Die
Struktur der Textanordnung bringt es mit sich, dass das Bild
zuweilen vor dem Hintergrund einer vorangegangenen, wenn
auch vielleicht noch nicht gelesenen Geschichte,
erzählt. So ist es, wenn Tracey von der Chateau St.
Louis Jazz Bar
berichtet,
in der sie, 15jährig, mit Vivian Erdbeer Daiqiris
trinkt
Die Sequenz wird durch ein
Bild eröffnet, das sich nicht gleich zu erkennen gibt.
Folgt man dem einen der beiden Links, kommt man in eine
Szene,
in der Vivian in der Schule neben Tracey sitzt, wie Love's
Baby Soft riecht, "but with a hint of Eau de Rochas which
she steals from her grandmother", und ihre Augenlider
onduliert, während Tracey nicht einmal wusste, dass es
sowas gibt. Jetzt wird, zumal der Link >eyelash
curling< wieder zurück zu unserem Bild in der Jazz
Bar führt, darauf das vergrösserte Frauengesicht
erkennbar, das Auge, der Ansatz der Nase, und die
hineingemalten schwarzen Kringel, das sind Vivians
gekräuselte Augenlider, deren wegen Tracey damals so
aufgeregt war - "She's even curled her eyelashes. I feel
somehow worse sitting next to her" - und deren wegen sie
jetzt hier in der Bar in St. Louis Daiqiris mit ihr trinkt.
Ohne den Zusammenhang explizit auszusprechen, legt Fisher
ihn an, indem sie das entscheidende Symbol aus dem Text in
jener Szene zum Zentrum des Bildes in dieser Szene macht,
wobei die explizite Verlinkung die Lesbarkeit der Verbindung
absichert.
Beispiel für den
ironischen Kommentar des Bildes ist wiederum der
anschließende
Node
in der Bar. Tracey macht einen 40jährigen Mann aus und
vermutet in ihm einen Schuhverkäufer, "blowing the
money he should be spending on his daughter's insulin". Es
gibt keinerlei Anhaltspunkte zu dieser Vermutung, aber sie
drückt - genauso wie die Erfindung der diabetischen Tochter
und eben das unter den Text gesetzte Bild mit dem Paar
Schuhe - sehr gut den Übermut aus, mit dem die für
Alkohol noch viel zu jungen Mädchen sich in das
Abenteuer der Bar begeben.
Der Fortgang der Szene, die
Bedrängnis durch den Schuhverkäufer, der
inzwischen einige Daiqiris spendiert hat, und die schon
erwähnte seltsame Lösung, mit der er sich
schliesslich zufriedengibt, stellen die Lächerlichkeit,
die in der Schuhverkäufer-Metapher mitschwingt, in
Frage, um sie dann doch zu bestätigen.
Auf einige Bilder trifft
man, zum Teil in veränderter Grösse und Gestalt,
immer wieder in neuen Kontexten. Nehmen sie in diese ihre
anderen Kontexte mit? An einer
Stelle
- Tracey sitzt auf dem Rücksitz des Autos, vorn sitzen
ihr Vater und Alain, ein Freund der Familie - entspinnt sich
ein Gespräch über die Sehnüchte der
Männer und Tracey sagt, dass auch sie oft an Frauen
denke. Hier taucht das Bild, das zuvor die haselnussbraunen
Augen der sechsjährigen Vanessa illustrierte, wieder
auf; verbunden mit dem Text:
"Gee. I
wonder if my father knows I'm a lesbian. I never
really mentioned it."
Aber das Bild zeigt hier
nicht nur jene Augen, an die Tracey denken mag, wenn sie an
Frauen denkt. Es zeigt zugleich Traceys Augen, wie sie der
Vater im Rückspiegel sieht. Und wer schon das Kapitel
Watching
besucht hat, wird in diesen Augen auch Traceys Augen sehen,
wie sie andere Frauen beobachten. Während aber der Vater
sie prüfend anblickt, weiss man, dass er in diesen
Augen nicht das sieht, was diese Augen sehen. Er kann es
nicht sehen, weil ihm all die Geschichten fehlen, die wir -
und unsere Augen sind die nächste Ebene hier - schon
kennen.
