www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/29-Nov


1 - 2 - 3 - 4 - 5 - Bibliographie

2. Bewertung

Wichtiger als der Essentialismus in terminologischen Fragen ist wohl die Frage, wie man sich den damit bezeichneten Phänomenen aus einer kritischen, um Wertung bemühten Position nähert. In dieser Hinsicht ist festzuhalten, dass auch zehn Jahre nach Ziegfelds diesbezüglichem Aufruf keine elaborierten Kriterien der Bewertung dieser neuen Phänomene vorliegen.(15) Und im Grunde steht ja selbst die ausführliche Beschreibung dieser Phänomene noch aus. Die akademische Literaturwissenschaft zögert, sich dem neuen Genre zu nähern, was zunächst sicher auch daran liegt, dass viele Literaturwissenschaftler gar nicht wissen, wie sie diese Näherung rein praktisch vollziehen sollen (und wie sollte, wer sich seine Emails von der Sekretärin ausdrucken lässt, von Texten, die bestimmte Browser, Plugins und Zusatzprogramme benötigen, nicht überfordert fühlen). Grund mangelnden Engagements sind nicht nur Technikphobie und natürlicher Konservatismus an universitären Bildungseinrichtungen, ein Grund ist auch der Mangel an Kriterien, die bei dieser Begegnung mit dem Ungewohnten anzulegen wären.

Das Problem der Bewertung beginnt allerdings mit der Rechtfertigung des Unternehmens an sich. Als Sabrina Ortmann sich 1998 in einer Seminararbeit dem Thema Netzliteratur nähert und das Ergebnis schließlich auch ins Netz stellt (Ortmann), meldet sich ein 'Betroffener' im Forum des Mitschreibprojekts "Die Säulen von Llacaan" unter dem Titel "Kleines Fundstück: Wir in der germanistischen Wissenschaft :o)" wie folgt zu Wort: "Die gute Sabrina schwingt heftig den Theoriehammer, manchmal etwas trocken, aber ich fands trotzdem spannend, weil einem doch einiges davon vertraut ist. :o) Aber hättet ihr gewußt, daß Llacaan kollaborative Hyperfiction ist???*grins* Oder daß Roger demzufolge nach der Theorie einer gewissen Ruth Nestvold eine Parallele zu James Joyce und Alfred Döblin darstellt? ;oP (Jaaaa, Roger, Du - oder eigentlich wir alle - wirst jetzt nämlich richtig wissenschaftlich erforscht!) ... Jedenfalls, wer sich mal voll die Germanistikdröhnung geben will, kann es ja gern mal lesen. Ich fand es interessant. :o)"

Roger lässt mit seiner Antwort nicht lange warten: "Ja klar kenne ich das. Der Vergleich ist übrigens gar nicht so weit hergeholt. "Ulysses" und "Berlin Alexanderplatz" waren frühere Zweige von Llacaan. Als die Imagemap zu kompliziert wurde habe ich sie rausgetrennt und unter einem Pseudonym veröffentlicht..."

Das klingt wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Die Begegnung beider Parteien könnte problematischer ablaufen, denn wissenschaftlich erforscht zu werden mag einem ja ganz recht sein, auch wenn man die Genugtuung, derart ernst genommen zu werden, hinter Frotzeleien verbirgt. Was aber passiert, wenn dabei mehr als Vergleiche mit großen Dichtern der Vergangenheit herauskommen? Was, wenn die Kritteleien beginnen? Zieht dann der Dichter dem mäkelnden Germanisten wieder den nichtlesenden vor?

Der Literaturwissenschaftler weiss natürlich, dass der kritische Kommentar, der das künstlerische Genie zwingt, seine Kreativität poetologisch zu reflektieren, mehr hilft als eine Menge gutgelaunter Ignoranz. Im vorliegenden Falle sieht er seine Aufgabe sogar als doppelte Mission der Aufklärung: gegen das voreilige und gegen das mangelnde Wissen.  

1. Das Thema Internet ist seit einiger Zeit hip und so bleibt den alten Medien, wollen sie ihr Publikum halten, nichts weiter übrig, als über das neue zu berichten. Da das Interesse der Reporter (bzw. die Zeit, sich wirklich mit dem fremden Gegenstand zu beschäftigen) oft nur mäßig vorhanden ist, werden die immer wieder gleichen Klischees und Vorurteile voneinander abgeschrieben, wobei der Wunsch des Chefredakteurs, den Lesern einige bekannte Namen anzubieten, ein übriges für gründliche Fehlinformationen tut. So firmieren denn unter dem Titel Netzliteratur Phänomene wie das mit einigen berühmten Namen gradliniger Literatur besetzte Schreibprojekt NULL (vgl. Besprechung) oder Reinhald Goetz Tagebuch Abfall für alle, Projekte, die als Aneignungsversuche des Internet durchaus interessant sind, aber als Vorstufen zu Buchausgaben (denn sie brauchen das Neue Medium nicht wirklich) etwas zu Unrecht diesen schillernden Begriff besetzen. Wen wundert es da, dass das Publikum unter Netzliteratur nur alten Wein in neuen Schläuchen versteht und Sprücheklopfern zunickt wie Christian Benne, der Lesen im Internet mit dem Widersinn von Hörspielen aus dem Handy vergleicht.(16)  

