www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/20-Nov


Mein Pixel-Ich
Auf der Suche nach einer Beschreibung
mit einem Vorwort

von Roberto Simanowski



Am Ende ist das Pixel-Ich Fleisch und Blut, mit einem Weinglas in der Hand und lauter freundlichen Worten zu lauter freundlichen Leuten. Der 11. November, Café Walden in Berlin, Prenzlauer Berg: Die virtuelle Gemeinschaft des Tagebaus trifft sich an realem Orte. Das ist nicht neu, das passiert Chattern genauso wie MUDlern und auch die Tagebauer trafen sich nicht das erste Mal. An diesem Abend aber hatten sie einen handfesten Anlass: Der Innovationspreis des ARTE-Liter@aturwettbewerbs und die Lesung aus dem daraus entstandenen Buchmanuskript.

Auf der Suche nach dem Wesen der Neuen Medien hatte ARTE Anfang August 2000 einige Schlüsselthemen in die Runde geworfen: Schöne neue Bücherwelt, hieß eines davon, das auf die Entwicklung von Schriftstellern, Texten und die Veränderung des Lese(r)verhaltens zielte. Mein Pixel-Ich, hieß ein anderes, mit der Losung: „Ich bin drin, also bin ich! Oder?" Ein drittes fragte nach dem Gegennetz, den WWW-Helden des Underground, ein viertes trommelte Ich ist mein Klon und meinte Biotech. Zu den vier Themen gab es drei Preiskategorien: Kurzgeschichte/Essay, Innovation und der „Sonderpreis für kreative Nutzung der medialen Techniken". Der Innovationspreis also ging an die Tagebauer, die Sabrina Ortmann und Enno Peter, geistige und webadministrative Eltern dieses im November 1999 gestarteten Projekts, auf das Thema „Mein Pixel-Ich" hatten einschwören können.

Vom 16. August bis zum 17. Oktober gab es im Tagebau Beiträge, die mit px gekennzeichnet waren und sich damit in die vielstimmige Erörterung des Pixel-Ich einschrieben. Damit dies auch thematisch vielstimmig vor sich ging, trug jede Woche eine konkrete Überschrift wie: „Die Geburt einer virtuellen Existenz", „Identität im Internet" oder „Vom Cyberflirt zum Flamewar". Die Jury war von Form und Ertrag der Themenbehandlung angetan und hob in der Laudatio das ‘Netzige’ des Projekts hervor: „Seine Innovationskraft erhält dieses literarische Gemeinschaftswerk vor allem aus der Spannung, die durch Rede und Gegenrede sowie die dazugehörigen Kommentare aufgebaut wird, die so durch andere Kommunikationsformen, wie z.B. Briefwechsel nicht erreichbar wären." Wie, so fragt sich nun, bringt man das, was im Netz und durch das Netz lebt, auf Papier. Und warum?

Auf letztere Frage gibt es eine klare Antwort. Als der halbe Tagebau infolge eines Server-Crash verlorenging, ward allen klar, wie fragil das erschriebene Text-Netz ist. Nichts, so wußte man wieder, ist sicher, wenn es nicht auf Papier existiert. Und da es Preisgeld gab und da sich kaum einer der Online-AutorInnen nicht auch gern gedruckt sähe, lag die Entscheidung fürs Buch nahe. Der Versuch der Rekonstruktion der verlorengegangenen Texte hatte zugleich deutlich gemacht, dass viele ihre Beiträge direkt ins Netz schreiben, ohne Back Ups und ohne anhaltender Arbeit an Inhalt und Form. Diese Spontaneität der Textproduktion ist symptomatisch für das Netz und verweist bereits auf das Wagnis des Medienwechsels. Wird man Texten, die aus der Dynamik einer Gruppe von Leser-Autoren entstanden sind, außerhalb ihres ursprünglichen Mediums und außerhalb dieser Gruppe etwas abgewinnen können? Die Sperrigkeit des Vorliegenden ist nicht zu übersehen. Es wird es schwer haben bei manchen Lesern. Eine durchkomponierte Geschichte wird hier jedenfalls nicht versprochen (und auch die Geschichtchen sind es nicht immer). Eher das Dokument einer Suche, das v.a. hinsichtlich seiner Authentizität besteht. Wer daran interessiert ist, wird diese 200 Seiten mit Gewinn lesen. Wird er am Ende wissen, was das Pixel-Ich ist?

Das erste Statement zum Thema findet man wohl in der Suche dieser „Kommunikations-Community" selbst: Pixel-Ich sind viele. Andere Antworten liefern die verschiedenen Texte der verschiedenen Autoren und Autorinnen. Zum Beispiel die Geschichte vom „häßlichen und irgendwie dümmlichen" Hilfsarbeiter Franz, den das Netz vorm Selbstmord rettet. Denn das Netz ist ein großer Gleichmacher und Ignorant, was Dinge angeht, die nicht als Worte daherkommen. Im Netz ist man, was man tippt: Das Pixel-Ich hat keine Pickel. Glaube? Betrug? Wer glaubt ihm schon, wenn jemand sich als Papst in den Chat einloggt, wie es einer der Texte durchspielt. Betrug gehört zur Verabredung, Skepsis ist oberstes Gebot. Das Pixel-Ich – Nummer drei – ist ein anderer.

