf den Bauarbeiter missfiel, sei es, dass ihr die gleiche Phantasie im Hirn eines Mannes schon weniger behagte, sei es, dass sie die ungünstige Beschreibung ihrer Figur persönlich nahm, jedenfalls zeigt sie nun, was ihre Protagonistin von solch "grinsenden Halbaffen", solch "direkten Nachfahren des Neandertalers mit dem primitiv-abschaetzenden Blick", solch "Steinzeit-Machos" hält, die alle ihnen "karrieremaessig ueberlegenen Maenner als Idioten bezeichnen und einen kleingeistigen Schrebergarten an Vorurteilen" hegen. Die Schmähung geht bis in den Schweiß: während der Blaumann noch "attraktiv verschwitzt" war, könne diese bauarbeitende Inkarnation des Frauenschrecks, so erfahren wir, sich wegen seines "ALTEN Schweisses" als Verhütungsmittel patentieren lassen, so sehr vergehe es einem da.

Die Tirade ist vielleicht etwas ungerecht (Herbert hatte ja nur die Phantasie der Protagonistin aufgegriffen), auf jeden Fall aber zu lang, um gut zu bleiben. Eines ist Carola indes glänzend gelungen: ihre Figur ist wieder von der Kennzeichnung des Bauarbeiters befreit. Sie lässt diesen nämlich, während ihre Protagonistin an ihm vorbeigeht, weiterhin in den Bäckerladen stieren, in dem noch das Objekt seiner Begierde ("eine dieser kleinen agressiven Frauen") weilt. Der Bauarbeiter bekommt den schwarzen Peter des schlechten Geschmacks, wenn auch auf Kosten mangelnder Geschlechtssolidarität.

Das Interessante an kollektiven Geschichten ist, daß jeder seine Sprechzeit hat. Der Kurzkommentar der Beiträge im rechten Rahmen verrät reißerisch: "Nach diesem Tiefschlag hätte man denken können, mit dem Bauarbeiter sei es vorbei. Aber weit gefehlt: Herbert schlägt zurück!"

Die Rehabilitierung erfolgt durch Umdrehung und Übertreibung. Herberts Bauarbeiter ist eigentlich ein ehemaliger Professor für "interkulturelle Kommunikation" an der Frankfurter Universität, der nach zwei unliebsamen Veröffentlichungen gegen die "sexistischen Vorstellungen einer reaktionären Politik" geschasst wurde und nun mit primitiver Arbeit seine beiden Kinder, "Carola (4 Jahre) und Claudia (6 Jahre)" (man beachte die Abspielung auf Carola Heine und Claudia Klinger), allein ernährt, da seine Frau, eine mit dreißig Jahren habilitierte Professorin für "Ethnomethodologie", bei einem Autounfall ums Leben kam.

Das also ist die Basis, um nun Carolas Figur zu einer Inkarnation der Vorurteile, nämlich gegen Bauarbeiter, zu machen, der Herberts Figur durch eine entsprechende Macho-Bemerkung über Frauen zu seinem Kollegen trotzig "den Gefallen" einer Bestätigung tut. Die "kleine agressive Frau" aber, die noch im Bäckerladen steht, entpuppt sich nun als Wissenschaftlerin, die über "Kybernetische Funktionen in der Systemtheorie" schreibt und die der Bauarbeiter letzte Woche auf einer Veranstaltung von Amnesty International in der Section Gleichberechtigung gesehen hat.

Bei diesem Maß an Übertreibung droht die Geschichte in die Parodie zu kippen oder sich im Kleinkrieg zweier Beiträger zu erschöpfen, noch ehe sie richtig zum Leben erwacht ist. Die Leser ahnen, dass dies nicht fortsetzbar ist. Die Kontrahenten mögen es ebenso gespürt haben, zumindest sieht es die nächste Autorin so. Die fühlt sich für den entbrannten Streit nicht zuständig und knüpft nur insofern daran an, als ihre Protagonistin den Bauarbeiter als freundlichen Ausländer beschreibt (die Nationalität war bisher offen geblieben), der ihr mit dem Kinderwagen hilft, während Carolas Protagonistin zur Sekretärin degradiert wird, die aussieht wie alle Sekretärinnen.