Der einzig sichtbare Link
dieser Site führt übrigens zu einem
Node,
der nur aus einem Imgage besteht. Der Text ist jetzt ins
Bild geschrieben; und der Text selbst sagt, warum. Weil
jetzt Dinge ausgesprochen und eingebrannt werden.
Eingebrannt in diese Stunde im gleißenden Licht um Genf - und so lautet auch der Name des Gif-Files: alain_blazes.
"Do you know John's daughter is a lesbian?" nimmt Tracey
Alains Gespräch mit seiner Schwester vorweg: "I'm going
to die", ist, was sie fühlt.
Ein anderes Bild, das sich
wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, ist das
sitzende Mädchen, das die Hände zwischen den
nackten Beinen zusammpresst. Das Bild ist, wie Feuer, lauter
Rot und Gelb. Der Text daneben stellt zunächst keinen
klaren Bezug her:
"Vanessa
had always roamed shopping malls alone; quarries.
Secretly I harbored large fears in her adultless
world, though not in my own sweet terrain where I
could run faster, confidently, could wrestle and hold
and there was no child who could beat me, not older,
not younger, not even my uncle's friends, boys in
their teens who I would set upon like a feral child
and they would hold back because I was a child and
because they were weak."
Ist das Bild also Vanessa?
Ist es Tracey? Das Bild ist ein Link, auf der
anderen
Seite warten das
gleiche Bild in leicht veränderter Form und ein Text,
der, in einem raffinierten Sprachrhythmus, den Umstand des
Kindes-Missbrauchs völlig unerwartet
buchstabiert.
"Grade
two. Seven, I guess. The man next to me at the movie
theatre is brushing my knee with his finger tips. It
could be accidental. I don't move. I even, I suppose,
say what the hell. And soon his whole hand is resting
on my knee. And I can tell his hand is shaking and
when he starts moving toward the top of my shorts he's
hesitant, slow, and I'm still concentrating on the
movie too - like freeze frame editing, quick cut to
car chase// * quick cut to the painfully slow travels
of The Hand// * car racing around corner, squeal of
tires, head down// * cut to lingering fingers on inner
thigh close to knee// * alleyway, cars predictably
knocking over garbage cans crash, glass shattering// *
near the top of my shorts now, one finger only inside
the band, slowly heading back down... And the theatre
was so dark. I liked his warm, slow, tentative hand. I
move my legs, just slightly, and he gets up and leaves
very quickly"
Folgt man den Links kommt
man einmal in jene andere Kinosituation, da sie Duras' "The
Lover" sieht und erzählt, wie sie einst einen sehr viel älteren Mann
verführte. Ein andermal kommt man zu
jener soeben beschrieben Szene im Auto vor Genf. Der dritte
Link führt zu Neils Unglück mit der Glastür,
der vierte zu einem nächtlichen Wald, in dem Tracey
Glühwürmchen fängt: "I catch them in my bare
hands and wait for my little fists to light up." Das Bild,
auf das diese Sequenz hinausläuft, ist wieder das
Mädchen mit den zusammpressten Händen zwischen den
nackten Beinen,
nun
ins Dreifache vergössert und mit leuchtenden
Händen. Aber auch hier bleibt das Bild nicht
unschuldig. Es löst seine erotische Symbolik ein mit
dem nächsten Link, der dem gleichen Bild nun den Text
(farblich abgestimmt in Weiss und Gelb) einschreibt:
"Everything's
perfect, this ride home in the back of the
station-wagon under the blanket, my coffee jar filled
with twenty-four fireflies. // Do they dream about
little girls the way I dream about them?"
Das Bild wird uns an anderen
Stellen wieder begegnen. Zum Beispiel
dann,
wenn die Macht von siebenjährigen, nacktbeinigen
Mädchen gegenüber älteren Männern
festgehalten und zu jener schon zitierten Szene im Kino gelinkt
wird. Und schliesslich treffen wir auf das Bild innerhalb der
Unglücksgeschichte um Neil, als Tracy die
blutigen Scherben aufliest und in ihrer Hand
zerdrückt.
