Der Wald Das Kapitel
"sich knorrig reckend und durstig grabend, sich drängelnd entknospend und dunkelgrün schummernd sich laubig verspreitend und knospig harrend" Es kommt auch keins mehr,
denn die Zeilen sind als eine Einheit zu lesen; das
Prädikat stand an zweiter Stelle, alles folgende sind
Subordinationen: Es war ein alter Wald Die Art der
Präsentation des Satzes ist zweifellos besser als
dieser selbst. Während die Sprache von einer ruppigen
Hermetik ist, stellt ihre Präsentation eine muntere
Versinnbildlichung des Lebens dar. Die Worte wachsen
auseinander und drehen sich alsbald in ausholenden Bahnen um
ihren Mittelpunkt >welcher<. Wäre man nicht im
Wald, man würde an einen Schwarm Fische denken,
der auf immer wieder anderen Wegen durchs gleiche, enge
Aquarium strebt (vgl. Abbildung 2). Es gibt einen weiteren Satz, der sich im Bild auf die Reise macht: "Denn es steht geschrieben, daß für ein Photon keine Zeit vergehe ween, sonden das All ein lustiger, infinitesimaler Augenblick ist, in dem all die Urzeiten in protostellaren Wolken ihre Energie sich vom Leibe schütteln." Abbildung 3 zeigt, in
welcher Form sich die Texte durch die ihnen einprogrammierte
Bewegung überlagern. Der Fischschwarm durchquert gerade
den unteren Teil der Bildschirms, der behaglicher
dahintrudelnde 'Ein-Wort-Satz' zeigt gerade >Zeit<,
und zwar über einem Text, den vorher der Klick auf die
rechteckige, metallfarbene Form (in der Abbildung am Anfang
des Textblocks) in das Bild hineinschießen ließ.
Der Klick auf das andere Rechteck (am Ende des Textblocks)
ergibt das Wort >Zucker<. Ein erneuter Klick
lässt die Texte wieder in ihren metallenen Kofferen
verschwinden. Es gibt weitere
Textverstecke: Das metallene Rechteck neben dem Wort >Der
Meteor<, das auf einen anderen Klick hin wirklich wie ein
Meteor aus heiterem Himmel landet, lässt den Text
erscheinen: "Er bruchlandet und schlägt durch das Blätterdach. Der Meteor. Einen kilometerbreiten Krater hinterlassend, wo einst Wald gewesen und sich selbst im Innern der Maschine tief in der Planetenkruste wiederfindend, harrt er aus, in die Dunkelheit blickend und dem Ticken der Metallegierungen bei ihrer Abkühlung lauschend." Das Kästchen am 'Seil' mit dem Fragezeichen gibt schließlich die Frage aus: "Doch wer kann die Selbstreferentialität auch nur erahnen sind wir nicht nur die Kräuselungen der mit sich selbst widerstreitenden, undenkbaren, absoluten Apriorität?" Die
Präsentation der Texte ist indess wieder sehr
eindrucksvoll, wenn auch zum Teil oberflächlicher als
der zuvor am Fragezeichen begegnete Effekt. Wenn zur Aussage
von den sich reckenden Bäumen die Buchstabenreihen sich
tatsächlich wie Bäume strecken und wenn die
Signifikate für die Sonne als Lebenssaft wie Knospen im
Zeitraffer auf den Bildschirm springen und wenn der Meteor
wie ein Meteor ins Bildinnere fällt, dann ist das eine
schöne Illustrierung auf der visuellen Ebene bzw., mit
Robert Kendall gesprochen, auf der theatralischen.
Allerdings ist es eben auch nur Illustrierung und keine
Weiterführung. Das Bild erzählt die gleiche
Geschichte wie der Text, die Kombination beider Sprachcodes
läuft auf Redundanz hinaus. Im Falle des Fragezeichens
war dies anders. Dort teilten sich beide Medien die
Botschaft: Das Bild (die aus dem Text gebildete Graphik)
ging über den Text hinaus und fügte ihm eine
Bedeutung hinzu, die er selbst keineswegs schon besaß.
Dass die Bedeutung offener blieb als die des Textes, teilte
dieses Wort-Bild mit allen visuellen Bedeutungsträgern,
die ja generell nicht aus diskreten, lexikalisierbaren
Einheiten bestehen, sondern aus zunächst uncodierten
Zeichen, welche erst durch die Projektion einer vermuteten
Bedeutung als eine Menge diskreter Zeichen strukturiert
werden. |