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Caitlin Fisher: "These Waves of Girls"

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Multimedialität

Wie gesagt, Fishers Werk unterscheidet sich von den textpuristischen Exemplaren der ersten Hypertextgeneration. Images werden hier nicht nur als Eingangsbild oder als sparsame Beigabe benutzt, sie sind ein konstitutives Element. Die Frage ist, ob nur des Designs oder auch der Geschichte. In welcher Form steht das Bild zum Text?

Als durchgängiges Designprinzip lässt sich zunächst die Art der Bilder festhalten. Sie sind zumeist in eine impressionistische Unschärfe getaucht, die Konturen sind so manipuliert, das Licht so vage, dass die Fotos wie Gemälde aussehen. Darauf ist alles von einer Atmosphäre des Flimmernden, nicht recht Greifbaren umgeben, was natürlich gut mit dem Unternehmen des Erinnerns an sich korrespondiert.

Was die inhaltliche Beziehung betrifft, so gibt es neben den Bildern, die ganz allein stehen und für sich sprechen, eine Bild-Text-Beziehung der Entlastung, wie im Falle der Beschreibung der Farm, die v.a. durch die bildlichen Elemente erfolgt. In den meisten Fällen steht das Bild zum Text im Verhältnis der Illustration des Gesagten, wobei die Illustration mitunter so schalkhaft ist, dass sie auch schon wieder als ironischer oder dekonstruktivistischer Kommentar zum Text gelesen werden kann. Dies ist z.B. der Fall, wenn zu den Worten "Vanessa. Here she is at 3, up ahead in the laneway, thin hair shining down that back and I'm chasing her, in a line of children all trailing toys..." ein Bild erscheint, das gerade nicht das übliche Familien-Album-Foto einer Dreijährigen zeigt, sondern nur dessen verzerrtes Negativ.

Wenn dann vom "attractive, wandering hazel eye" der Sechjährigen die Rede ist, wird wiederum die Augenpartie in einer ungewohnten Computer-Bearbeitung gezeigt.

 

Mitunter fügt das Bild dem Text eine Geschichte hinzu, wenn es selbst Text präsentiert. So finden wir folgendes kryptische Image neben folgendem Text:

 
"With Vanessa things happened. All sorts of lessons that left metal tastes in my mouth. In our mouths as we kissed. She was born in Canada, England on her lips, her accent strong against my tongue. We went to different schools. Her friends were not my friends. And there was need, in her hunting pack, to keep pace."

Die Struktur der Textanordnung bringt es mit sich, dass das Bild zuweilen vor dem Hintergrund einer vorangegangenen, wenn auch vielleicht noch nicht gelesenen Geschichte, erzählt. So ist es, wenn Tracey von der Chateau St. Louis Jazz Bar berichtet, in der sie, 15jährig, mit Vivian Erdbeer Daiqiris trinkt

Die Sequenz wird durch ein Bild eröffnet, das sich nicht gleich zu erkennen gibt. Folgt man dem einen der beiden Links, kommt man in eine Szene, in der Vivian in der Schule neben Tracey sitzt, wie Love's Baby Soft riecht, "but with a hint of Eau de Rochas which she steals from her grandmother", und ihre Augenlider onduliert, während Tracey nicht einmal wusste, dass es sowas gibt. Jetzt wird, zumal der Link >eyelash curling< wieder zurück zu unserem Bild in der Jazz Bar führt, darauf das vergrösserte Frauengesicht erkennbar, das Auge, der Ansatz der Nase, und die hineingemalten schwarzen Kringel, das sind Vivians gekräuselte Augenlider, deren wegen Tracey damals so aufgeregt war - "She's even curled her eyelashes. I feel somehow worse sitting next to her" - und deren wegen sie jetzt hier in der Bar in St. Louis Daiqiris mit ihr trinkt. Ohne den Zusammenhang explizit auszusprechen, legt Fisher ihn an, indem sie das entscheidende Symbol aus dem Text in jener Szene zum Zentrum des Bildes in dieser Szene macht, wobei die explizite Verlinkung die Lesbarkeit der Verbindung absichert.

