www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/23-Aug


Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"

1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8

Der Wald

Das Kapitel Wald fährt mit dem Verfahren fort, die graphische Materialität der Worte als Signifikationsebene zu nutzen. Unter der Zeile "Es war ein alter Wald" steht der Satzanfang: "Bäume von unbestimmter Größe" (vgl. Abbildung 1). Um zum Prädikat des Satzes vorzustoßen, führt man den Körser auf die Wörter, die in der nächsten Zeile ihre Buchstaben hintereinander aufgestellt haben. Bei Berührung entfalten sich diese nach rechts, um gleich darauf sich wieder in der vorherigen Form aufzustellen. Diese Buchstabenriegen ergeben die Worte:

"sich knorrig reckend und durstig grabend, sich drängelnd entknospend und dunkelgrün schummernd sich laubig verspreitend und knospig harrend"

Das Prädikat ist nicht dabei. Klickt man in der vierten Zeile - "im Sonnenlicht" - auf das elyptisch umrundete >Sonnenlicht<, entspringen diesem Wort nach rechts die Worte: "ihrem Lebenssaft, ihrem relativistischen". Noch immer kein Prädikat!

Es kommt auch keins mehr, denn die Zeilen sind als eine Einheit zu lesen; das Prädikat stand an zweiter Stelle, alles folgende sind Subordinationen:

Es war ein alter Wald
Bäume von unbestimmter Größe
sich knorrig reckend und durstig grabend
sich drängelnd entknospend und dunkelgrün schummernd
sich laubig verspreitend und knospig harrend
im Sonnenlicht
ihrem Lebenssaft, ihrem relativistischen

Der Text hinterlässt Fragen - inwiefern ist das Sonnenlicht ein relativistischer Lebensaft? -, ist aber freundlicher als jener, den der Klick auf das umrandete Wort Wald in der ersten Zeile ergibt. Nach diesem Klick tritt zunächst >welcher< aus >Wald< hervor, fällt in die Bildschirmmitte hinab, begleitet bald von >in<, >Aufschäumung< usw. bis sich der Satz ergibt:

"Es war ein alter Wald, welcher in Aufschäumung der eichtheoretischen Einheitlichkeit in sich von Leben kündet und unlösbare Differentialgleichungen, nach denen er nie hergeleitet werden könnte, an sich selbst exemplifiziert"

Die Art der Präsentation des Satzes ist zweifellos besser als dieser selbst. Während die Sprache von einer ruppigen Hermetik ist, stellt ihre Präsentation eine muntere Versinnbildlichung des Lebens dar. Die Worte wachsen auseinander und drehen sich alsbald in ausholenden Bahnen um ihren Mittelpunkt >welcher<. Wäre man nicht im Wald, man würde an einen Schwarm Fische denken, der auf immer wieder anderen Wegen durchs gleiche, enge Aquarium strebt (vgl. Abbildung 2).

Es gibt einen weiteren Satz, der sich im Bild auf die Reise macht:

"Denn es steht geschrieben, daß für ein Photon keine Zeit vergehe ween, sonden das All ein lustiger, infinitesimaler Augenblick ist, in dem all die Urzeiten in protostellaren Wolken ihre Energie sich vom Leibe schütteln."

Dieser Satz bewegt sich nicht als 'Schwarm' seiner Teile über den Schirm, sondern zeigt immer nur einen seiner Vertreter (in Abbildung 2 ist es das Wort >Urzeiten<). Die Technik des Erscheinens ist die, dass ein Wort anwächst, sich zeigt, kleiner wird, in das nächste übergeht, das ebenfalls anwächst, kleiner wird, ins nächste übergeht usw. Zugleich kommt es zu einer Bewegung quer durch das Bild. Ist die vorher besprochenen Präsentation der Worte der Fischschwarm, so ist diese eher der einzelne, bedächtig dahinschwimmende Fisch.