Die Symbolik hier ist nicht ganz klar, durch die
Kontextgeschichte des Bildes wird man sie allerdings im
Erotischen suchen - und dabei letztlich auf masochistische
wie sadistische Aspekte gleichermassen stossen. Wäre
das im Sinne der Autorin? Die Vertrauensfrage stellt sich
immer wieder.(Anm.)
So auch bei der Wiederkehr
eines Bildes, das vorher für Abscheu (gegenüber
dem masturbierenden Schuhverkaufer) stand. Auf dieses Bild
treffen wir erneut an einer
Stelle, da Tracey an ihren untersetzten, lispenden, von
allen gehänselten Lehrer Mr. Anderson denkt, der ihr,
so glaubt sie fest, einmal ohne Unterschrift eine
Weihnachtskarte schrieb, und den Tracy in der Folge prüft,
indem sie immer ein bisschen die Beine öffnet, wenn er
im Klassenraum in ihre Richtung schaut. Tracys Phantasien
zielen schließlich selbst auf Mr. Anderson - "just a little
-- my eyes closed and his hands in my hair. Fucking him
hard..." -, und als sie später erfährt, dass er
wenige Jahre, nachdem sie die Highschool verlassen hatte,
gestorben war - ein Lehrerkollege bestätigt ihr: "you
know, he always talked about you." -, phantasiert sie, nackt
in ihrem Zimmer, seine Hände auf ihrer Brust und hofft,
dass er wirklich jene Karte geschrieben hat und "that he did
fuck me in his fanatsies" und "want[s] him to
know... that I wanted that."
Die lachende
Männerfratze, die man vom Schuhmacher her kennt, ist in
diesem Fall vergößert und kaum mehr erkennbar. Aber es
ist zweifellos dasselbe Bild. Was ist der Link hinter dem
Link? Ist es eine Die-Schöne-und-das-Tier-Variante? Ist
es der befremdliche Wunsch, von den Männern begehrt zu
werden? Von diesem einen, hässlichen, lispelnden,
selbstunsicheren Mann, den keine ihrer Classmates ernst
nimmt, begehrt zu werden? Da ist wieder viel Platz für
Ausdeutung, die jeder Leser mit sich ausmachen muss.
Die Spur aber - darauf kommt es hier an - hat das Spiel mit
den Bildern gelegt. Ein weiteres Beispiel dafür, dass
Bilder weit mehr in einem Text sein können, als
lediglich dessen Illustration.
In diesem Sinne sei noch auf
einen ganz besonderen Einsatz des Bildes hingewiesen, der
eine gute Kooperation mit dem Text hätte eingehen
können, wäre er sparsamer eingesetzt worden.
Geht man mit der Maus auf
dieses Bild, dehnt sich die Brust - wie vor einer zu
schnellen, zu direkten Berührung - weg in die je
entgegengesetzte Richtung. Ein interessanter Effekt, der
sich im Hinblick auf die angesprochene erotische Situation
sehr gut ausdeuten ließe, wenn er nicht auch in anderen
Images - ein
Schulbuss
etwa, der die Strasse entlangkommt - auch verwendet und
damit ins Technische neutralisiert worden wäre. Das
alte Lied: Weniger wäre mehr. Hier geht die Autorin in
die Falle ihrer eigenen Faszination. Statt diesen
bemerkenswerten Effekt für die geschilderte Szene zu
reservieren, verwendet sie ihn in so verschiedenen
Kontexten, dass er keine Chance hat, den Worten eine
spezifische Aussage hinzuzufügen. Der technische Effekt
wird prostituiert und verliert seine Seele bzw. kann keine
Seele, die über das Technische hinausginge, entwickeln.
Und wie steht es mit den
eingesetzten Sound-Dateien? Die meisten aktivieren sich
automatisch onload und geben dann das
Geräusch
eiliger Schritte
wieder - die der gestürzten Tracey zu Hilfe kommen -,
unterlegen die Szenen mit dem
hellen
Mädchenlachen,
von dem der Text gerade spricht und das man schon auf der
ersten Seite des Werks hörte, oder sie lassen das
beschriebene
Seilspringen
des Mädchens erklingen.