Beispiel für den ironischen Kommentar des Bildes ist wiederum der anschließende Node in der Bar. Tracey macht einen 40jährigen Mann aus und vermutet in ihm einen Schuhverkäufer, "blowing the money he should be spending on his daughter's insulin". Es gibt keinerlei Anhaltspunkte zu dieser Vermutung, aber sie drückt - genauso wie die Erfindung der diabetischen Tochter und eben das unter den Text gesetzte Bild mit dem Paar Schuhe - sehr gut den Übermut aus, mit dem die für Alkohol noch viel zu jungen Mädchen sich in das Abenteuer der Bar begeben.

Der Fortgang der Szene, die Bedrängnis durch den Schuhverkäufer, der inzwischen einige Daiqiris spendiert hat, und die schon erwähnte seltsame Lösung, mit der er sich schliesslich zufriedengibt, stellen die Lächerlichkeit, die in der Schuhverkäufer-Metapher mitschwingt, in Frage, um sie dann doch zu bestätigen.

Auf einige Bilder trifft man, zum Teil in veränderter Grösse und Gestalt, immer wieder in neuen Kontexten. Nehmen sie in diese ihre anderen Kontexte mit? An einer Stelle - Tracey sitzt auf dem Rücksitz des Autos, vorn sitzen ihr Vater und Alain, ein Freund der Familie - entspinnt sich ein Gespräch über die Sehnüchte der Männer und Tracey sagt, dass auch sie oft an Frauen denke. Hier taucht das Bild, das zuvor die haselnussbraunen Augen der sechsjährigen Vanessa illustrierte, wieder auf; verbunden mit dem Text:

"Gee. I wonder if my father knows I'm a lesbian. I never really mentioned it."

Aber das Bild zeigt hier nicht nur jene Augen, an die Tracey denken mag, wenn sie an Frauen denkt. Es zeigt zugleich Traceys Augen, wie sie der Vater im Rückspiegel sieht. Und wer schon das Kapitel Watching besucht hat, wird in diesen Augen auch Traceys Augen sehen, wie sie andere Frauen beobachten. Während aber der Vater sie prüfend anblickt, weiss man, dass er in diesen Augen nicht das sieht, was diese Augen sehen. Er kann es nicht sehen, weil ihm all die Geschichten fehlen, die wir - und unsere Augen sind die nächste Ebene hier - schon kennen.

Der einzig sichtbare Link dieser Site führt übrigens zu einem Node, der nur aus einem Imgage besteht. Der Text ist jetzt ins Bild geschrieben; und der Text selbst sagt, warum. Weil jetzt Dinge ausgesprochen und eingebrannt werden. Eingebrannt in diese Stunde im gleißenden Licht um Genf - und so lautet auch der Name des Gif-Files: alain_blazes. "Do you know John's daughter is a lesbian?" nimmt Tracey Alains Gespräch mit seiner Schwester vorweg: "I'm going to die", ist, was sie fühlt.

 

Ein anderes Bild, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, ist das sitzende Mädchen, das die Hände zwischen den nackten Beinen zusammpresst. Das Bild ist, wie Feuer, lauter Rot und Gelb. Der Text daneben stellt zunächst keinen klaren Bezug her: 

"Vanessa had always roamed shopping malls alone; quarries. Secretly I harbored large fears in her adultless world, though not in my own sweet terrain where I could run faster, confidently, could wrestle and hold and there was no child who could beat me, not older, not younger, not even my uncle's friends, boys in their teens who I would set upon like a feral child and they would hold back because I was a child and because they were weak." 
 

Ist das Bild also Vanessa? Ist es Tracey? Das Bild ist ein Link, auf der anderen Seite warten das gleiche Bild in leicht veränderter Form und ein Text, der, in einem raffinierten Sprachrhythmus, den Umstand des Kindes-Missbrauchs völlig unerwartet buchstabiert. 

"Grade two. Seven, I guess. The man next to me at the movie theatre is brushing my knee with his finger tips. It could be accidental. I don't move. I even, I suppose, say what the hell. And soon his whole hand is resting on my knee. And I can tell his hand is shaking and when he starts moving toward the top of my shorts he's hesitant, slow, and I'm still concentrating on the movie too - like freeze frame editing, quick cut to car chase// * quick cut to the painfully slow travels of The Hand// * car racing around corner, squeal of tires, head down// * cut to lingering fingers on inner thigh close to knee// * alleyway, cars predictably knocking over garbage cans crash, glass shattering// * near the top of my shorts now, one finger only inside the band, slowly heading back down... And the theatre was so dark. I liked his warm, slow, tentative hand. I move my legs, just slightly, and he gets up and leaves very quickly" 