Abbildung 3 zeigt, in welcher Form sich die Texte durch die ihnen einprogrammierte Bewegung überlagern. Der Fischschwarm durchquert gerade den unteren Teil der Bildschirms, der behaglicher dahintrudelnde 'Ein-Wort-Satz' zeigt gerade >Zeit<, und zwar über einem Text, den vorher der Klick auf die rechteckige, metallfarbene Form (in der Abbildung am Anfang des Textblocks) in das Bild hineinschießen ließ. Der Klick auf das andere Rechteck (am Ende des Textblocks) ergibt das Wort >Zucker<. Ein erneuter Klick lässt die Texte wieder in ihren metallenen Kofferen verschwinden.

Es gibt weitere Textverstecke: Das metallene Rechteck neben dem Wort >Der Meteor<, das auf einen anderen Klick hin wirklich wie ein Meteor aus heiterem Himmel landet, lässt den Text erscheinen:

"Er bruchlandet und schlägt durch das Blätterdach. Der Meteor. Einen kilometerbreiten Krater hinterlassend, wo einst Wald gewesen und sich selbst im Innern der Maschine tief in der Planetenkruste wiederfindend, harrt er aus, in die Dunkelheit blickend und dem Ticken der Metallegierungen bei ihrer Abkühlung lauschend."

Das Kästchen am 'Seil' mit dem Fragezeichen gibt schließlich die Frage aus:

"Doch wer kann die Selbstreferentialität auch nur erahnen sind wir nicht nur die Kräuselungen der mit sich selbst widerstreitenden, undenkbaren, absoluten Apriorität?"

Betrachtet man die Texte insgesamt, wird man das Gefühl der Beziehungslosigkeit nicht los. Es ist von Bäumen, vom Wald, vom Photon und vom Meteor die Rede, aber es wird nicht klar, in welchem Zusammenhang diese nun untereinander und mit Blick auf die Maschine stehen. Und in welchem Verhältnis steht der Meteor zur Selbstreferentialität und zu uns?! Kuriose Brüche in der Stimmlage - wenn etwa dem biblischen "Denn es steht geschrieben" die einerseits saloppe, andererseits fachsprachliche Attribuierung "ein lustiger, infinitesimaler Augenblick" folgt - könnten gutmütig als bewusste Gegensetzung interpretiert werden (Technik versus ursprüngliche Schöpfung). Aber auch dann bleibt das Gefühl, dass die gelegten Fährten in der Luft hängen.

Die Präsentation der Texte ist indess wieder sehr eindrucksvoll, wenn auch zum Teil oberflächlicher als der zuvor am Fragezeichen begegnete Effekt. Wenn zur Aussage von den sich reckenden Bäumen die Buchstabenreihen sich tatsächlich wie Bäume strecken und wenn die Signifikate für die Sonne als Lebenssaft wie Knospen im Zeitraffer auf den Bildschirm springen und wenn der Meteor wie ein Meteor ins Bildinnere fällt, dann ist das eine schöne Illustrierung auf der visuellen Ebene bzw., mit Robert Kendall gesprochen, auf der theatralischen. Allerdings ist es eben auch nur Illustrierung und keine Weiterführung. Das Bild erzählt die gleiche Geschichte wie der Text, die Kombination beider Sprachcodes läuft auf Redundanz hinaus.

Im Falle des Fragezeichens war dies anders. Dort teilten sich beide Medien die Botschaft: Das Bild (die aus dem Text gebildete Graphik) ging über den Text hinaus und fügte ihm eine Bedeutung hinzu, die er selbst keineswegs schon besaß. Dass die Bedeutung offener blieb als die des Textes, teilte dieses Wort-Bild mit allen visuellen Bedeutungsträgern, die ja generell nicht aus diskreten, lexikalisierbaren Einheiten bestehen, sondern aus zunächst uncodierten Zeichen, welche erst durch die Projektion einer vermuteten Bedeutung als eine Menge diskreter Zeichen strukturiert werden.

1 - 2 - 3 - 4 > 5 - 6 - 7 - 8