www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/23-Aug


Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"

1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8

Das Dominoexperiment  

Ein weiteres Kapitel, das wegen seiner bisher nicht gesehenen Effekte der Textpräsentation eine nähere Beschreibung verdient, ist Das Dominoexperiment. Der ins Blau der Gothic-Novel getauchte Bildschirm ist zunächst fast textfrei, ein Klick auf das Wort Tollheit lässt dann allerdings automatisch und fast parallel gleich mehrere Textblöcke erscheinen und, noch ehe man sie alle wahrnehmen konnte, auch wieder verschwinden. Dem sich buchstabenweise aufbauenden Text in der rechten obenen Bildschirmhälfte folgt zwischen den beiden Images eine Text-Welle aus folgenden Worten:

"Haltet ein! So nehmt doch zur Kenntnis daß wir Euch länger nicht dulden können! Eure Ausführungen sind unverständlich und es verschiebt sich auch der Sinn unserer Anwesenheit. sage ich nicht 'verschwindet'"

Sobald "Haltet ein!" zu sehen ist, erscheint im linken obern Teil: "rief ihr Anführer dem clownesken Schauspieler entgegen." Auf der Welle geht es weiter mit:

"wir fühlen uns wohl außer Stande, dem inneren Faden des Berichtes zu folgen und so bleibt es nicht aus, daß wir uns gezwungen sehen, der Komödie ein Ende zu bereiten",

wobei der linke obere Text wieder eingezogen wird. Zeitgleich erscheint unten (vgl. Abbildung 1) folgender Text:

"So sehet her und werdet verständig, denn ich bin es, über den zu sprechen dem Geist, der mich befallen, beliebte, der Geist, welcher der Geist der Blinden und Gottlosen, der Toten und in Vergessenheit gestorbenen ist, zu euch sprach ich von mir und nun ich nicht: haben wir uns eben verstanden, indem ihr mir euer Mißverständnis offenbartet, oder sind wir in einen Augenblick paradoxer Wahrheitserscheinung, einer Art Wahrheitsparallelität gelangt, welche sich im Unendlichen schneidet, zwar berührt, wo aber Berührung und Ende aller Existenz in Figur und Hintergrund verschmelzen auf dem Hintergrund eines leise fliegenden Tones der Erkenntnis"

Dieser Text verschwindet, noch ehe er ganz erschienen ist. Während am Ende weitere Worte hinzukommen, werden im bisher Geschriebenen andere wieder getilgt. Als Ergebnis bleibt stehen:

"So sehet her und werdet verständig, denn ich bin der Geist Vergessenheit, von mir weiß ich nicht einen Augenblick paradoxer Existenz"

Eine Art digitale Flüsterkette: Was am Ende aufgeschrieben wird, ist etwas ganz anderes, als eingangs gesagt wurde. Man könnte meinen, Derridas Idee der différance hat hier auf plakative Weise Gestalt angenommen. Der Text selbst ist wieder recht dunkel und 'kratzt' zudem durch einen Bruch zwischen der an Bibel und Rilke geschulten Sprache des ersten Teils, dem Zwischenspiel der Straßenprosa und schließlich der äußerst sperrigen, grammatikalisch fehlerhaften ("zwar berührt, wo aber") Gelehrtensprache. Die Funktion dieses Bruchs innerhalb der Rede der einen Person ist nicht ersichtlich.

Was den Effekt der Präsentation, also der anschließenden Textbeseitigung betrifft, so wird der Sprecher aus einer Person, über die der Geist spricht, zum Geist selbst (diese Transformation ist vorbereitet durch "Geist, der mich befallen"). Dieser Geist wiederum wird während der Text-Präsentation von einem Geist der in Vergessenheit Gestorbenen (also wohl Geist des Erinnerns) zu einem Geist des Vergessens - und die Tilgung der soeben erschienenen Worte korrespondiert als Handlung absolut mit eben dieser Aussage des Handelnden. Der Effekt des Textentzugs hat also weitreichende Folgen für die Textaussage. Der tiefere Sinn dieser weitreichenden Folgen wird allerdings schon deswegen nicht klar, weil man nicht weiss, wer überhaupt zu wem spricht - ein Problem des Werkes generell.

Inzwischen hat sich links oben im Schädel folgender Text eingestellt:

"sobald sich einer traut mit dem Dolch sich euch zu nähern gezwungen von jenen Gesetzen, welchen auch ihr einmal gefolgt seid und dem ein Ende bereitet, was einmal eure Eminenz gewesen was Ihr aber selbst kaum noch als eine solche bezeichnen werdet" 

Dieser Text erscheint zunächst wortweise - wobei das neue Wort das vorangegangene ins Nichts abdrängt -, dann baut sich die in der Abbildung zu sehende Folge auf und bewegt sich in Wellenlinien. Klickt man nach diesem Zugleich an Texten (deren Wiedergabe hier nur nach mehreren Durchläufen und dem Blick in den Quellcode möglich ist) das metallene Rechteck hinter >Existenz<, treten weitere Texte auf (vgl. Abbildung 2):

Nach der Zeile in der unteren Bildhälfte "Man sah Blut spritzen aus Mündern, geöffneten Mäulern," erscheinen und verschwinden in der linken Augenhöhle des Schädels wortweise: "Blut auch aus den Leibern" und in der rechten Augenhöhle: "den Bäuchen in denen eisig-metallene Dolche staken". An das letzte Wort schließt wiederum an ein Text im linken Bildrand: "versenkt dort von der Hand des jeweils linken Nachbarn". In der Bildmitte erschien inzwischen der Satz: "Und so starben sie alle, so wie ein Kreis Dominosteine umfällt".

Der Klick auf den Kasten lässt den Text zunehmen: "und exemplifizierten damit, was wahr gedacht worden ist: Sie zelebrierten Leid und Qual." Auf das Stichwort zelebrieren wird eine weitere Funktion aktiviert, nun 'tropfen' aus dem Satz folgenden Worte hintereinander in die untere Bildhälfte: "in / rinnendem / Blut / die / Auflösung / der / Allnatur".

Im Schädel erscheint derweil ebenfalls wortweise ein neuer Text und verwschwindet zugleich wieder, hinter dem Schädel pendeln die Worte "das Urgewächs, welches in sich schwillt und quillt und Blüten wirft, wie es ihm gefällt" hin und her, durch die Struktur des Schädels mal sichtbar, mal verdeckt. Im Schädel erscheint dann folgender Text, wovon der in der Abbildung zu sehenden letzte Teil schließlich stehenbleibt:

Und wie er, des Eminenz, dreinblickte in diesen Kreis verfluchter Hinsiechung und sah, daß dort für ihn starb, was er hätte sterben müssen, da wollte er sich häuten und zog mit beiden Händen die Haut über dem Gesicht sich in die Höhe, legte bald darauf einen bleichen Schädel frei, zog und zerrte an Ohren und Nase, streifte sich das Gesicht von den Wangenknochen, bis noch ein Zipfel am Nasenbein haftete und im Kontrast rotes Blut in feinen Adermäandern über elfenbeinerne Knochen rann, ein Gleichnis schreibend auf die Fontanelle des Entgeisterten.

Dies ist also das Finale der Textschlacht, die in dieser Abteilung stattgefunden hat. Es gab Dolche, es gab Blut, Geister und Tote. Man frage nicht, wer wie wen!

1 - 2 - 3 - 4 - 5 > 6 - 7 - 8