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Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"

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Thesen

Das Epos der Maschine ist ein Werk, das fasziniert und an dem man verzweifelt. Wer hat all die versteckten Texte gelesen? Wer hat all ihre Transformationen wahrgenommen und sie in Rechnung gestellt? Wer will ein Urteil wagen? Hier zumindest sieben Thesen:

1. Das Thema ist Technologiekritik

Dies klingt bereits auf der Eingangseite an, wenn es heisst: "Ihm grauset bei dem Gedanken an all die Menschenleben, die verdorrt waren zum Bau dieser Maschine, dieser einen." (vgl. dort) Die Images unterstützen diese Lesart, wenn sie ein gesichtsloses Gesicht verankert in Stahlseilen zeigen oder wenn sie mit der Gestaltung des Titelbilds ein berühmtes Vorbild im kulturellen Kontext zitieren: Jene Figur, die in Fritz Langs Metropolis mit den Zeigern einer überdimensionalen Uhr, als Symbol einer anderen riesigen Maschinerie, kämpft.

2. Die Maschine ist der Computer

Dies deutet sich in Radar an, wenn die Karte der Maschine zugleich als Site Map des Computers fungiert (vgl. dort), und wird in Ende bestätigt, wo sich die Maschinenmetapher mit den Stichworten des Computers verbindet (vgl. dort). Aus dieser Bestimmung resultiert schließlich die Doppeldeutigkeit des Titels: Ein Epos über die Maschine aus der Maschine. Die Maschine, an der wir die Geschichte lesen, ist die Maschine, um die es in der Geschichte geht. Daraus folgen Thesen 3 und 4.

3. Kritik als Faszination

Technikkritik vollzog sich ursprünglich außerhalb der Technik selbst. In Friedrich Schlegels Roman "Lucinde" (1799) las man noch über den Feuer- und Technologie-Bringer Prometeus, der am Fließband Menschen herstellt. Spätestens mit Nam Yun Paiks Videoinstallationen nimmt Technikritik in hohem Maße selbst die Gestalt der Technik an. Das Epos der Maschine ist ein weiterer Schritt in der Verschmelzung von Objekt und Subjekt der Kritik. Die Problematik dieser Verschmelzung liegt darin, dass die inkriminierte Technik als inkriminierende auf der ästhetischen Ebene eine Faszination entfaltet, die letztlich doch wieder eine Faszination des Technischen ist (dies bestätigen die Leseräußerungen im nächsten Abschnitt). Der Programmierer selbst ist Prometeus, je erfolgreicher er Technik mittels Technik problematisiert, um so aussichtsloser ist diese Kritik.

4. Hauptfigur ist der Leser

Die Funktionalisierung der textinternen Karte zur Karte des Lesers weitet den Text auf den Rezeptionsprozess aus. Der Leser navigiert mit eben dieser Karte der nie näher bestimmten Figur im Text durch diesen Text. Schon der erste Satz - "Seine Augen ruhten im Kopfteil der Maschine" - verweist aus dieser Perspektive deutlich auf die Lektüresituation des Lesers am Bildschirm. Auch eine Formulierung wie "es war ein Kavierrausch der Tiefe" in Ende spricht für die Identifizierung von Leser und textinterner Figur: Es war in der Tat ein Rausch der aus den Tiefenschichten hervordrängenden, durchs Bild stolpernden, sich wiegenden, tropfenden, pendelnden Worte. Und wie es sich für einen Rausch gehört, hatte man nichts so richtig unter Kontrolle.

5. Nichts ist sicher

Die Sinnfrage stellt sich auf der ersten Seite. Sie wird zusätzlich graphisch realisiert, mit dem Wort Wahrheit als Punkt, unterlegt durch einen Barcode, als sei diese konsumierbar (vgl. dort). Zwar heisst es in Die Koje: "Er sah auf die granitene Karte mit der die Maschine und ihr Insasse durch die Welt navigierten: Ein Ball aus einem einzigen Steinblock. [...] Ein Labyrinth schwarzer, granitener, unabänderbarer Wahrheit." Der Klick auf >Wahrheit< problematisiert diese Unabänderlichkeit aber bereits: "Viele [Hervorhebung R.S.] Namen wurden dieser Kugel gegeben".

