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Claudia Klinger in der Mailingliste Netzliteratur am 5. März 2000

Hallo Roberto, hallo Listige,

ich fühle mich reich beschenkt durch Robertos ausführliche und hingebungsvolle Rezension des Mitschreibprojekts "Beim Bäcker". Zum ersten Mal erlebe ich, wie es ist, wenn jemand sich einer Sache, die ich lange moderierte, ausführlich widmet. Und nicht nur die webüblichen 4 Zeilen Lob! Als erstes werde ich mich darum bemühen, möglichst allen Autoren Mitteilung von diesem Geschenk zu machen - was nicht immer leicht sein wird, denn Mailadressen wechseln.

Ich war hingerissen, zu lesen, wieviel Roberto durch blosses Lesen (=ohne Informationen über das "Leben dahinter", das Mit/Gegeneinander der Beteiligten) von dem Text, bzw. dem Ereignis mitbekommen hat. Darüberhinaus würdigt er auch die einzelnen Beiträge geduldig und wohlwollend.

Seine anschließenden Beobachtungen und Kritikpunkte decken sich in weiten Teilen mit meinen und ich fühle mich wieder mal motiviert, eine Geschichte des Textes aus meiner Sicht zu schreiben - kann es aber nicht, bzw. lasse lieber die Finger davon. ;-)

Die "Thesen zu den Möglichkeiten und Grenzen des Genres" sind ein Thema, das zur Weiterdiskussion einlädt. Gegen Ende schreibt Roberto:

>Aus diesem Grund vegetiert die Geschichte bald nur noch vor sich hin, von Zeit zu Zeit noch jemanden zu einem Beitrag >bewegend (der letzte Beitrag ist auf Dezember 98 datiert). Was sie braucht, ist ein Autor, der ihr Scheitern erzählt - anders gesagt: ihr Ende. Denn wenn keiner an der Zusammenführung und Schließung der Spannungsbögen arbeiten will, bleibt letzlich nichts als ein gekonnter Abbruch.<

Ich habe öfter schon daran gedacht, selbst ein Ende zu schreiben - fühlte mich dazu als Moderatorin in der Pflicht. Denn, wie Roberto schreibt:

>Das Ende öffentlich auszurufen ist die Aufgabe des letzten Autors. Da der Text keinem gehört, kann keiner wirklich diese Aufgabe übernehmen.

Kein Autor kann sich 'anmaßen', diesen Text "zu beenden" - bzw. wenn er es täte, wäre der nächste keineswegs in der Pflicht, dieses Ende zu akzeptieren. Und ein Ende, das nicht "echt" ist, bzw. nur eine Meinungsäußerung, ist eben kein Ende.

Also ich, als Moderatorin, weil ich den Text ALS MITSCHREIBPROJEKT arrangiert habe? Zwar schrieb ich weder den ersten noch irgend einen Teil des "Bäcker", doch nach dem zweiten Part gab ich der Sache eine eigene Website - also war ich für das Anlaufen verantwortlich und muß es auch beenden.

Dachte ich mir immer, konnte aber nicht, - NICHT ALS AUTORIN. Weil es mich tatsächlich inhaltlich nie gereizt hat, mich auf einen der Texte oder gar mehrere einzulassen. (Warum? Das wäre vielleicht ein Thema....aber eine andere Geschichte).

Einfach "The End" darunterschreiben, schien mir auch nicht angemessen.

Nun befreit mich Roberto aus diesem Dilemma - auf solch eine wundervolle Weise! Ich werde etwas in der Art dieser E-Mail als letzen Part darunter setzen und dann zur Rezension linken.

Das ist das beste! Wir können für solche Mitschreibprojekte feststellen:

- Gestalt und Pflege gibt die Moderatorin. (Form geben)

- den Inhalt liefern die Autoren. (Form füllen)

- das Ende setzt die Kritik. (zerstören oder in die Vitrine stellen).

Herzlichen Dank!

Jedenfalls habe ich begriffen, daß es der Netzliteratur vor allem an Kritik mangelt. (Ja, überhaupt erstmalig bemerkt, wie nützlich hier Kritik sein kann.) Da man an vielen Ecken immer wieder hört, daß jemand aus dem akademischen Raum "Netzliteratur" thematisiert, besteht vielleicht Hoffnung, daß sich das ändert. Und Roberto setzt ja tolle Maßstäbe!

Vielleicht müssen erstmal alle wesentlichen Werke (die ja kaum mal jemand länger als 5 Minuten angesehen hat...) durchkritisiert werden, bevor wirklich neue entstehen!

Besten Gruß

Claudia Klinger

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