Der Maus-Kontakt auf der
zweite Sektion bringt folgenden Text hervor: "Mrs. Mackenzie
would sometimes put her hands on my shoulder in the hallway
outside the grade six classroom and say thing like 'it's ok,
to be smart and be a girl." well, duh! I always looked at my
shoes, embaressed for both of us, and Mrs. Mackenzie would
give my shoulders a hard squeeze.' Die Sektion "I want her"
beginnt mit: "I am in bed with Jenny Winchester and I
realize she want me to undo her pants", zur letzten heisst
es: " I'm just borrowing part of your life, I'd tell them, I
don't pretend to own it."
Damit sind die Sektionen
thematisch jeweils einigermassen ausgelegt und zugleich mit
entsprechenden Ausschnitten umworben. Gehen wir in Sektion
2.
Eine Menuleiste bietet 24
Kapitel (das unterste, navigate, führt zur Anfangsseite
zurück), in der Mitte ist ein Text bereits aufgerufen -
auch dieser bietet mehrere Anschlussmöglichkeiten -,
rechts neben dem Text sowie oben und unten ist Raum für
verschiedene Images. Verwirrend ist, dass der angezeigte
Text mit jenen Sätzen beginnt, die zuvor im
Inhaltsverzeichnis zu Sektion 6 erschienen waren. Die Probe
zeigt, dass Sektion 6 ebenfalls das Kapitel "Tammy"
aufweist, das hier die Eröffnung gibt. Und beide
Sektionen teilen sich noch zwei weitere Kapitel. Das zeigt
schon einmal an, dass sich die Texte überschneiden und
nicht nur innerhalb bestimmter Sektionen zugänglich
sind. Was auch immer der Grund dann für die
Sektionierung sein mag.
Die Geschichte um Tammy
jedenfalls ist folgende:
"Grade
five we all knew what a slut was: Tammy Stevens. Tammy
was in grade six. She'd sit all angelic-like in
assembly, cross-legged on the gym floor. She was
sitting on Ricky Sutherland's hand. I'm serious. We
were grossed out and fascinated. I went home and
practiced sitting on my hand. It didn't seem worth it,
somehow. Ricky Sutherland went around talking like
having a girl sit on his hand meant he wasn't a virgin
anymore."
Was unterstrichen ist - und
leider wirklich in dieser Länge und einschließlich des
Leerzeichens nach talking -, linkt zu einer Datei namens
the_lover, in dem Tracey, die Erzählerin, im Kino
Duras' "The Lover" sehend, sich erinnert, wie sie einst, als
15jährige, einen doppelt so alten Mann verführte,
den ersten besten, um endlich die Schwelle zu
überschreiten. Für das Stichwort, das hier die
Verbindung stiftet, ist der Link also erstaunlich lang
geraten.
Zurück in den
Ausgangsnode treffen wir weiter unten auf den Text, der
vorher als Trailer für diese Sektion gedient hatte. Im
Anschluss an Mrs. Mackenzies Schulter-Quetschen kommt die
Rede auf die Kinder in six grade, mit denen Tracey kaum
sprach:
"Mostly
they talked about making out on the senior playground
equipment -- dedicated to the memory of two classmates
run over by a chicken-licken delivery truck. It was so
sad."
Der Link führt zu einem
Bericht über zwei Lesben, die in Dalewood, "near our
school", lebten und von den meisten Einwohnern geschnitten
und von den Schülern, auch von Tracey, mit
Schneebällen und Eiern beworfen wurden. Das linkende
Stichwort tritt auf, wenn davon die Rede ist, dass die
Leute sich fragen, ob die beiden Frauen eine Katze haben,
"because that would be so sad for a cat ... to have to live
with that. "Der Tod zweier Schulkameraden als Link zum
angeblich traurigen Leben einer Katze unter Lesben: Eine
etwas fragwürdige Verlinkung, die sich wohl nur mit den
Assoziationen einer 10jährigen rausreden kann. Oder
soll der Link gar nicht als lexemischer Punkt-zu-Punkt-Link
gelesen werden? Verweist >sad< als Absprung vielleicht
nicht nur auf jenes >sad< im Umfeld der Katze, sondern
auf die ganze Geschichte über die beiden Lesben in
Dalewood, die freilich in der Tat traurig genug ist und ihre
Schatten bereits auf Traceys Dasein wirft: "Plans are made
to kidnap the cat. If there is one. I need to decide: am I
the kind of person who will throw iceballs and steal
someone's cat, or will I have iceballs thrown at me and have
my cat stolen?"
Andere Links sind einfacher:
In "I tell my grandmother that I'm glad to know her"
führt der Link wie erwartet zu Erinnerungen, die sich
mit der Großmutter verbinden. Hier ist die Assoziation
deutlicher, aber dafür auch flacher. Man muss sie nicht
interpretieren, sie erklärt sich von selbst, denn das
Link-Wort ist stark genug und könnte in den meisten
Kindheitserinnerungen als Kapitelüberschrift
stehen. Bleiben wir bei der Link-Semantik. Nehmen wir das
Beispiel,
da Tracey vom Apfelbaum fällt und die Leute aus der
Ferne angerannt hört.
