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Urs Schreibers "Das Epos der Maschine"

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Ästhetik des Spektakels?

Die Noten, die das Werk in der Netzliteratur-Community erhält, sind durchgängig ausgezeichnet. Hat die Jury des '98er Pegasus bei der Preisverleihung also etwas übersehen? Epos der Maschine wurde nicht einmal unter die zur Lektüre empfohlenen Beiträge aufgenommen! Gut, vielleicht war dem Werk im Auswahlverfahren die eigene Komplexität hinderlich. Andererseits ist Steet Credit noch kein Beweis. Er ist zudem nicht ungetrübt. Im Urteil unter Liter@tur findet man - im vorletzten Satz - eine vorsichtige Einschränkung: "... Bild- und Textebenen aber stehen unvermittelt nebeneinander."

Das drückt eine Leseerfahrung aus, die sich mit unseren Beobachtungen deckt. Einer beeindruckenden Programmierung (mit Einschränkung) und raffinierten Bildern sowohl als Graphiken wie aus Worten steht ein Text gegenüber, der sich nicht richtig anbinden lässt. Wir hatten die technizistische Aufrüstung, die vagen Verlautbarungen als Manierismus moniert, der den Zugang zum Text verbaut.

Hatten wir eingangs am Beispiel der Wort-Image-Input-Interaktion zum Fragezeichens betont, dass dieses Werk nicht der üblichen Dramaturgie des Spektakels folgt (siehe dort), so sind wir diesbezüglich inzwischen unsicherer geworden. Wenn ein Leser im Webring schreibt:

"alleine der umgang schrift und typographie! ich brauche gar nicht mehr zu lesen! wie sich woerter ineinanderschieben und kreisen und erscheinen und verschwinden und und und und und!"

dann ist das ein Indiz dafür, wie gut das Epos der Maschine innerhalb einer solchen Dramaturgie funktioniert. Es kommt gar nicht mehr auf den Text an; ihn auf den Bildschirm bringen und sich dort bewegen sehen, ist schon genug. Der Kommentar in Liter@tur betont es denn auch gleich im ersten Satz: "Ein vielschichtiges und aufwendiges Hypertextspektakel."

Die Ästhetik des Spektakels liegt natürlich in der zugrundeliegenden Technologie selbst. Diese Technologie zielt auf die digitale Spielform der konkreten Posie und hat im Eingangsbeispiel des visualisierten Fragezeichens seine vierfache Syntax durchaus eindrucksvoll entfaltet (vgl. ausführlich). Die folgenden Beispiele waren schon weniger überzeugend, sie zielten eher auf eine Illustration bzw. Performanz des Gesagten (vgl. dort). Aber das Werk scheitert weniger an seinen Effekten als an seinen Worten. Das Problem ist die mangelhafte Arbeit am Text selbst. Neben kleineren Auffälligkeiten (kuriose Brüche in der Stimmlage, stilistisch wie grammatikalisch problematische Sätze, Unsicherheiten in der Kommasetzung) ist es die ruppige Hermetik generell, die den Zugang über das Wort erschwert und somit den technischen Effekten das Feld überlässt.

Der Grund dafür liegt letztlich in der Entstehungsgeschichte der Texte. Der Autor bemerkt dazu: 

"Die Epos-Fragmente sind über Jahre entstanden, immer wenn sie in meinem Kopf auftauchten und ich schnell genug einen Stift zur Hand hatte. Das Epos so zu lesen, wie all die Sätze in meinem Kopf aufgetaucht sind, pulsierend, rasend, parallel, asynchron, auseinander, umeinander, von alleine, auf Aufforderung, immer wieder oder nur wie in letzter Minute, das soll der narrator ermöglichen."

"Die Epos-Texte haben zwar keinen roten Faden, aber sie haben doch sozusagen alle eine rote Mütze auf, sie hängen über ihr Thema zusammen", so Schreiber weiter: "kein Fadenknäuel, sondern eher ein Container Altpapier. Kommissar Leser, übernehmen sie!"

Das genau ist der Punkt: Wer mag in zerknitterten, vergilbten Zetteln wühlen! Wir stehen vor dem gleichen Problem wie beim Lesen von Hypertexten, nur ist dort die 'Präsentation der Unordnung' weniger unterhaltsam. Die Intention des Autors geht, wie Nachfragen bestätigen, freilich weit über das Spektakel hinaus.

"Habe ich also ein reines Spektakel geknetet? Manchmal kam es mir fast selbst so vor, doch dann wiederum: Mir scheint es, als gäbe es hier deutlich zwei charakteristische Zeitskalen. "Lesen wird zu tauchen, schwimmen, wühlen", habe ich in der Einleitung geschrieben. Man kann natürlich auch in der Brandung spielen und sich von den Wellen treiben lassen, schließlich sind wir im Netz! Taucht man dann aber unter das Donnern der Brecher, wird alles mit einem Mal still und weit und tief. Dies habe ich bei Epos-Lesern beobachtet, auch bei mir selbst.

Man kann sich flott durch die einzelnen Szenarien klicken und sich am allgemeinen Firlefanz erfreuen. Wer aber wirklich beginnt das Korallenriff zu untersuchen, sich an die Textzeilen heftet und mit ihnen durch die Geschichte taucht, Verknüpfungen aufstöbert und mit interessierter Geduld den Mauszeiger nutzt, um sich die Zeilen hervorzuholen (und was ihn sonst noch erwartet), der wird erst das eigentliche Spektakel erleben, das Spektakel in seinem eigenen Kopf, wie es sich für eine Geschichte gehört."

Das bezeugt gute Absichten und auch eine ausreichende Portion an Selbstgewissheit. "Kommissar Leser, übernehmen sie!" Wie schwer die detektivische Arbeit fällt, wurde hier nicht verheimlicht. Es bleibt die Frage, inwiefern das Werk zum Tauchgang in die Tiefe ermuntert, welche Geduld der Autor von seinen Lesern diesbezüglich erwarten kann und was er unternommen hat, um diese Geduld erwarten zu dürfen.


Lumicon

Dass das Verhältnis von Text und Effekt ganz anders aussehen kann, weiß man. Es gibt Beispiele genug, die ihren Leser nicht einmal ein Jenseits der Brandung suggerieren, in das man sich, auf der Suche nach dem tieferen Sinn, begeben könnte. Diese Sprösslinge der Flash-Ästhetik überlassen dem Spektakel von vornherein das Feld, wie etwa Lumicon, wo die Maschine hör- und sichtbarer ist und der Text in vergleichbarer Weise erst durch Moueseover-Inputs freizulegen ist. Die Qualität der erkundeten Sprüche erschöpft sich dann in Äußerungen wie "Blut schluckt Eisen, das war zu beweisen."

Demgegenüber strotzt Das Epos der Maschine von Ausdruckswillen. Bleiben die Texte auch insgesamt eher unzugänglich, so wird ihnen doch eine Funktion als Text zugestanden. In Lumicon ist diese Absicht nicht mehr zu erkennen und wie dominoa, Preisträger des Marianne-von-Willemer-Literaturwettbewerbs, zeigt, wird die Umfunktionalisierung des Textes innerhalb einer Event-Ästhetik allmählich Thema des Tages (vgl. Besprechung in dichtung-digital). Lassen wir uns überraschen, welcher Platz dem Text in Zukunft noch zukommen wird. Das Epos der Maschine lässt, trotz all seiner Probleme gerade im Hinblick auf die Arbeit am Text, eine "Dramaturgie des Spektakels" aufscheinen, die doch noch der Sprache vertraut, um ihre Ziele zu erreichen.

Interview mit Urs Schreiber


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