Man weiss nicht recht, was
man von diesen Soundelementen halten soll. Sie wirken ein
bisschen wie hineingebracht, um eben auch Soundfiles drin zu
haben. Und sie wirken redundant, wenn sie hier und da nur
die Geräusche zu einer beschriebenen Szene wiedergeben.
Ja, sagt man sich dann, so hab ich mir rennende Schritte vorgestellt.
Einzig am Anfang, als das Mädchenlachen zu den
dahineilenden Wolken ertönt, stimmt es. Weil es das
Titelblatt ist und weil das Lachen damit, als Teil des
Paratextes, einen Kommentar zu allem Folgenden darstellt.
Innerhalb des Werkes aber wirken die vereinzelt rumstehenden
Soundfiles unbeholfen, zumal wenn sie nicht onloud oder
onmouseover aktiviert werden, sondern als kleine
Quicktime-Icons erscheinen, auf die man nun drücken
soll.
Etwas anders ist es, wenn
das Audiofile einen Hintergrund schafft, der den Text nicht
wiederholt, sondern ergänzt. Dies passiert, wenn Tracey
im Kapitel
Gypsies
von den fremden Städen spricht und ein Audiofile onload
aktiviert wird, auf dem eine Frauenstimme eine Menge
Sätze hintereinander sagt, die fremde Frauen von
einheimischen Männern zu hören bekommen
mögen:
"I love
you ... / I am a photographer, you, you have just such
beautiful / I am a painter the light is not good
enough lets go to my apartment / come lets fuck here
on this park bench."
Man kann das File auch
selbst noch einmal aktivieren, wodurch (das onload-File ist
auf Loop gesetzt) sich die Stimme mit sich selbst
überlagert und jener Eindruck der Bedrängnis
verstärkt wird, der hier vermittelt werden soll. Wobei
der besondere Reiz - und das wäre die Zusatzsemantik -
in der Stimme selbst liegt: Denn das
Problem ist vielleicht weniger die Anmache, der sich Tracey
ausgesetzt fühlt, als dass diese nicht tatsächlich
mit einer weiblichen Stimme verbunden ist.
Wie auch immer, der Trend
ist klar: So wie in "These Waves of Girls" der Text im
Kontrast zu den Hyperfiction der ersten Generation reichlich
von Bildern umgegeben ist, so wird er in einigen Jahren in
Geräusche getaucht sein, die ihm dann so
selbstverständlich illustrativ und kommentierend und
ergänzend zur Seite stehen wie jetzt die Images. Hoffen
wir, dass man nicht das Fahrrad erneut erfindet und
bloße Hörtexte ins Netz stellt. Die Versuchung
ist groß und auch Caitlin Fisher entkommt ihr nicht,
wenn sie in der Vanessa-Sektion anbietet, den Text auch
gesprochen auf Wave-Dateien zu rezipieren. "Close your eyes.
Listen", lautet die geschriebene Einleitung,
und: "you'll need a high-speed connection" (und von
Kanada brauchen die ca. 3 MB-Dateien in der Tat weit mehr als ne
Zigarettenpause).
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Anm.:
In der Terminologie von Tietzmann müsste es
genauer Kotextgeschichte heissen, also die
Semantisierung des Bildes durch wiederholte
Korrelation mit bestimmten verbalen Ko-Texten.
Wobei im vorliegenden Fall freilich auch eine
Kontextgeschichte, die bei Tietzmann als
äusserungsextern gegeben zu verstehen ist, zur
Wirkung kommt, insofern nackte Haut immer schon
auch erotisch semantisiert ist. (Vgl. Michael
Tietzmann: Theoretisch-methodologische Probleme
einer Semiotok der Text-Bild-Relation, in: Text und
Bild, Bild und Text: DFG-Symposion 1988, Metzler:
Stuttgart 1990, S. 368-384.)
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