2. Die zweite Seite der Aufklärung richtet sich gegen das mangelnde Wissen. Das Problem der digitalen Literatur ist ihr besonderes distributives Verfahren: Der Autor ist zugleich der Verleger. Während manche dies als Befreiung der Poesie aus institutionellen Zwängen feiern, formulieren es andere eher kritisch als Verlust der Qualitätskontrolle, der meist weder dem Autor und noch weniger dem Publikum bekommt. Sollte man, um die digitale Literatur vom Generalverdacht des Hobbydichtertums zu befreien, nicht wenigstens post festum Aussagen über ihre Qualität treffen? Sollte man nicht die Spreu vom Weizen trennen und den Skeptikern zeigen, was digitale Literatur ästhetisch vermag? Dies klingt um so vermessener, als hier einer noch gar nicht entwickelten künstlerischen Ausdrucksform schon mit akademischen Interessen zu Leibe gerückt werden soll. Wer ist es, der da mit Steinen werfen will? Und vor allem mit welchen Steinen?

Hier nimmt der Literaturwissenschaftler am besten Zuflucht in der Geschichte und verweist auf einen Dichter, der im deutschen Kontext so gut als Vorläufer der Hyperfiction gelten kann wie im englischen sein bewundertes Vorbild Laurence Sterne. Die Rede ist von Jean Paul, Zeitgenosse und Gegenspieler Goethes, der den klassischen Stil der Harmonie und genauen Linienführung mit seinen Abschweifungen und Patch-Work-Texten radikal unterlief. Jean Paul war, mit dem Titel eines Hypertextmagazins gesagt, ein Writer on the Edge(17). Zugleich schrieb er jedoch eine Ästhetik, mit der er die poetische Arbeit rational zu fassen suchte.

Ein Kernpunkt seiner Aussagen war, dass die Literaturkritik nicht dogmatisch alte Kategorien auf neue Werke anwenden dürfe, sondern sich auf die ästhetische Eigenlogik des Werkes einlassen und am jeweiligen Gegenstand eine je eigene „neue Dichtkunst" entwickeln müsse. Zu einer Rezension gehöre "eine Zurückführung des Urteils auf bekannte oder auf neue Grundsätze, daher eine Rezension leicht eine Ästhetik im kleinen wird". Jean Paul nennt dies "Liebe für Wissenschaft und für Autor zugleich". (Jean Paul, 368)

Diese Doppelliebe sei der Ausgangspunkt einer akademischen Betrachtung; sie verlangt, sich auf das einzelne Werk und seine Details einzulassen, sie verlangt andererseits, es nach bestimmten Grundsätzen zu beurteilen. Genau diese Grundsätze aber sind das Problem: Es gibt sie kaum. Die Doppelklage der Jury des Pegasus-Wettbewerbs ist da bezeichnend: Eine Klage nicht nur über die mangelhafte Qualität der Einsendungen, sondern auch über den Mangel an Kriterien, mit denen dies beschrieben werden könnte. Dieser Mangel wird um so akuter, wenn die Jury dann die getroffene Entscheidung mit mehr als dem gemeinsamen Votum begründen muß. Spätestens da braucht man klare Kriterien, denn spätestens da wollen auch die Dichter - die ohne Preis - wissen, was an dem preisgekürten Werk eigentlich preiswürdig ist.  

Die Versuche, allgemeine ästhetische Kriterien zu bestimmen, kommen auch von den Dichtern selbst. Was auch immer man vom Pegasus-Wettbewerb halten und was auch immer man über die Rolle der ZEIT als Adoptivmutter eines dann doch nicht mit viel Liebe bedachten Kindes denken mag, diesem Unternehmen gebührt der Verdienst, viele Aktivisten der Netzliteratur erst zu solchen gemacht und damit eine deutsche Szene der Netzliteratur geschaffen zu haben.(18) Diese Szene diskutiert, v.a. im Umfeld der Wettbewerbe, natürlich eifrig, was Internet-Literatur eigentlich sei bzw. sein solle. So heisst es z.B. unter dem Namen ELBEHNON in der Website-Diskussion der Pegasus-Teilnehmer am 20.10.98 zur Frage, ob Interaktivität ein notwendiger Bestandteil von Internet-Kunst ist: "ich glaube ja, da ich der meinung bin, dass jede kunstform ihre spezifischen, nicht in andere formen transportierbaren eigenschaften hat und jedes kunstprodukt, das diese spezifischen eigenschaften nicht reflektiert, sein thema verfehlt."