Das fällt freilich weniger auf, wenn es sich nicht gleich um den Papst handelt, sondern einfach nur um Franz als rote Sophie. Der Erfolg, den dieser damit bei den Männern hat, ist durchaus problematisch: „die glücklichen momente als sofie kostete er aus, diese selbstbestätigung, die er von den flirtpartnern erfuhr, riefen gefühle in ihm wach, mit denen er nicht umgehen konnte, denn sobald sich sofie verabschiedete, weigerten sich die gefühle auf knopfdruck in die versenkung zu verschwinden und sie passten einfach nicht in seine scheiss reale welt, wo er als nichts dahinvegetierte" (8. Sept., 22:29 Uhr) Wohin mit dem Gefallen daran, von Männern virtuell verführt zu werden?! Hat der Vater nicht immer Homosexualität als „Schweinekram" verrufen! Das Pixel-Ich – so möchte man hier sagen – ist eine Chance oder eine Falle.

Aber auch Frauen leben als Frauen im Netz. So etwa Lady Chatterley, die nach einer unglücklichen Real-Life-Beziehung im Chat polygam und im RL asozial wird. „Lady Chatterley war Teil eines virtuellen sozialen Gebildes geworden. Abends verließ ich Kneipenrunden und Partys, um LC sein zu können. Das Real Life ödete mich an wie meine Real-Beziehung." Die vielen neuen Freunde online und die Angst, etwas zu verpassen, in Vergessenheit zu geraten. „Lady Chatterley hatte Sex mit anderen Frauen und Männern im Separé. Die Phanatsie macht mehr Spaß als die öde Wirklichkeit." (22. Aug., 21:45 Uhr) Gegen den letzten Satz hätten gewiss viele vieles zu sagen. Interessant indess bleibt der Umstand, dass Ungesehene sich hier mit Buchstaben verführen. Es gibt keinen Kuss im Netz außer man schreibt es. Das Pixel-Ich ist, selbst noch im Sex, Sprache.

Und weiter gehts. Da ist der Net-Junky, dessen Sucht ihm die Arbeitstelle, Geld und schließlich auch das Leben kostet. Da ist das Familientreffen im virtuellen Raum, dieses Jahr im französischen Landhausstil. Da ist die Anmache im ganz realen Leben, die ihn in ihrem Zimmer enden lässt, gefesselt am Stuhl, gescannt und ‘uploaded’ auf die Page der Hardcore-Camsuppliers: SM als Scan & Mouse. Da ist der Homepagebastler, der jährlich 600 Hits hat: wobei 360 von ihm selbst stammen (die tägliche Prüfung, ob die Site noch da ist) und 200 von einem Fan. Wer aber sind die restlichen 40!

Da sind jene, die mit ihren verschiedenen virtuellen Identitäten durcheinanderkommen und nicht mehr wissen, wo sie sich unter welchem Namen eingeloggt haben. Das Pixel-Ich – dies das ‘pragmatische Statement’ – braucht eine gute Buchführung. Andere wollen von multipler Identität nichts wissen: „Ich soll zweimal sein seit ich unterwegs bin im netz? Ein realito und ein virtualito? Und wenn ich mich aufs fahrrad setze und ein paar km strample, bin ich dann schon dreimal? Ein realito, ein virtualito und ein pedalito? Können wir nicht mal auf den teppich zurückkommen?" (26. Aug., 00:20 Uhr) Auch diese Rechnung ist zu einfach, und wir ahnen, welchen Spruch McLuhan für beide Medien, Fahrrad und Netz, parat hätte. Im Tagabau klingt der Einspruch so: „fazit 3: pixel-ICH angelt im unterbewußtsein und taucht willentlich in gefahrvolle untiefen des eigenen unbekannt." (12. Okt., 20:37)

Wieder andere rechnen radikal ab und schließen sich selbst gleich mit ein: „Die Zukurzgekommenen, die Propheten ohne Jünger, Kommunikationskrüppel und die ungefickten Jungfrauen beiderlei Geschlechts, die Irrliteraten, die Jungmanager, die Allein- und Selbstunterhalter, die Esoteriker und Paranoiker, Egomanen und Kleinkunstdarsteller. Sie alle habe ich eigentlich schon seit Jahren satt. … Ich weiß auch nicht, warum ich da immer wieder reingehe, was ich da eigentlich will. Ich gehöre irgendwie seit Jahren dazu. Im Hintergrund singen sie Hotel California: >>You can check out any time you like, but you can never leave<<." (15. Okt., 01:14)

Das steht weit am Ende und mag als Schlußwort gelten. Und Hotel California ist ja in jedem Falle eine bessere Metapher für die Gemeinschaft der Pixel-Ich als Thoreaus Walden. Das einfache, schlichte Leben, entlang an seinen elementaren Bedürfnissen, taucht zwar auch in diesen Texten mitunter als Wunsch und Sehnsucht auf, aber jeder Spaziergang über Stock und Stein ist einmal zu Ende – und zu Hause wartet die ganze Welt.


Ihr Kommentar

to homepage dichtung-digital
home