www.dichtung-digital.de/2000/Simanowski/29-Nov


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Es sei abschließend auf ein weiteres Problem hingewiesen, dem sich eine wissenschaftliche Beschäftigung mit digitaler Literatur, und zwar vor allem im Hinblick auf deren kombinatorische Seite gegenübersieht. Ziegfield verweist darauf in seinem Artikel:

"Yet another question to consider: If branching renders texts indeterminate, how does this fact change the method for evaluating a literary work? The major change is that we must explore several paths through a work, seeking at some point routes that others are likely to choose. In short, because we must get hold of what the author creates, scholars must not settle for a single ‘reading’ when they are studying a ‘work’ that offers several paths. Next change: we have to state what version of the ‘work’ we have read. This is, we have to keep notes on what branches we took and then announce our path.[24] Another change: given the demands that the new medium places on the writer, we must learn enough about producing software to be able to judge accurately how well the author performed. Because of the swift changes in the technology, this will be an ongoing task." (Ziegfeld, 365) (25)

Diesen Forderungen an die Kritik digitaler Literatur ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht Skepsis, dass allzuviele Kritiker dem Aufwand der Mehrfach-Lektüre und der Notwendigkeit, auch technische Kompetenz zu erwerben, Folge leisten werden. Angesichts der zunehmenden Aktivitäten von Literaten im Netz wird schon gemunkelt, es handle sich um eine Emanzipationshandlung der jüngeren Schriftstellergeneration, die sich im Netz ihr eigenes "literarisches Feld" (Bourdieu) schafft, wo die etablierten Meinungsträger schon des erschwerten Zugangs wegen keine Deutungshoheit mehr besitzen (Kahlenfendt).

Wenn sich da Autoren geheimbündlerisch unter dem Namen "Das Treffen der Dreizehn" vereinen, die traditionellen Bewertungskriterien literarischer Texte in Frage stellen und auch noch ihren eigenen Literaturpreis vergeben, erweckt dies durchaus den Eindruck, das Neue Medium diene dem Ziel, sich vom alten Kulturbetrieb zu trennen.(26) Betrachtet man nun nicht die Literatur im Netz, sondern die digitale Literatur, verstärkt sich dieser Eindruck natürlich, denn hier werden durch die technologische Grundlage weitere Hürden errichtet. Die mit Kombination und netzgebundener Interaktion arbeitende Spielform der digitalen Literatur geht noch einen Schritt weiter: Sie bietet nicht einmal ein abgeschlossenes Werk an, auf das sich die Besprechung konzentrieren könnte. Damit hat sich die Literatur, so will es scheinen, auf geschickte Weise vor der Literaturkritik gerettet.

Es bleibt die Frage – und da gibt es durchaus auch Gründe, das Gegenteil anzunehmen – ob die Pioniere digitaler Literatur über diesen Schachzug wirklich so erfreut wären. Hoffen sie nicht vielmehr, dass die Literaturkritik ihnen folgt, weil nur, was kritisiert wird, öffentlich existiert – auch im Netz und vielleicht, Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie (Florian Rötzer), dort erst recht? Wollen sie im Innersten ihres Herzens nicht, dass die Kritiker ihnen mit ihren alten Bezügen folgen und dafür neue Adressaten suchen (Roger, der Impresario von Die Säulen von Llacaan, als James Joyce oder Alfred Döblin des Internet)? Wie dem auch sei: Lassen wir uns überraschen, wohin es die Aktivisten digitaler Literatur in den nächsten Jahren treiben wird, und versuchen wir in jedem Fall, ihnen dabei auf den Fersen zu bleiben.


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(24) Hier wäre hinzuzufügen, dass auch das Datum der Lektüre vermerkt werden muss, da nicht nur die Struktur des Werkes variieren kann, sondern auch dessen Bearbeitungsstatus: Veröffentlichung bedeutet im Netz nicht Endstadium. Der Autor kann jederzeit und auch ohne Mitteilung Veränderungen an seinen Dateien vornehmen.

(25) Vgl. Robert Coover, der in seiner Besprechung zu Stuart Moulthrops Victory Garden (Hyperfiction: Novels for the Computer) in der New York Times Book Review am 29. 8. 1993 fragt: "Is it even possible to describe this nonlinear interactive art here in the implacably linear medium of printed text?"

(26) Vgl. Das Forum der Dreizehn (ursprünglich "Das Treffen der Dreizehn"), das alle zwei Jahre unter Ausschluss der traditionellen Medien den mit 4 000 DM dotierten "Autorenpreis der Dreizehn" vergibt, der 2000 an Stefan Beuse ging