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Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"
Wenn konkrete Poesie digital wird

Roberto Simanowski

Interview mit Urs Schreiber - Download (zip 670 KB)

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Das Epos der Maschine (Text und Programmierung Urs Schreiber, Grafik Kai Jelinek, Zeichnungen Cesare Wosko, Fotografie Claudia König, Sound 'Die with Dignity') ist von eigenartiger Schönheit, von der Schönheit des Technischen, das nicht seinen tieferen Sinn verpasst. Ein Beispiel für den gelungenen Einsatz aller drei Medien - Schrift, Bild, Ton - in einer äußerst interessanten und, das ist wichtig, bedeutungsvollen Verbindung mit den Mitteln der Performance. Wer wissen will, was das digitale Medium zu leisten imstande ist und wie man es schafft, raffinierte technische Effekte mit der Freude auch an ihrem tieferen Sinn zu verbinden, der ist hier an der richtigen Adresse.

Man mag abgeschreckt sein durch die lange Wartezeit für die Installation der ca. 1 MB schweren Tondatei (man kann die abgespeckte Variante ohne Sound wählen, aber so bringt man sich um das akustische Erlebnis). Man mag misstrauisch sein angesichts des grässlichen Designs der Ausgangsseite mit ihren unübersichtlich angeordneten gelb-, blau- und weißfarbenen Texten auf schwarzem Grund. Man mag auch die etwas aufgesetzte Selbstbeschreibung mit Skepsis zur Kenntnis nehmen. Aber wer den Klick hinein in das Text-Bild-Ton-Geflecht wagt, wird finden, dass hier wirklich die Wörter sich zu Bilder formen und im wahrsten Sinne des Wortes in Gedankenströme zerfließen und dass das Lesen so in der Tat zum Schwimmen, Tauchen und Wühlen wird.

Begleitet vom melancholisch-bedrohlichen Jaulen einer verzerrten E-Gitarre eröffnet sich dem Besucher die oben abgebildete Szene. Der Text springt - beschwingt, als sei von einer angenehmen Sache zu berichten - von links nach rechts aus sich selbst heraus ins Bild: aus dem D das a, dann das s, E und so weiter. Bis >Maschine< erst klein dasteht, um kurz darauf zur abgebildeten Größe heranzuwachsen. Links und rechts des Wortes Maschine befinden sich kleine Kreise, die wie Pole wirken, zwischen denen sich Stromwellen bewegen. Das Wort Maschine selbst wird größer und kleiner in einem zeitlichen Abstand, der dem des Herzschlages gleicht, und genau dies ist denn auch der vermittelte Eindruck der Eröffnungsszene: Während ein augen-, nasen- und mundloses Gesicht, um das zwei gegenüberliegende (Unterleg-) Scheiben kreisen, körperlos in Drahtseilen verankert zu sein scheint, atmet das Wort Maschine wie ein Herz, auf dem alles beruht.

Durch die Gebrauchsanweisung in der Einleitung weiss man, dass es darauf ankommt, mit der Maus auf Erkundung zu gehen und dort zu klicken, wo der Kontakt Markierungen erscheinen lässt. Der Ort, an dem man zu suchen hat, ist natürlich das Wort >Maschine< selbst. Klickt man hier, schiebt sich aus dem Wort plötzlich nach links ein Satz, so dass die dort schon stehenden Buchstaben wie Stein aufgebrochen werden; sie bröckeln regelrecht nach oben weg, unausweichlich wie der Straßenbelag unter dem Presslufthammer (oder wie die Natur der Technik weicht), bis sich der neue Text ganz Platz verschafft hat.

'Seine Augen ruhten im Kopfteil der" heißt der Satz, der durch >Maschine< zu schließen ist. Zugleich hat sich der Kreis mit den beiden sich fortwährend um seinen Mittelpunkt drehenden Scheiben vom Gesicht gelöst und folgt nun der Maus, wo auch immer diese sich hinbegibt. Er wirkt wie eine Lupe oder ein Lichtkegel in der Nacht, der die fokussierten Dinge deutlicher macht, und erinnert ein bisschen an den alten "Tatort"-Opener. Kommt die Maus / Lupe / Lampe in die Nähe des Wortes Maschine, wird nun ein Satz sichtbar, der sich allmählich entwickelt, wenn man die detektivische Dreieinigkeit langsam nach rechts schiebt - zu schnelle Bewegung der Maus lässt die Buchstaben sich überschlagen - erhält man den Satz:

"Ihm grauste bei dem Gedanken an all die Menschenleben, die verdorrt waren zum Bau dieser Maschine, dieser einen. Der Lebenssaft war aus ihnen geronnen in bleichen Sickergüssen, war ausgetrieben worden vom Druck der kalten Stahlfilamente welche im Cortex gediehen wie Moos auf kalten Steinen."  

Damit ist eine Person eingeführt, deren berichtetes Grausen sicherstellt, dass sie nicht der Maschinenenwart ist. Die Bewegung der Maus nach oben rechts bringt daraufhin einen weiteren Text zutage: "Er sah auf die GRANITENE KARTE mit der die Maschine und ihre Insasse [sic] durch die Welt navigierten." Klickt man hier wiederum auf die Großbuchstaben, erscheinen, über die ganze Seite verteilt, im Hintergrund die Worte: "Ein Ball aus einem einzigen Steinblock".

Die Bewegung der Maus nach links oben führt zum lakonischen Resumee: "Ein Segen war allein die Koje". Hier liegt der besondere Effekt darin, dass die Buchstaben erst und nur für den Moment der Berührung sich aus ihrer Verzerrung zu erkennen geben - als handele es sich um ein Geheimnis, das niemand anderem bekannt werden solle (vgl. in der Abbildung unten die oberste Zeile).

Mögen die Texte an sich verheißungsvoll genug sein; die Weise ihrer Auffindung ist ein zusätzlicher Reiz, durch den das Gefühl, nicht Herr der Lage, sondern einem undurchsichtigen Programm, einer omnipotenten Maschine ausgesetzt zu sein, sinnlich nahegebracht wird. Hinzu kommt die Ästhetik der Anordnung, von der die hier abgebildeten Screenshots einen ersten Eindruck geben mögen. Da sich die Einblicke der einzelnen Szenen immer nur zufällig aus der Navigation ergeben, ist es, als schaue man in einem Museum von Zeit zu Zeit hinter eine Tür, um dort die eigentlichen Schätze zu entdecken. Diese sind von technischer Eleganz und haben zugleich etwas Beunruhigendes.

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