Der Link, der auf den
Rennenden liegt, führt zur Geschichte um Neil, der auf
dem Weg zum Haus stolpert und seinen Arm in die Glastür
rammt. Der Fahrer des Schulbusses, der ebenso wie die
anderen Schüler alles gesehen hat, eilt Neil zu Hilfe;
die Datei lädt automatisch ein Audiofile mit
Laufgeräuschen. Insofern ist der Link plausibel, denn
einmal ist Tracey Opfer, einmal Zeuge einer Unfalls, einmal
gelten die Schritte ihr, einmal einem anderen. Das Problem
ist, dass man, vom Apfelbaum in die Neil-Geschichte
geschickt, zu spät kommt, denn das
Unglück ist schon passiert, und wir wissen nicht, warum
eigentlich die Leute rennen und warum Neils Arm so blutig
ist. Wohin soll man linken? An den Anfang einer Szene, an
die man sich erinnert - Tracey assoziert ja nicht nur das
andere Rennen, sondern den anderen Unglücksfall, aus
dem es entstand - oder genau zu jener Stelle, wo das
Stichwort auftaucht?
Wie das vorliegende Beispiel
zeigt, macht die passgenaue Verlinkung Dinge nicht unbedingt
einfacher. Es ist schön wenn ein Link auf der
Großmutter uns auch wirklich zur Großmutter führt,
aber der Link, der auf herbeieilenden Leuten in einem
Unglücksfall liegt, sollte vielleicht das Wagnis
eingehen, zu dessem Ausgangspunkt zu linken, auch wenn die eilenden Schritte dann noch zwei
Nodes auf sich warten lassen und die Leser nicht gleich
wissen, warum sie hierher geschickt wurden. Es ist eine
Frage des Stils und des Vertrauens, das die Leser für den
Autor entwickeln. - Dass Fischer um das Problem weiss, zeigt
der Pfeil, der unten im Node an den Anfang der Neil-Szene
führt; allerdings auch nicht sofort, denn es geht
immer nur einen Node zurück - was ordnungsspezifisch
richtig ist, erzählstrategisch aber
unlogisch.
Dieses Vertrauen in die
Autorin wird auf die Probe gestellt, wenn man den Links in
jenem
Node
über den unglücklichen Neil folgt. Tracy, die
alles vom Schulbus aus beobachtet, sagt angesicht des in der
Glastür steckenden Neil:
"I see
my hand on the green vinyl on the seat in front of me.
An arrow shoots right through me into my chest like
love, only there's this scream. Mrs. Lomax is
screaming "help" and adults are running. Fay runs out
of the bus, then everyone but me joins the little half
circle around Neil."
Der Vergleich des
Pfeil-Gefühls ist gewagt, aber gut, seltsam
berührt ist man allerdings, wenn der Link dann wirklich
diesen Pfad weitergeht und wir vom blutenden Neil zu Traceys
Gefühlen gegenüber Jennie gebracht werden:
"desiring
her // and she was always so much stronger than me
breaking every plate in the house and this was also
desire. Each glass pulled of those shelves shattering.
Each shard a present."
Noch problematischer wird
der Bezug im anderen Link. Hier ist es keine Situation oder
Stimmung, die eine, wenn auch völlig andere Geschichte
assoziiert, sondern allein der Name (weswegen der Link
eigentlich auch allein auf >Fay<, nicht aber auf
>run< liegen müsste):
"Fay
Devlin and I are playing spin the bottle, just the two
of us. She spins but she trembles. I put my tongue in
her mouth. By the time we get to Truth or Dare, I have
my lips on her nipple and I've made her do the asking.
// I'm told I'm a bad cat. Unladylike. I've learned
what happens to weak children who eat egg sandwiches
or worse. // She says: "Don't tell, don't ever tell."
// I say: "shhh... can't promise you."
Diese
Karnevalisierung des Links (Uwe Wirth) ist wohl weniger Tracey anzulasten,
als Caitlin Fisher. Da sich hier Erzähl- und Geschehensebene überlagern, ist es zudem
möglich, dass es die Szene des Flaschendrehens in der
Handlungszeit damals noch gar nicht gab. Es ist Caitlin, die
jetzt, da sie die Dinge aufschreibt, die Verbindung
herstellt. Der Bruch, den sie uns zumutet,
repräsentiert ihre Assoziationen. In der zigsten
Abwandlung eines alten Sprichworts - zeige mir, wie du
linkst, und ich sage dir, wer du bist - stellt sich die
Frage nach der Ethik der Links. Ist es nicht zynisch, von
Neil jetzt zu jenen Liebesspielen zu linken! Aber wem
wäre der Zynismus zuzuschreiben: Caitlin Fisher oder
ihrer Erzählinstanz? Anders gefragt: Ist es
Gedankenlosigkeit der Autorin oder intendierte Aussage mit
den Mitteln des Hypertextes? Betrachten wir ein weiteres
Beispiel.
