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Interactive Fiction und Software-Narration.
Begriff und Bewertung digitaler Literatur

von Roberto Simanowski

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Als Ende 1989 die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit noch auf den Ereignissen im früheren Ostblock lag, publizierte New Literary History. A Journal of Theory and Interpretation einen Beitrag, der von einer ganz anderen Revolution in einem ganz anderen Reich kündete. Richard Ziegfeld machte unter dem Titel Interactive Fiction: A New Literary Genre? mit einer Neuerung auf dem Feld der Literatur bekannt, die das literarische Feld schon deswegen gründlich umwälzen sollte, weil sie sich ein Neues in neuen Medien schaffte. (Ziegfeld) Was war mit Interactive Fiction gemeint? Wie sah die zu erwartende Revolution aus?

Die kurze Definition, die Ziegfeld liefert, lautet: "Interactive fiction is literature delivered via software rather than print books. Available software permits options of three types: graphic/visual, audio, and those that involve author/reader dialogue." (341) Die eigentliche Interaktion erfolgt unter Typ 3 – "The author responds to reader responses. As authors iteratively anticipate readers response and readers continue to answer, ‘dialogue’ develops." (347) –, aber auch Punkt 1 und 2 sprechen von neuen Möglichkeiten, die den Autoren im Reich des Digitalen gegeben sind: Die Verbindung von Text mit Bildern und Sound. Ziegfeld listet diese Möglichkeiten pragmatisch und mit Blick auf literarische Texte auf, wobei eine zweiachsige Tabelle (350) zeigt, welche Softwareoption bei welchem literarischen Element angewandt werden kann: Farbmarkierung z.B. für Narration, Setting und Tone,(1) Zeichnungen für das Setting,(2) Audio für Character, Setting und Tone,(3) Interaction für Plot und Theme.(4)

Die gegebenen Einsatzvorschläge mögen ob ihres buchhalterischen Eifers amüsieren, der vor lauter Anwendungssuche auch schon mal die eigentliche literarische Intention verpasst.(5) Sie belegen aber recht schön die Visionen, mit denen das literarische Schreiben im Angesicht der Neuen Medien gekoppelt wurde. Dass sich daraus ein neues literarisches Genre entwickeln würde, begründet Ziegfeld mit den Notwendigkeiten neuer Produktionstechniken, neuer ästhetischer Bewertungskriterien und einer entsprechenden Schulung der Rezipienten – allesamt Indizien, so Ziegfelds Argumentation, für ein neues Genre (359). Wie auch immer man die Genrefrage handhaben will,(6) unstreitbar ist, dass die hier prognostizierte Literatur nicht mehr ‘nur’ auf die Imagination eines Vorgestellten durch die Kraft des Wortes abzielt. Farben, Bilder und Töne nehmen dem Wort die Arbeit ab, erweitern seine Ausdrucksmöglichkeiten bzw. beschränken diese durch Auslagerung an visuelle und akustische Elemente.

Interaktion ist dabei, wie gesagt, nur ein Teilphänomen, und insofern hätte Ziegfeld besser von Software-Fiction sprechen sollen, da Software sowohl der Interaktion wie den audio-visuellen Erweiterungen des Wortes zugrundeliegt. Dass diese Erweiterungen auch der Begriff Literatur problematisch erscheinen lassen, weiß Ziegfeld: "Is interactive fiction a literary or a visual art form?" (370) Die Antwort basiert auf Proportionen: Interactive fiction "addresses language concerns – with visible rather than oral words – that readers can contemplate for so long as they wish and to wich they may return for further study. While interactive fiction offers potent possibilities in the visual realm, it presents a proportion of word in relation to graphic device that sharply distinguishes it from the visual electronic media. Thus, interactive fiction is the first literary electronic form." (370)

Die Abgrenzung zu den anderen visuellen Formen (Film, TV, Video, Software Adventure Games) ist einsichtig für die Zeit, da sie vorgenommen wird. Zugleich eröffnet das Argument der Anteiligkeit den Weg für eine neuerliche Befragung angesichts veränderter Ausgangsbedingungen. Heute, da die 10. Jahrestage sowohl des Mauerfalls wie der Wiedervereinigung hinter uns liegen und Schlüsselbegriff wie Kommunismus oder Kalter Krieg längst durch Multimedia und Internet abgelöst wurden, bedarf Ziegfelds Beschreibung einiger Zusätze und Korrekturen. Die Ankunft des Netzes und dessen fortschreitende Multimedialisierung, die Robert Coover, der bücherschreibende Künder vom Ende des Buches (Coover 1992, vgl. Nuernberg), bereits zum Abgesang auf den Literary Hypertext veranlasste (Coover, 2000), führen zu anderen Proportionsverhältnissen und lassen fragen, inwiefern die Bestimmung von interaktiver bzw. Software-Literatur noch medienintern erfolgen kann, wenn der Gegenstand sich längst transmedial verhält. Andere Fragen schließen sich an: Welche Entwicklungen gab es seit Ziegfelds wegweisendem Artikel? Wie steht es mit der wissenschaftlich reflektierten Kritik des neuen Phänomens, der Ziegfeld bereits 1989 erste theoretische und methodische Ratschläge ins Stammbuch schreibt? Ich will im folgenden die vielen Begriffe, die seit Ziegfelds Artikel entstanden sind und die zu nicht wenigen Missverständnissen führen, erörtern sowie die Aspekte einer wissenschaftlich reflektierten Kritik des Gegenstandes diskutieren.

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(1) "Recent color research suggests that color influences our moods, so authors could use color to modulate tone. Allusion: Poe could have used darker hues to set an ominous tone. Writers interested in character studies could use color symbolism to signal readers about a character's mood shift." (352)

(2) "Authors can develop maps to illustrate locations and thereby enrich their settings. Allusion: Faulkner could have provided numerous geographical maps to keep readers oriented in his Yoknapatawpha saga." (351)

(3) "Thomas Mann could incorporate Schoenberg pieces in Doctor Faustus" (354).

(4) "Authors might give readers random bits of dialogue to assign to characters. The author could determine the order (or logic) for the dialogue. This option would let readers help 'write' for the dialogue. If readers were 'stumped' by the dialogue challenge, they could request a solution that reveals the author's idea about how the dialogue should progress." - "… A prime example is the European journal tradition represented by Max Frisch's Sketchbook, 1966-1971, where Frisch asks the reader probing questions. Now, with software, he could pose the questions and then respond with individualized feedback tailored to that response." (355)

(5) So im Falle von Max Frisch, wo alle Antwort-Sammlung und Antwort-Beantwortung dem Witz der gestellten Fragen abträglich wäre.

(6) Im Deutschen wird man fragen müssen, wie eng oder weit der Genre-Begriff angewandt wird und ob nicht von einer neuen Gattung oder gar Kunstrichtung zu sprechen sei. Vgl. Beat Suter, der Hyperfiktion und interactive Fiction schon im Titel seiner Dissertation als neues Genre vorstellt (Suter) Hyperfiktion und interaktive Narration im frühen Entwicklungsstadium zu einem Genre, Zürich 1999.