www.dichtung-digital.de/2001/06/10-Simanowski

Olia Lialina: My boyfriend came back from the war

1 - 2 - 3 - 4

Hypertext auf Russisch

Der drunterliegende oder der räumlich folgende Frame, das sind die beiden Richtungen, die Lialinas Spielform des Hypertextes anbietet. Es wurde schon von der Verdoppelung der Links ins Vertikale und Horizontale gesprochen. Anders als beim klassischen Hypertext, der mit Ersetzung arbeitet und nur vertikal operiert, führen die Links hier einerseits zu Ablösungen, andererseits zu einer Vervielfältigung auf horizontaler Ebene. Es eröffnen sich immer wieder Frames in Frames und auf der Bildschirmoberfläche sieht es so aus, als würden unter ihr Tabellen in Tabellen gesetzt, um alles zu arretieren, um alles in den Griff zu bekommen. Die Bühne teilt sich, bis kein Platz mehr bleibt.

Diese Anverwandlung der Hypertext-Rhetorik verbindet, wenn man so will, die globale Technologie (der Amerikaner) mit der kulturellen Tradition (der Russen), indem sie die Matroschka-Metapher in den Hypertext übersetzt. Und anders als bei der unbegrenzten, mit Rekursion arbeiteten Ersetzung der Nodes im vertikalen Hypertext setzt hier der Bildschirmrahmen der Vervielfältigung natürliche Grenzen. Es gibt ein Ende der Verschiebung, auf das man ausweglos zusteuert. Der Handlungsspielraum ist nicht so groß wie das Land. Die Zuspitzung wird in einer räumlichen Bewegung versinnbildlicht.

Die letzte Aussage im Kästchen rechts unten macht dies gerade darin deutlich, dass sie aus der räumlich eng gewordenen Situation sich durch ein Versprechen in die Zukunft flüchtet: "will you marry me?", klick: "TO-MORROW", klick: "No, better next month after holiday and the weather must be better. Yes next month. I'am happy now". Die Wiederholung - "Yes next month" - ist alles andere als eine Bekräftigung. Es bedeutet noch weniger als Budjet und hat offenbar nur die Funktion, den Moment zu retten. Der Ausblick ist nicht Hoffnung.