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 (un)soziale Ästhetik

Die Reflexion rundet die Beobachtung ab, dass die eigentliche Story der Mitschreibprojekte ungetippt zwischen der Teilnehmern abläuft. "Beim Bäcker" legt die Gruppen-Dynamik der Autoren offen zutage. Wenn Hans Peter Müller das Gemeinschaftsprojekt als solches mit Erotik vergleicht, weil Energien fließen und Menschen sich näher kommen, ist andererseits auch von Verstümmelung zu reden. Das Projekt wimmelt nur so von blutigen Textstümpfen, die keiner versorgt. Alle hinterlassen sie ihre Beiträge mit Ereignissen, die, so meint man, nach der 'Werbepause' unbedingt aufgelöst werden müssen. Keiner kümmert sich richtig darum. Diese hartnäckige Ignoranz macht das Kollektivprojekt schließlich zu einem Tummelplatz der Egoisten.

Aus diesem Grund vegetiert die Geschichte bald nur noch vor sich hin, von Zeit zu Zeit noch jemanden zu einem Beitrag bewegend (der letzte Beitrag ist auf Dezember 98 datiert). Was sie braucht, ist ein Autor, der ihr Scheitern erzählt - anders gesagt: ihr Ende. Denn wenn keiner an der Zusammenführung und Schließung der Spannungsbögen arbeiten will, bleibt letzlich nichts als ein gekonnter Abbruch.

Was die collaborativen Möglichkeiten und Grenzen des Genres betrifft, so lassen sich am besprochenen Beispiel folgende Thesen über Mitschreibprojekte dieser Art formulieren.

  1. Schreiben ist Sinngebung, Sinngebung ist Okkupation; was noch nicht semantisiert wurde, steht anderen zur Verfügung. Dies ist Ziel der Sache, zugleich aber auch Stein des Anstosses, denn es geht dabei nicht nur um Besetzung von Brachland, sondern auch um Enteignung des bereits kultivierten.
  2. Die Möglichkeiten der Aneignung des Geschriebenen sind begrenzt. Eine Figur, eine Handlung kann nicht unendlich oft umgeschrieben werden. Das vorliegende Genre tendiert daher dazu, dass neue Autoren neue Personen mitbringen. Diese ermöglichen zum einen, das bisherige Geschehen aus einer neuen Perspektive nochmals neu zu deuten, zum anderen eröffnen sie neue Felder der Beschreibung.
  3. Eine besondere Art der Aneignung ist die Besetzung der Zukunft, wie sie durch angekündigte, aber noch nicht realisierte Handlungen erfolgt. Der Autor versucht dadurch, seine Anwesenheit über die Zeit seines eigenen Erzählens hinaus in den Text seiner Nachfolger zu verlängern; wie zu sehen war, meist ohne Erfolg.
  4. Wenn die bisherigen Informationen nicht umgedeutet oder ignoriert werden, versucht man, sie in den eigenen Text zu integrieren, der sich damit gleichsam als Fortsetzung legitimiert. Diese 'aufgreifende Aneignung' des Vorgefundenen erfolgt mitunter unverkennbar als Verbeugung vor dem Schöpfer des Zitierten. Je weiter die Geschichte voranschreitet, um so mehr wird die Aufnahme vorangegangener Informationen zu einer Frage der Verwaltung.
  5. Die Bereitschaft der Autoren, sich an dieser Verwaltung zu beteiligen, ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Das Schreiben nicht in, sondern neben der Geschichte wird irgendwann zu einem spürbaren Problem und führt die Geschichte zur Reflexion ihrer selbst. Die Geschichte der Geschichte wird Gegenstand der Beiträge. Die Mahnungen erweisen sich allerdings als relativ wirkungslos; die Demokratie des Schreibverfahrens verhindert das Gelingen des Projekts.
  6. Das Ende öffentlich auszurufen ist die Aufgabe des letzten Autors. Da der Text keinem gehört, kann keiner wirklich diese Aufgabe zu übernehmen. So vergetiert der Text vor sich hin, ohne, wie Wein oder Käse, mit zunehmendem Alter besser zu werden.

Die Qualität des vorliegenden Schreibprojekts bleibe dahingestellt. Es liest sich besser, als man erwarten mag. Allerdings muss man in Rechnung stellen, was Mitschreibprojekte überhaupt leisten können. Der Tip eines Kommentators dieses Textes, für erotische Literatur lieber andere Websites aufzusuchen, mag richtig sein, verkennt allerdings den eigentlichen Sinn dieses Projekts. Die Erotik ist nur der Speck, die eigentliche Handlung spielt zwischen den Zeilen. Oder, um Hans Peter Müllers Sicht auf die Energieströme zwischen den Mitschreibenden aufzugreifen: die Erotik findet zwischen den beteiligten AutorenInnen statt.

Mitschreibprojekte sind nicht in erster Linie aus ästhetischen Gründen interessant, sondern wegen der Geschichte, die sie dem Leser über ihre Autoren erzählen. Der Reiz dieser Texte, so wäre als 7. These zu formulieren, liegt weniger in ihrer literarischen Qualität als in der abzulesenden Gruppendynamik. Das Spannende ist zu beobachten, wie auf den Text des Vorgängers eingegangen bzw. nicht eingegangen wird, wie Machtkämpfe in der Gestaltung einer Figur entbrennen, wie die meisten ihr eigenes Süppchen kochen, wie eine gute Seele durch einen moralischen Appell den roten Faden zu retten versucht. Kollektivgeschichten sind v.a. spannend durch ihre 'soziale Ästhetik': Unter dem Text liegt ein Text, der von den Autoren, von der Dynamik der Kommunikation im Netz handelt, die Autoren der 'offiziellen' Geschichte sind die Figuren einer geheimen Geschichte und schreiben im Schreiben an jener zugleich an dieser über sich sich selbst.


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