Das klingt nach einem tragfähigen Kriterium: Jede Kunstform hat ihre spezifischen Möglichkeiten, etwas auszudrücken, das Medium führt seine eigene Ästhetik mit sich und ELBEHNON sieht sie für das Internet in der Interaktivität begründet. Aber die Interaktivität, auf die es ELBEHNON ankommt (nicht die vorprogrammierte des Hypertextes, sondern die unmittelbare Interaktion zwischen Personen), ist, wie oben bereits angesprochen, exklusives Merkmal des Netzes, und wie oben auch angesprochen wurde, zielt der Begriff Netzliteratur in seiner gebräuchlichen Unschärfe zumeist auf die digitalen Medien an sich, sei es nun das Netz oder die CD-ROM.(19) Bleiben wir beim vorgeschlagenen Dachbegriff digitale Literatur, dem sich spezifische Netzliteratur ebenso unterordnet wie Hyperfiction oder Hypermedia, dann sind einige Eigenschaften mehr als nur die der Interaktivität zu nennen. Ich hatte oben neben Interaktivität bereits Intermedialität und Inszenierung erwähnt. Ich will im folgenden diese drei Kategorien näher erläutern und noch einmal differenzieren.

1 - 2 - 3 > 4 - 5


(15) "Can we evaluate or study this kind of literature using nothing more than existing criteria and tools? The obvious answer is 'no.' This genre requires new production techniques, necessitates a new aesthetic for dealing with interaction and branching, requires training for users who would evaluate interactive fiction, leads to unique collaborative experiences (author/reader and reader/reader), and prompts questions that literary scholars have not yet adressed." (Ziegfeld, 367)

(16) Vgl. Benne. Auch Berichte wie der Spiegel Spezial Vom Buch zum Internet. Die Zukunft des Lesens (Oktober 1999) werden dem neuen Phänomen nicht gerecht, wenn sie ihre Pointen darin suchen, dass sich Kafkas Prozess am Bildschirm des Rocket eBooks nicht so gut liest wie im Hardcover, oder wenn sie die Bekenntnisse namhafter Schriftsteller zum Medium Buch auflisten, unter dem Stichwort Literatur im Netz aber nur auf NULL und Abfall für alle eingehen und von den vielfältigen Formen digitaler Literatur schweigen. Wenn der Spiegel 2/10. 1. 2000 Enzenbergers Essay Das digitale Evangelium völlig zu Unrecht unter der Headline Cybersex, um den es im Essay nur am äußersten Rande geht, präsentiert, zeigt sich einmal mehr, wie schwer sich die alten Medien tun, sachgerecht über die neuen zu berichten und wie sehr sie dabei den eigenen Dispositiven (in diesem Falle sex sells) verhaftet sind (vgl. dazu den Kommentar in dichtung-digital).

(17) Inwiefern Jean Paul auch durch seine Erziehungslehre, sein Witzkonzept und sein Antisystemdenken die Technologie des Hypertextes vorwegnahm dazu vgl. Abschnitt 3 in meinem Aufsatz "McDonald's of Education" oder: Technologie einer konstruktivistischen Weltsicht. Hypertext im Sprach- und Literaturunterricht.

(18) Dass die Pegasus-Ausschreibung eigentlicher Anlass ästhetischer Experimente im Reich des Digitalen war, bestätigen sowohl Urs Schreiber wie Susanne Berkenheger, Preisträgerin des Pegasus 1997 und des Ettlinger Netzliteraturwettbewerbs 1999 und seitdem 'Hypertext-Handlungsreisende'.

(19) Dies trifft auch für den Pegasus-Wettbewerb zu, der in der Auschreibung 1996 nicht nur zur Aufnahme der Ausdrucksformen und technischen Möglichkeiten der Computernetze ermunterte, sondern ebenso zum genaugenommen ja netzunabhängigen "Spiel mit den Grenzen zwischen Schrift, Datensatz, Bild und Graphik" einlud. Alle preisgekrönten Werke der drei Wettbewerbe funktionieren denn auch ohne das Internet und tun dies, sofern es sich um Werke mit Byte-intensiven Images handelt, sogar besser ohne es.