Antje Fischer kommt zur Ausgangsphantasie zurück und setzt zugleich neue Akzente: Ihre Figur stellt der Phantasie ihrer Geschlechtsgenossin (deren verträumten Blick sie natürlich sofort durchschaut) den tatsächlich vollzogenen Sex zwei Jahre zuvor in einer Metzgerei entgegen. Es handelt sich um den Kommentar einer Frau auf die Initialphantasie einer anderen, die, statt aktiv zu werden, mit einem Lollie als Ersatz frustriert den Laden verlässt, "einen Bauarbeiter aus dem Weg scheuchte und zu den Männlein im Büro zurückging" ("Ich hätte sie schütteln mögen: 'Keinen Lollie, bestell dir einen Kaffee, und dann ran an den Mann!' Aber nein, Frau nimmt nicht, was sie will. Frau wuschelt in den Haaren und hofft, daß einer gesprungen kommt…")

Die Geschichte nimmt in ihren weiteren 32 Beiträgen freilich noch viele Wendungen. Ein Hund gibt das Geschehen aus seiner Perspektive wieder und lässt vermuten, dass sein Frauchen tatsächlich einen Quicky hat, und zwar mit dem Bäckerssohn; ein männlicher Autor gibt dem Bauarbeiter zur Zigarette (die ihm schon Herbert Hertramph zugeschrieben hatte) eine Bierflasche hinzu und läßt seinen Pharmaberater an der Frau, mit der dieser vor den Bäckerei zusammenstößt, das gepflegte Deutsch loben, "was für Kölner eigentlicht recht selten ist", was wohl an Antje Fischers Adresse geht, die den Text zuvor durch die lokale Festlegung ("Kölns teuerster Bäckerei") eigenmächtig allen anderen Orten Deutschlands entrissen hatte.

Da dieser Autor seine Figuren nach dem Zusammenstoß Telefonnummern austauschen und sich fürs Wochenende verabreden lässt, dann aber seinen Beitrag beendet, versieht er seine Nachfolger mit einem Erbe, das diese im Interesse der Geschichte nun irgendwie abarbeiten müssten. Ein schwerwiegenderes Erbe hinterläßt der nächste Autor, indem er unter dem Titel "Die wahre Bäckergeschichte" den Mann im Overall als Geliebten seines Protagonisten festlegt; was einem anderen Autor Anlass gibt, es in der Bäckerstube zwischen diesen beiden zum Sex kommen zu lassen.

Diese Eigenmächtigkeiten scheint die Geschichte nicht zu vertragen. Es folgen Beiträge, die kaum noch etwas zur Sache tun, einschließlich einer schönen, aber nicht einmal vorgeblich mit der Geschichte verknüpften Erinnerung von Huschiar Magjidi an den Bäckerladen in seiner Kindheit in Teheran. Ein Schwarzamerikaner und eine Deutsche verlieben sich nach dem Zusammenstoß ihrer Autos vor dem Bäckerladen. Indem Carola Otto in diesem Beitrag abschließend dem Pharma-Vertreter den Satz in den Mund legt "Wie kann so eine süße Frau sich nur mit einem Neger abgeben?" hinterlässt sie zielsicherer als alle Autoren zuvor ein Erbe, das nicht ausgeschlagen werden kann. Während das Wochenendtreffen und das Coming Out keine Chance haben, bekommt der ausländerfeindliche Vertreter bald sein Fett - allerdings nicht von Carola Heine, der nächsten Beiträgerin, sondernd erst im darauffolgenden Beitrag von Sascha Greinke unter dem Titel "Idioten beim Bäcker" - bemerkenswerterweise der gleiche Autor, der zuvor für die homoerotische Wendung gesorgt hatte.

Carola Otto bedankt sich umgehend, indem sie ihr Pärchen mit den Pärchen des Xenophilen (diesmal 'Straights') in einer Kölner Kneipe zusammentreffen und eine Runde für "soviel Solidarität" ausgeben lässt. Ihr Abgang appelliert erneut an die politische Haltung der Mitleser: Ihre Protagonistin wird im Van ihres schönem Schwarzen ohnmächtig, nachdem sie ein plötzliches Pfeifen und Krachen gehört hat. Das riecht ein bisschen nach Kristallnacht und man ist gespannt, was der/die Nächste daraus macht.

In diesem Fall greift keiner den Ball auf. Weder der nächste Autor, noch der übernächste (der xenophile) sind bereit, den Vorfall zu beschreiben. Die Disziplin der Autoren, wir sind beim 19. Beitrag, ist endgültig hin. Niemand nimmt nun mehr Bezug auf das Vorangegangene, man hält sich nicht mehr an den Stand der Dinge, nicht einmal an die erreichte Ereigniszeit (man war längst im Abend, nun geht es plötzlich des Mittags weiter). Es gibt noch schöne, lesenswerte Passagen (Carola greift eine Person auf, die mit einer anderen Autorin ins Spiel gekommen war, und erzählt aus der Perspektive eines vier Jahre alten Mädchens das Geschehen in stilistisch überzeugender Form), aber es ist nicht zu übersehen: Keiner kümmert sich so richtig ums Gemeinwohl. Damit erhält der Text schließlich ein neues Thema: sich selbst.

