www.dichtung-digital.de/2001/06/20-Simanowski

Caitlin Fisher: "These Waves of Girls"

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Linksematik

Die Hypermedia Novella, wie es auf dem Deckblatt heisst, eröffnet mit dahinziehenden Wolken und Mädchenlachen und schaltet nach einigen Sekunden automatisch weiter zum Inhaltsverzeichnis. Auf einer bläulich-schwarzen Hintergrundgrafik bieten sich acht Sektionen zur Auswahl, jeweils mit einem kleinen Image und einem kurzen Text versehen. Ein Designversprechen, das in der Folge leider nicht immer eingelöst wird.

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Der Maus-Kontakt auf der zweite Sektion bringt folgenden Text hervor: "Mrs. Mackenzie would sometimes put her hands on my shoulder in the hallway outside the grade six classroom and say thing like 'it's ok, to be smart and be a girl." well, duh! I always looked at my shoes, embaressed for both of us, and Mrs. Mackenzie would give my shoulders a hard squeeze.' Die Sektion "I want her" beginnt mit: "I am in bed with Jenny Winchester and I realize she want me to undo her pants", zur letzten heisst es: " I'm just borrowing part of your life, I'd tell them, I don't pretend to own it."

Damit sind die Sektionen thematisch jeweils einigermassen ausgelegt und zugleich mit entsprechenden Ausschnitten umworben. Gehen wir in Sektion 2.

  

Eine Menuleiste bietet 24 Kapitel (das unterste, navigate, führt zur Anfangsseite zurück), in der Mitte ist ein Text bereits aufgerufen - auch dieser bietet mehrere Anschlussmöglichkeiten -, rechts neben dem Text sowie oben und unten ist Raum für verschiedene Images. Verwirrend ist, dass der angezeigte Text mit jenen Sätzen beginnt, die zuvor im Inhaltsverzeichnis zu Sektion 6 erschienen waren. Die Probe zeigt, dass Sektion 6 ebenfalls das Kapitel "Tammy" aufweist, das hier die Eröffnung gibt. Und beide Sektionen teilen sich noch zwei weitere Kapitel. Das zeigt schon einmal an, dass sich die Texte überschneiden und nicht nur innerhalb bestimmter Sektionen zugänglich sind. Was auch immer der Grund dann für die Sektionierung sein mag.

Die Geschichte um Tammy jedenfalls ist folgende:

"Grade five we all knew what a slut was: Tammy Stevens. Tammy was in grade six. She'd sit all angelic-like in assembly, cross-legged on the gym floor. She was sitting on Ricky Sutherland's hand. I'm serious. We were grossed out and fascinated. I went home and practiced sitting on my hand. It didn't seem worth it, somehow. Ricky Sutherland went around talking like having a girl sit on his hand meant he wasn't a virgin anymore."

Was unterstrichen ist - und leider wirklich in dieser Länge und einschließlich des Leerzeichens nach talking -, linkt zu einer Datei namens the_lover, in dem Tracey, die Erzählerin, im Kino Duras' "The Lover" sehend, sich erinnert, wie sie einst, als 15jährige, einen doppelt so alten Mann verführte, den ersten besten, um endlich die Schwelle zu überschreiten. Für das Stichwort, das hier die Verbindung stiftet, ist der Link also erstaunlich lang geraten.

Zurück in den Ausgangsnode treffen wir weiter unten auf den Text, der vorher als Trailer für diese Sektion gedient hatte. Im Anschluss an Mrs. Mackenzies Schulter-Quetschen kommt die Rede auf die Kinder in six grade, mit denen Tracey kaum sprach:

"Mostly they talked about making out on the senior playground equipment -- dedicated to the memory of two classmates run over by a chicken-licken delivery truck. It was so sad."

Der Link führt zu einem Bericht über zwei Lesben, die in Dalewood, "near our school", lebten und von den meisten Einwohnern geschnitten und von den Schülern, auch von Tracey, mit Schneebällen und Eiern beworfen wurden. Das linkende Stichwort tritt auf, wenn davon die Rede ist, dass die Leute sich fragen, ob die beiden Frauen eine Katze haben, "because that would be so sad for a cat ... to have to live with that. "Der Tod zweier Schulkameraden als Link zum angeblich traurigen Leben einer Katze unter Lesben: Eine etwas fragwürdige Verlinkung, die sich wohl nur mit den Assoziationen einer 10jährigen rausreden kann. Oder soll der Link gar nicht als lexemischer Punkt-zu-Punkt-Link gelesen werden? Verweist >sad< als Absprung vielleicht nicht nur auf jenes >sad< im Umfeld der Katze, sondern auf die ganze Geschichte über die beiden Lesben in Dalewood, die freilich in der Tat traurig genug ist und ihre Schatten bereits auf Traceys Dasein wirft: "Plans are made to kidnap the cat. If there is one. I need to decide: am I the kind of person who will throw iceballs and steal someone's cat, or will I have iceballs thrown at me and have my cat stolen?"

