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Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"

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Radar

Das Epos der Maschine beansprucht, wie es sich für ein Epos gehört, Komplexität und weist mehrere Kapitel auf. Das Kapitel, das dem soeben besprochenen folgt, heisst "Radar" und ist zugleich eine Art Inhaltsverzeichnis.

Der Blickfang in Radar ist eine groteske, an ein Kreuz genagelte Hand. Hauptthema und Hauptattraktion ist jedoch der Radar, der wie ein richtiger Radar einen Kreis scannt und dabei verschiedene Images zum Vorschein bringt. Der Klick auf ein kleines metallenes Rechteck im Mittelpunkt bringt folgende Worte hervor, die sich vom Mittelpunkt aus übereinander zum Rand aufbauen (also nicht in der üblichen Leserichtung von Außen nach Innen): "Viele Namen wurden dieser Kugel gegeben, als Karte der großen Welt außerhalb dient sie hier dem Reisenden im Innern der Maschine."

Damit wird der Radarschirm als Abbildung eines Universums (der Maschine) markiert, der Reisende im Innern der Maschine verortet. Da die im Moment ihrer Beleuchtung auftretenden Objekte aktivierbare Links darstellen, fungiert die Karte im Text zugleich als Karte / Menuleiste im Prozess der Rezeption. Es liegt also nahe, im Reisenden den Leser zu sehen und, weitergedacht, in der Maschine den gerade benutzten Computer bzw. das aufgerufene Programm. Das zielt darauf, den Leser als Figur des Textes zu begreifen, was bei einer derart auf Interaktivität basierenden Geschichte freilich naheliegt.

Die Images des Radars stellen zunächst unbestimmte Icons dar, die auf Mausover-Kontakt hin ihre Namen preisgeben. Diese Namen sind zugleich unter dem Radar mit der Aufforderung "Klicken Sie auf die Icons auf dem Radarschirm oder wählen Sie hier:" noch einmal aufgelistet: Der Alte Wald, Gelandet bei den Fedrigen Wesen, Die Wüste Trai, Die Erde, Im Hangar, Das Ende, Das Dominoexperiment, Die Koje.

Die Site Radar ist alledings nicht nur Inhaltsverzeichnis, sie erzählt auch selbst, und zwar einen ziemlich langen Text, der auf den Input des Lesers hin allmählich an der Oberfläche erscheint. Wir haben den Text dem Quellcode entnommen und geben ihn hier gebündelt wieder:

so wie dieser Steinball ihm ein Quarzkristall ist ihn zu stossen und ihm zu pulsen den Takt erratischen Lebens, so ist dieser Steinball sein piezoelektrisches Herz dessen Taumeln ihn treibt durch eine Welt voller Nacht wo nur Signale laufen zwischen den Entitäten welche sich nie erkennen, erratisches Zitter, so pulst der Steinball seine Femtoaugenblicke in teraherzlastigen Zuckungen ihn zu treiben durch eine Welt deren Existenz ihm kein Messwert beweist, deren Sein sich nur entbloesst im ewigen Zittern seines granitenen Steinballes welcher zum Lebenskristall ihm geworden, nicht ein einziges Mal wird er wissen wo seine Koordinatenfunktionen konvergieren, wo in aller Hilbertsraum Namen seine Zustandsfunktion generiert wird aus den Zuckungen dieses einen Steinballes dessen ganzer Rythmus Welten zerplatzen laesst und Quasare uebertölpelt, dessen teuflischer Rhythmus ihn vibrirend bewegt in Bewegung auf den Geodäten der Singularitaet der EINEN Schwankung aus der wir alle geboren und alle vergehen, Wahnsinn einer sinoidalen Steptanznummer, der Wellenerschuetterung ausgedrueckt durch die Feldgleichung des chinesischen Chi und vereinheitlicht im statistischen Fehler der Phasendifferenzen seines Steinballes, denn so hoere, waehle endlich und waehle weise

Der Blick hinter die Kulissen bekommt dem Text nicht unbedingt. Was in Einheit mit seinem ausgeklügelten Erscheinen beeindrucken kann und sich rechtzeitig der genaueren Kontrolle wieder entzieht, erweist sich, im Stück und in Ruhe gelesen, denn doch in Lexik und Duktus als problematisch. Die Sprache changiert zwischen technizistischer Aufrüstung ("seine Femtoaugenblicke in teraherzlastigen Zuckungen") und vagen Verlautbarungen ("ihn zu treiben durch eine Welt deren Existenz ihm kein Messwert beweist"). Es fehlt nicht an Formwillen - die Plazierung der Pronomen ("...welcher zum Lebenskristall ihm geworden") ist Zeichen genug -, es ist eher zuviel davon da und am Ende wieder zuwenig, um aus diesem Zuviel ein Optimum zu machen. Die Sprache ist manieristisch, und es ist noch nicht auszumachen, ob dieser Umstand durch das Werk gerechtfertigt wird. Wir kommen darauf zurück. Schauen wir zunächst, ob es im Wald auch so technisch zugeht.

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