Ingeborg Jaiser spricht es aus im 22. Beitrag:

"Als ich den Hörer auflegte, fühlte ich mich unendlich müde. Das Seidenzeug war restlos zerknautscht, mein Parfum verflogen, die Lust auf Alex zu einem blossen Zittern zusammengeschrumpft. In den Flurspiegel blickte ich absichtlich nicht. Für einen letzten Moment rang ich mit mir. Sollte dies nicht ein Gemeinschaftsprojekt sein? Sollte ich nicht an den toughen Notarzt, an den rassigen farbigen Lover, an die kleine Yolanda denken? War ich nicht dazu verpflichtet, sie alle in meine Fortsetzung einzubinden? / Unfug, sagte ich mir. Das war meine Runde. Sollten die anderen schauen, wo sie blieben."

Der Bruch der Reflexion im Textfluß entspricht dem Zustand des Text-Projekts. Die Mahnerin ändert daran nichts, sie macht vielmehr ihre Drohung wahr, beginnt eine ganz neue Geschichte: Alex hat die Protagonistin soeben verlassen: "Dann fand ich den Zettel auf der Couch. Hektisch überflog ich die paar Worte. Konnte es nicht glauben. Setzte immer wieder von neuem an. Dann riss ich meinen Mantel vom Haken, klemmte die Handtasche untern Arm und rannte panisch aus der Wohnung." Und natürlich beteiligt sich der nächste Autor nicht an der angezettelten Suche.

Susann Zauberfee unternimmt daraufhin in Beitrag 24 (1. März 1997) einen Versuch, den Text zu retten. Autor- und Erzählebene verschränkend gibt sie sich als die "Zauberfee" zu erkennen, die als Drahtzieherin schon die ganze Zeit hinter den Kulissen wirkte. Sie rekapituliert die bisherigen Fäden, erörtert den Sinn der Personenführung (alles klare Pläne der Trennung und Zusammenführung), klärt hinterbliebene Rätsel auf (die 'Kristallnacht' war nur ein abgestürzter Zementkübel) und suggeriert mögliche Fortsetzungen. Ein grandioser Versuch der Integration. Wer sich da soviel Sorgen um das Kollektiv macht, heißt Susann Ulshöfer, und organisiert, wie am Ende dieses Beitrags zu erfahren ist, unter http://www.zauberfee.de/cyberzauber.htm selbst ein eigenes Webprojekt (Vorstellung eingesammelter Gedanken, Gedichten und Geschichten).

Hat die Zauberfee Erfolg? Der Kommentar zum nächsten Beitrag sagt alles: "Wieder mal betritt ein ahnungsloser Besucher den Bäckerladen, bemerkt kleine Absonderlichkeiten und vor allem die Frau, auf die er nicht gewartet hat." Die Geschichte stirbt, mit retardierenden Einschüben. Hans Peter Müller titelt Beitrag 29 (Juni 98): "Beim Bäcker - Kommt denn keiner mehr vorbei?" Der Umzug auf die Metaebene macht das Projekt selbst zum Thema, als Bestandteil digitaler Kommunikation:

"Welch ein Unterschied zu damals: in nahezu wöchentlichen Abständen hatte irgend jemand einen neuen Farbtupfer hinzugefügt; er dachte mit versonnenem Lächeln daran zurück, daß ihm diese Geschichten Mut gemacht hatten: nämlich (zum ersten Mal) sich zu 'veröffentlichen'; und eigene Beiträge beizusteuern, im wahrsten Sinne des Wortes aus sich heraus zu gehen; also jene Energie fließen zu lassen, die Kreativität wie Erotik vielleicht am meisten ausmacht…/ Welch ein Unterschied zu damals: immer wieder waren neue, interessante Menschen aufgetaucht, die eine oder andere Geschichte hatte ihn sogar auf den Autor bzw. die Autorin neugierig gemacht; er hatte versucht, sich vorzustellen, wie er oder sie wohl aussehen würde, welches Leben sie führten, welche Träume sie wohl hatten; war bisweilen sogar versucht gewesen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen; also jene Energie fließen zu lassen, mit der man sich näher kommt…"
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