Andere Links sind einfacher: In "I tell my grandmother that I'm glad to know her" führt der Link wie erwartet zu Erinnerungen, die sich mit der Großmutter verbinden. Hier ist die Assoziation deutlicher, aber dafür auch flacher. Man muss sie nicht interpretieren, sie erklärt sich von selbst, denn das Link-Wort ist stark genug und könnte in den meisten Kindheitserinnerungen als Kapitelüberschrift stehen. Bleiben wir bei der Link-Semantik. Nehmen wir das Beispiel, da Tracey vom Apfelbaum fällt und die Leute aus der Ferne angerannt hört.

Der Link, der auf den Rennenden liegt, führt zur Geschichte um Neil, der auf dem Weg zum Haus stolpert und seinen Arm in die Glastür rammt. Der Fahrer des Schulbusses, der ebenso wie die anderen Schüler alles gesehen hat, eilt Neil zu Hilfe; die Datei lädt automatisch ein Audiofile mit Laufgeräuschen. Insofern ist der Link plausibel, denn einmal ist Tracey Opfer, einmal Zeuge einer Unfalls, einmal gelten die Schritte ihr, einmal einem anderen. Das Problem ist, dass man, vom Apfelbaum in die Neil-Geschichte geschickt, zu spät kommt, denn das Unglück ist schon passiert, und wir wissen nicht, warum eigentlich die Leute rennen und warum Neils Arm so blutig ist. Wohin soll man linken? An den Anfang einer Szene, an die man sich erinnert - Tracey assoziert ja nicht nur das andere Rennen, sondern den anderen Unglücksfall, aus dem es entstand - oder genau zu jener Stelle, wo das Stichwort auftaucht?

Wie das vorliegende Beispiel zeigt, macht die passgenaue Verlinkung Dinge nicht unbedingt einfacher. Es ist schön wenn ein Link auf der Großmutter uns auch wirklich zur Großmutter führt, aber der Link, der auf herbeieilenden Leuten in einem Unglücksfall liegt, sollte vielleicht das Wagnis eingehen, zu dessem Ausgangspunkt zu linken, auch wenn die eilenden Schritte dann noch zwei Nodes auf sich warten lassen und die Leser nicht gleich wissen, warum sie hierher geschickt wurden. Es ist eine Frage des Stils und des Vertrauens, das die Leser für den Autor entwickeln. - Dass Fischer um das Problem weiss, zeigt der Pfeil, der unten im Node an den Anfang der Neil-Szene führt; allerdings auch nicht sofort, denn es geht immer nur einen Node zurück - was ordnungsspezifisch richtig ist, erzählstrategisch aber unlogisch.

Dieses Vertrauen in die Autorin wird auf die Probe gestellt, wenn man den Links in jenem Node über den unglücklichen Neil folgt. Tracy, die alles vom Schulbus aus beobachtet, sagt angesicht des in der Glastür steckenden Neil:

"I see my hand on the green vinyl on the seat in front of me. An arrow shoots right through me into my chest like love, only there's this scream. Mrs. Lomax is screaming "help" and adults are running. Fay runs out of the bus, then everyone but me joins the little half circle around Neil."

Der Vergleich des Pfeil-Gefühls ist gewagt, aber gut, seltsam berührt ist man allerdings, wenn der Link dann wirklich diesen Pfad weitergeht und wir vom blutenden Neil zu Traceys Gefühlen gegenüber Jennie gebracht werden:

"desiring her // and she was always so much stronger than me breaking every plate in the house and this was also desire. Each glass pulled of those shelves shattering. Each shard a present."

Noch problematischer wird der Bezug im anderen Link. Hier ist es keine Situation oder Stimmung, die eine, wenn auch völlig andere Geschichte assoziiert, sondern allein der Name (weswegen der Link eigentlich auch allein auf >Fay<, nicht aber auf >run< liegen müsste):

"Fay Devlin and I are playing spin the bottle, just the two of us. She spins but she trembles. I put my tongue in her mouth. By the time we get to Truth or Dare, I have my lips on her nipple and I've made her do the asking. // I'm told I'm a bad cat. Unladylike. I've learned what happens to weak children who eat egg sandwiches or worse. // She says: "Don't tell, don't ever tell." // I say: "shhh... can't promise you."

Diese Karnevalisierung des Links (Uwe Wirth) ist wohl weniger Tracey anzulasten, als Caitlin Fisher. Da sich hier Erzähl- und Geschehensebene überlagern, ist es zudem möglich, dass es die Szene des Flaschendrehens in der Handlungszeit damals noch gar nicht gab. Es ist Caitlin, die jetzt, da sie die Dinge aufschreibt, die Verbindung herstellt. Der Bruch, den sie uns zumutet, repräsentiert ihre Assoziationen. In der zigsten Abwandlung eines alten Sprichworts - zeige mir, wie du linkst, und ich sage dir, wer du bist - stellt sich die Frage nach der Ethik der Links. Ist es nicht zynisch, von Neil jetzt zu jenen Liebesspielen zu linken! Aber wem wäre der Zynismus zuzuschreiben: Caitlin Fisher oder ihrer Erzählinstanz? Anders gefragt: Ist es Gedankenlosigkeit der Autorin oder intendierte Aussage mit den Mitteln des Hypertextes? Betrachten wir ein weiteres Beispiel.