Folgt man den Links kommt man einmal in jene andere Kinosituation, da sie Duras' "The Lover" sieht und erzählt, wie sie einst einen sehr viel älteren Mann verführte. Ein andermal kommt man zu jener soeben beschrieben Szene im Auto vor Genf. Der dritte Link führt zu Neils Unglück mit der Glastür, der vierte zu einem nächtlichen Wald, in dem Tracey Glühwürmchen fängt: "I catch them in my bare hands and wait for my little fists to light up." Das Bild, auf das diese Sequenz hinausläuft, ist wieder das Mädchen mit den zusammpressten Händen zwischen den nackten Beinen, nun ins Dreifache vergössert und mit leuchtenden Händen. Aber auch hier bleibt das Bild nicht unschuldig. Es löst seine erotische Symbolik ein mit dem nächsten Link, der dem gleichen Bild nun den Text (farblich abgestimmt in Weiss und Gelb) einschreibt:  

"Everything's perfect, this ride home in the back of the station-wagon under the blanket, my coffee jar filled with twenty-four fireflies. // Do they dream about little girls the way I dream about them?"  

Das Bild wird uns an anderen Stellen wieder begegnen. Zum Beispiel dann, wenn die Macht von siebenjährigen, nacktbeinigen Mädchen gegenüber älteren Männern festgehalten und zu jener schon zitierten Szene im Kino gelinkt wird. Und schliesslich treffen wir auf das Bild innerhalb der Unglücksgeschichte um Neil, als Tracy die blutigen Scherben aufliest und in ihrer Hand zerdrückt. Die Symbolik hier ist nicht ganz klar, durch die Kontextgeschichte des Bildes wird man sie allerdings im Erotischen suchen - und dabei letztlich auf masochistische wie sadistische Aspekte gleichermassen stossen. Wäre das im Sinne der Autorin? Die Vertrauensfrage stellt sich immer wieder.(Anm.)  

So auch bei der Wiederkehr eines Bildes, das vorher für Abscheu (gegenüber dem masturbierenden Schuhverkaufer) stand. Auf dieses Bild treffen wir erneut an einer Stelle, da Tracey an ihren untersetzten, lispenden, von allen gehänselten Lehrer Mr. Anderson denkt, der ihr, so glaubt sie fest, einmal ohne Unterschrift eine Weihnachtskarte schrieb, und den Tracy in der Folge prüft, indem sie immer ein bisschen die Beine öffnet, wenn er im Klassenraum in ihre Richtung schaut. Tracys Phantasien zielen schließlich selbst auf Mr. Anderson - "just a little -- my eyes closed and his hands in my hair. Fucking him hard..." -, und als sie später erfährt, dass er wenige Jahre, nachdem sie die Highschool verlassen hatte, gestorben war - ein Lehrerkollege bestätigt ihr: "you know, he always talked about you." -, phantasiert sie, nackt in ihrem Zimmer, seine Hände auf ihrer Brust und hofft, dass er wirklich jene Karte geschrieben hat und "that he did fuck me in his fanatsies" und "want[s] him to know... that I wanted that."  

Die lachende Männerfratze, die man vom Schuhmacher her kennt, ist in diesem Fall vergößert und kaum mehr erkennbar. Aber es ist zweifellos dasselbe Bild. Was ist der Link hinter dem Link? Ist es eine Die-Schöne-und-das-Tier-Variante? Ist es der befremdliche Wunsch, von den Männern begehrt zu werden? Von diesem einen, hässlichen, lispelnden, selbstunsicheren Mann, den keine ihrer Classmates ernst nimmt, begehrt zu werden? Da ist wieder viel Platz für Ausdeutung, die jeder Leser mit sich ausmachen muss. Die Spur aber - darauf kommt es hier an - hat das Spiel mit den Bildern gelegt. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Bilder weit mehr in einem Text sein können, als lediglich dessen Illustration.  

In diesem Sinne sei noch auf einen ganz besonderen Einsatz des Bildes hingewiesen, der eine gute Kooperation mit dem Text hätte eingehen können, wäre er sparsamer eingesetzt worden.  

