Das
Epos
der Maschine (Text
und Programmierung Urs Schreiber, Grafik Kai Jelinek,
Zeichnungen Cesare Wosko, Fotografie Claudia König,
Sound 'Die with Dignity') ist von eigenartiger
Schönheit, von der Schönheit des Technischen, das
nicht seinen tieferen Sinn verpasst. Ein Beispiel für
den gelungenen Einsatz aller drei Medien - Schrift, Bild,
Ton - in einer äußerst interessanten und, das ist
wichtig, bedeutungsvollen Verbindung mit den Mitteln der
Performance. Wer wissen will, was das digitale Medium zu
leisten imstande ist und wie man es schafft, raffinierte
technische Effekte mit der Freude auch an ihrem tieferen
Sinn zu verbinden, der ist hier an der richtigen
Adresse.
Man mag abgeschreckt sein
durch die lange Wartezeit für die Installation der ca.
1 MB schweren Tondatei (man kann die abgespeckte Variante
ohne Sound wählen, aber so bringt man sich um das
akustische Erlebnis). Man mag misstrauisch sein angesichts
des grässlichen Designs der Ausgangsseite mit ihren
unübersichtlich angeordneten gelb-, blau- und
weißfarbenen Texten auf schwarzem Grund. Man mag auch
die etwas aufgesetzte Selbstbeschreibung
mit Skepsis zur Kenntnis nehmen. Aber wer den Klick hinein
in das Text-Bild-Ton-Geflecht wagt, wird finden, dass hier
wirklich die Wörter sich zu Bilder formen und im
wahrsten Sinne des Wortes in Gedankenströme
zerfließen und dass das Lesen so in der Tat zum
Schwimmen, Tauchen und Wühlen wird.
Begleitet vom
melancholisch-bedrohlichen Jaulen einer verzerrten E-Gitarre
eröffnet sich dem Besucher die oben abgebildete Szene.
Der Text springt - beschwingt, als sei von einer angenehmen
Sache zu berichten - von links nach rechts aus sich selbst
heraus ins Bild: aus dem D das a, dann das s, E und so
weiter. Bis >Maschine< erst klein dasteht, um kurz
darauf zur abgebildeten Größe heranzuwachsen.
Links und rechts des Wortes Maschine befinden sich kleine
Kreise, die wie Pole wirken, zwischen denen sich Stromwellen
bewegen. Das Wort Maschine selbst wird größer und
kleiner in einem zeitlichen Abstand, der dem des
Herzschlages gleicht, und genau dies ist denn auch der
vermittelte Eindruck der
Eröffnungsszene: Während ein augen-, nasen-
und mundloses Gesicht, um das zwei
gegenüberliegende (Unterleg-) Scheiben kreisen,
körperlos in Drahtseilen verankert zu sein scheint,
atmet das Wort Maschine wie ein Herz, auf dem alles beruht.
Durch die Gebrauchsanweisung
in der Einleitung weiss man, dass es darauf ankommt, mit der
Maus auf Erkundung zu gehen und dort zu klicken, wo der
Kontakt Markierungen erscheinen lässt. Der Ort, an dem
man zu suchen hat, ist natürlich das Wort
>Maschine< selbst. Klickt man hier, schiebt sich aus
dem Wort plötzlich nach links ein Satz, so dass die
dort schon stehenden Buchstaben wie Stein aufgebrochen
werden; sie bröckeln regelrecht nach oben weg,
unausweichlich wie der Straßenbelag unter dem
Presslufthammer (oder wie die Natur der Technik weicht), bis
sich der neue Text ganz Platz verschafft hat.
'Seine Augen ruhten im
Kopfteil der" heißt der Satz, der durch
>Maschine< zu schließen ist. Zugleich hat sich
der Kreis mit den beiden sich fortwährend um seinen
Mittelpunkt drehenden Scheiben vom Gesicht gelöst und
folgt nun der Maus, wo auch immer diese sich hinbegibt. Er
wirkt wie eine Lupe oder ein Lichtkegel in der Nacht, der
die fokussierten Dinge deutlicher macht, und erinnert ein
bisschen an den alten "Tatort"-Opener. Kommt die Maus / Lupe
/ Lampe in die Nähe des Wortes Maschine, wird nun ein
Satz sichtbar, der sich allmählich entwickelt, wenn man
die detektivische Dreieinigkeit langsam nach rechts schiebt
- zu schnelle Bewegung der Maus lässt die Buchstaben
sich überschlagen - erhält man den Satz:
"Ihm
grauste bei dem Gedanken an all die Menschenleben, die
verdorrt waren zum Bau dieser Maschine, dieser einen. Der
Lebenssaft war aus ihnen geronnen in bleichen
Sickergüssen, war ausgetrieben worden vom Druck der
kalten Stahlfilamente welche im Cortex gediehen wie Moos
auf kalten Steinen."
Damit ist eine Person
eingeführt, deren berichtetes Grausen sicherstellt,
dass sie nicht der Maschinenenwart ist. Die Bewegung der
Maus nach oben rechts bringt daraufhin einen weiteren Text
zutage: "Er sah auf die GRANITENE KARTE mit der die
Maschine und ihre Insasse [sic] durch die Welt
navigierten." Klickt man hier wiederum auf die
Großbuchstaben, erscheinen, über die ganze Seite
verteilt, im Hintergrund die Worte: "Ein Ball aus einem
einzigen Steinblock".
Die Bewegung der Maus nach
links oben führt zum lakonischen Resumee: "Ein Segen
war allein die Koje". Hier liegt der besondere Effekt darin,
dass die Buchstaben erst und nur für den Moment der
Berührung sich aus ihrer Verzerrung zu erkennen geben -
als handele es sich um ein Geheimnis, das niemand anderem
bekannt werden solle (vgl. in der Abbildung unten die
oberste Zeile).
Mögen die Texte an sich
verheißungsvoll genug sein; die Weise ihrer
Auffindung ist ein zusätzlicher Reiz, durch den das
Gefühl, nicht Herr der Lage, sondern einem
undurchsichtigen Programm, einer omnipotenten Maschine
ausgesetzt zu sein, sinnlich nahegebracht wird. Hinzu kommt
die Ästhetik der Anordnung, von der die hier
abgebildeten Screenshots einen ersten Eindruck geben
mögen. Da sich die Einblicke der einzelnen Szenen immer
nur zufällig aus der Navigation ergeben, ist es, als
schaue man in einem Museum von Zeit zu Zeit hinter eine
Tür, um dort die eigentlichen Schätze zu
entdecken. Diese sind von technischer Eleganz und haben
zugleich etwas Beunruhigendes.