Wenn Tracey in der Bar in St. Louis über Vivian sagt: "I tell her I love her. She loves me too, she says, just not as much as I love her", dann gehen beide Links zu Szenen mit Jenny, die ahnen lassen, dass diese Tracey mehr liebt als Tracey sie. Die Vermutung, die die Links vermitteln, bestätigt sich, wenn in einem andern Node Traceys Abwehr gegen einen zudringlich gewordenen Schuhverkäufer (zu dem kommen wir noch) - " I don't want to have sex," - als Link dient zu einer Szene mit Jenny. Der letzte Satz dieser Szene - "She makes me chicken noodle cup-a-soup and has her fingers inside me before I'm finished eating. By March I'm watching Young and the Restless while she does this" - lässt keinen Zweifel darüber, wer hier wen mehr liebt. Es ist die alte Geschichte vom Ungleichgewicht der Gefühle und vom Wandel der eigenen Rolle darin. Auch Tracey ist einmal Täter, einmal Opfer, was uns v.a. durch Absprung und Adresse eines Link erzählt wird.

Weniger leicht zu verstehen ist die Bedeutung des anderen Link, den es in der ungemütlichen Szene mit dem Schuhverkäufer gibt. Tracey rettet sich durch einen Trick: sie zieht sich aus und führt ihre "entire junior beam routine, handstand press, two backhandspring included" vor: "He jerks off. Dismount." Hinter dem Link aber finden wir so etwas wie das Zentrum der Geschichte, denn diese Seite - ihr Titel lautet "erotic" - ist ganz weiss und von ihr führt kein Link mehr weiter. Von rechts nach links läuft im endlos Loop in roter Farbe die Zeile: "and it was the most erotic year of my life". Was sagt dieser Link über die eben bezeugte Szene? Wohl nicht, dass Tracey seelisch daran grossen Schaden genommen hat. Aber vielleicht - man beachte die Linklosigkeit der Site -, dass es eine Sackgasse war, dass es um diese Erotik nicht ging? Ein letztes Beispiel zur Linksemantik.

Traceys Wunschtraum, ins Bett der heimlich geliebten Lehrerin zu kriechen - "and she looked at me and said, / 'But Tracey, you're a girl!' and I said, / 'Who cares?'" -, linkt nochmals zu Traceys Großmutter, mit der sie sich als Kind immer im Bett Geschichten erzählte. Der Node beginnt bezeichnenderweise mit den Worten: "I am growing up but not out of my grandmother's bed." Auch hier stellt sich die Frage, was man dem Link zutrauen soll. Natürlich, er verbindet zunächst zwei Bettszenen. Aber funktioniert er wirklich nur als nebenordnende Konjunktion? Oder ist er eine der Kausalität: Dort, in den Betterlebnissen mit der Großmutter, liegen die Wurzeln. Die erotische Phantasie von heute als Folge der Kuschelstunden von damals?

Es gehört zum Wesen der Hyperfiction, dass solche Fragen für den Leser nie restlos zu klären sind. Der Link kann sich einfach auf die Stichwörter stürzen und zusammenbringen, was auch im Lexikon nebeneinandersteht. Oder er kann - die weniger banale Variante - diese Verlinkung zum Anlass nehmen, dahinter zusätzlich etwas zu sagen. So wie Texte neben ihrer denotativen Bedeutung eine konnotative in sich tragen, die der Interpretation offensteht. Der Hypertext verlegt die Arbeit der Ausdeutung und Anschlüsse auf den Link. Dieser ist Isers Leerstelle, wie mitunter gesagt wird, aber eben nicht im Sinne der Frage, ob man von einem Node mit Link a oder Link b abspringt (dies würde die Leerstellenmetapher mechanisieren und banalisieren), sondern im Sinne der Frage, ob Link a nur "und" oder auch "deshalb" oder "trotzdem" oder "aber" heisst.

Freilich, man braucht Beweise dafür, wie tief man bei einem Autor bzw. einer Autorin schürfen darf. Man kann nicht immer tiefere Bedeutung unterstellen; und da Hypertexte - dies ist ihr strukturelles Problem - nun einmal von Links leben und da diese in der Mehrzahl einfach nur nach lexemischen Erwägungen gesetzt werden, um das Klicken im Fluss zu halten, wird man in den wenigsten Fällen tiefere Bedeutung unterstellen können. Lassen wir dies auf sich beruhen und fragen wir nach der tieferen Bedeutung der Text-Bild-Bezüge.

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