Wenn Tracey in der Bar in
St. Louis über Vivian sagt: "I tell her I love her. She
loves me too, she says, just not as much as I love her",
dann gehen beide Links zu Szenen mit Jenny, die ahnen
lassen, dass diese Tracey mehr liebt als Tracey sie. Die
Vermutung, die die Links vermitteln, bestätigt sich,
wenn in einem andern Node Traceys Abwehr gegen einen
zudringlich gewordenen Schuhverkäufer (zu dem kommen
wir noch) - " I don't want to have sex," - als Link dient zu
einer
Szene
mit Jenny. Der letzte Satz dieser Szene - "She makes me chicken
noodle cup-a-soup and has her fingers inside me before I'm
finished eating. By March I'm watching Young and the
Restless while she does this" - lässt keinen Zweifel
darüber, wer hier wen mehr liebt. Es ist die alte
Geschichte vom Ungleichgewicht der Gefühle und vom
Wandel der eigenen Rolle darin. Auch Tracey ist einmal
Täter, einmal Opfer, was uns v.a. durch Absprung und
Adresse eines Link erzählt wird.
Weniger leicht zu verstehen
ist die Bedeutung des anderen Link, den es in der
ungemütlichen Szene mit dem Schuhverkäufer gibt.
Tracey rettet sich durch einen Trick: sie zieht sich aus und
führt ihre "entire junior beam routine, handstand
press, two backhandspring included" vor: "He jerks off.
Dismount." Hinter dem Link aber finden wir so etwas wie das
Zentrum der Geschichte, denn diese
Seite
- ihr Titel lautet "erotic" - ist ganz weiss und von ihr
führt kein Link mehr weiter. Von rechts nach links
läuft im endlos Loop in roter Farbe die Zeile: "and it
was the most erotic year of my life". Was sagt dieser Link
über die eben bezeugte Szene? Wohl nicht, dass Tracey
seelisch daran grossen Schaden genommen hat. Aber vielleicht
- man beachte die Linklosigkeit der Site -, dass es eine
Sackgasse war, dass es um diese Erotik nicht ging? Ein
letztes Beispiel zur Linksemantik.
Traceys
Wunschtraum,
ins Bett der heimlich geliebten Lehrerin zu kriechen - "and
she looked at me and said, / 'But Tracey, you're a girl!'
and I said, / 'Who cares?'" -, linkt nochmals zu Traceys
Großmutter,
mit der sie sich als Kind immer im Bett Geschichten
erzählte. Der Node beginnt bezeichnenderweise mit den
Worten: "I am growing up but not out of my grandmother's
bed." Auch hier stellt sich die Frage, was man dem Link
zutrauen soll. Natürlich, er verbindet zunächst
zwei Bettszenen. Aber funktioniert er wirklich nur als
nebenordnende Konjunktion? Oder ist er eine der
Kausalität: Dort, in den
Betterlebnissen mit der Großmutter, liegen die Wurzeln. Die
erotische Phantasie von heute als Folge der Kuschelstunden
von damals?
Es gehört zum Wesen der
Hyperfiction, dass solche Fragen für den Leser nie
restlos zu klären sind. Der Link kann sich einfach auf
die Stichwörter stürzen und zusammenbringen, was
auch im Lexikon nebeneinandersteht. Oder er kann - die
weniger banale Variante - diese Verlinkung zum Anlass
nehmen, dahinter zusätzlich etwas zu sagen. So wie
Texte neben ihrer denotativen Bedeutung eine konnotative in
sich tragen, die der Interpretation offensteht. Der
Hypertext verlegt die Arbeit der Ausdeutung und
Anschlüsse auf den Link. Dieser ist Isers Leerstelle,
wie mitunter gesagt wird, aber eben nicht im Sinne der
Frage, ob man von einem Node mit Link a oder Link b
abspringt (dies würde die Leerstellenmetapher
mechanisieren und banalisieren), sondern im Sinne der Frage,
ob Link a nur "und" oder auch "deshalb" oder "trotzdem" oder
"aber" heisst.
Freilich, man braucht
Beweise dafür, wie tief man bei einem Autor bzw. einer
Autorin schürfen darf. Man kann nicht immer
tiefere Bedeutung unterstellen; und da Hypertexte - dies ist
ihr strukturelles Problem - nun einmal von Links leben und
da diese in der Mehrzahl einfach nur nach lexemischen
Erwägungen gesetzt werden, um das Klicken im Fluss zu
halten, wird man in den wenigsten Fällen
tiefere Bedeutung unterstellen können. Lassen wir dies
auf sich beruhen und fragen wir nach der tieferen Bedeutung
der Text-Bild-Bezüge.
1
- 2
>
3
- 4
- 5
- 6