Faktisch jede Site des Werks zeigt nachdrücklichst, dass nichts graniten und unabänderlich ist. Die über allem schwebende Grundmetapher ist die Unzuverlässigkeit des Textes, der nicht nur nicht greifbar ist, sondern den Leser auch gezielt hinters Licht führt. Texte verstecken sich im Dunkel der Bildoberfläche, sie erscheinen auf unvorhersehbare Weise, verschwinden wieder, stellen sich um und ändern ihre Aussage z.T. noch ehe man es merkt. Wahrheit, im Sinne letzendlicher Aussagen, die man nach Hause tragen kann, ist trotz der zugrundeliegenden Technologie der Ja-Nein-Entscheidungen nicht zu haben. Gerade die exakte digitale Kalkulation verhindert es.

6. Die Aussage kommt als Erfahrung

Wenn im vorliegenden Werk von den Unabsehbarkeiten der Technologie die Rede ist, dann wird diese Aussage im gleichen Moment zur Erfahrung des Lesers. Dies gilt nicht nur für das Kapitel Dominoexperiment, wo die Lektüre zur regelrechten Jagd wird, der Leser zum Gehetzten, der sich erfolglos bemüht, all die erscheinenden Worte noch vor ihrem Verschwinden wahrzunehmen (vgl. dort). Schon auf der ersten Seite musste man mühsam den Text mit der Maus / Lupe / Lampe der Dunkelheit entziehen, wobei das Programm die Geschwindigkeit der Entzifferung vorgab. Der Leser hat (in weit stärkerem Maße als bei herkömmlichen Hyperfiction) keine Kontrolle über den Text: Er sieht sich einem undurchsichtigen Programm, einer omnipotenten Maschine ausgesetzt.

7. Die Geschichte verweigert sich

Das Endkapitel beginnt mit dem Satz "Das Leben an den Fingerspitzen" und spricht später vom RAM-Inhalt, der sich aus den Schaltkreisen erhebt wie Geist aus den Neuronen. Da klingt das Thema wieder an: Der Mensch als Schöpfer eines eigenen Universums. Ist Gott - "... und Gott erfreut die Hand schuettelnd sich umsieht" - erfreut darüber? Begrüßt er einen dafür mit Handschlag? Dem Fortgang des Textes zufolge streckt er jedenfalls den Finger aus: "wie zwei Unberührbare sich berühren, wie der Gott des Michelangelo mit einer kleinen Fingerspitze". Und wenn es wie bei Michelangelo zugeht, dann ist es Gott, der sich bemüht, den lässig dasitzenden, schon viel zu selbstbewussten Adam zu erreichen. Die dem Heiland des Endkapitels mitgegebene Krone der Freiheitsstatue (vgl. dort) könnte ein Hinweis auf Selbstüberhebung sein. Die eingefallene Haltung der kraftlosen Figur widerspricht diese Lesart freilich. Schließlich die letzte Zeile: "so nehmen sie Einfluß auf einander und treffen sich in der EINHEIT, dem Gewächs, Worte, sie enden..."

Konkreter wird es nicht. Das Verhältnis von Anfangskomplexität und Restkomplexität, um einmal zur informationstheoretischen Evaluationsformel zu greifen, ist auf keinen Fall optimal. Wie verhalten sich die Fingespitzen zu jener ans Kreuz genagelten Hand im Kapitel Radar? Wie passt das Zitat der Freiheitsstatue zur erschöpften Gestik des Nackten im Schlußbild? Vieles bleibt dunkel, und man hat durchaus das Gefühl, dass dies nicht an einem selbst liegt. Vieles bleibt Raunen, das an der eigenen Tiefgründigkeit scheitert. Man hat die Wahl zwischen Genie und Kitsch.

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