 

Geht man mit der Maus auf dieses Bild, dehnt sich die Brust - wie vor einer zu schnellen, zu direkten Berührung - weg in die je entgegengesetzte Richtung. Ein interessanter Effekt, der sich im Hinblick auf die angesprochene erotische Situation sehr gut ausdeuten ließe, wenn er nicht auch in anderen Images - ein Schulbuss etwa, der die Strasse entlangkommt - auch verwendet und damit ins Technische neutralisiert worden wäre. Das alte Lied: Weniger wäre mehr. Hier geht die Autorin in die Falle ihrer eigenen Faszination. Statt diesen bemerkenswerten Effekt für die geschilderte Szene zu reservieren, verwendet sie ihn in so verschiedenen Kontexten, dass er keine Chance hat, den Worten eine spezifische Aussage hinzuzufügen. Der technische Effekt wird prostituiert und verliert seine Seele bzw. kann keine Seele, die über das Technische hinausginge, entwickeln.  

Und wie steht es mit den eingesetzten Sound-Dateien? Die meisten aktivieren sich automatisch onload und geben dann das Geräusch eiliger Schritte wieder - die der gestürzten Tracey zu Hilfe kommen -, unterlegen die Szenen mit dem hellen Mädchenlachen, von dem der Text gerade spricht und das man schon auf der ersten Seite des Werks hörte, oder sie lassen das beschriebene Seilspringen des Mädchens erklingen.  

Man weiss nicht recht, was man von diesen Soundelementen halten soll. Sie wirken ein bisschen wie hineingebracht, um eben auch Soundfiles drin zu haben. Und sie wirken redundant, wenn sie hier und da nur die Geräusche zu einer beschriebenen Szene wiedergeben. Ja, sagt man sich dann, so hab ich mir rennende Schritte vorgestellt. Einzig am Anfang, als das Mädchenlachen zu den dahineilenden Wolken ertönt, stimmt es. Weil es das Titelblatt ist und weil das Lachen damit, als Teil des Paratextes, einen Kommentar zu allem Folgenden darstellt. Innerhalb des Werkes aber wirken die vereinzelt rumstehenden Soundfiles unbeholfen, zumal wenn sie nicht onloud oder onmouseover aktiviert werden, sondern als kleine Quicktime-Icons erscheinen, auf die man nun drücken soll. 

Etwas anders ist es, wenn das Audiofile einen Hintergrund schafft, der den Text nicht wiederholt, sondern ergänzt. Dies passiert, wenn Tracey im Kapitel Gypsies von den fremden Städen spricht und ein Audiofile onload aktiviert wird, auf dem eine Frauenstimme eine Menge Sätze hintereinander sagt, die fremde Frauen von einheimischen Männern zu hören bekommen mögen:

"I love you ... / I am a photographer, you, you have just such beautiful / I am a painter the light is not good enough lets go to my apartment / come lets fuck here on this park bench."

Man kann das File auch selbst noch einmal aktivieren, wodurch (das onload-File ist auf Loop gesetzt) sich die Stimme mit sich selbst überlagert und jener Eindruck der Bedrängnis verstärkt wird, der hier vermittelt werden soll. Wobei der besondere Reiz - und das wäre die Zusatzsemantik - in der Stimme selbst liegt: Denn das Problem ist vielleicht weniger die Anmache, der sich Tracey ausgesetzt fühlt, als dass diese nicht tatsächlich mit einer weiblichen Stimme verbunden ist. 

Wie auch immer, der Trend ist klar: So wie in "These Waves of Girls" der Text im Kontrast zu den Hyperfiction der ersten Generation reichlich von Bildern umgegeben ist, so wird er in einigen Jahren in Geräusche getaucht sein, die ihm dann so selbstverständlich illustrativ und kommentierend und ergänzend zur Seite stehen wie jetzt die Images. Hoffen wir, dass man nicht das Fahrrad erneut erfindet und bloße Hörtexte ins Netz stellt. Die Versuchung ist groß und auch Caitlin Fisher entkommt ihr nicht, wenn sie in der Vanessa-Sektion anbietet, den Text auch gesprochen auf Wave-Dateien zu rezipieren. "Close your eyes. Listen", lautet die geschriebene Einleitung, und: "you'll need a high-speed connection" (und von Kanada brauchen die ca. 3 MB-Dateien in der Tat weit mehr als ne Zigarettenpause). 

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Anm.: In der Terminologie von Tietzmann müsste es genauer Kotextgeschichte heissen, also die Semantisierung des Bildes durch wiederholte Korrelation mit bestimmten verbalen Ko-Texten. Wobei im vorliegenden Fall freilich auch eine Kontextgeschichte, die bei Tietzmann als äusserungsextern gegeben zu verstehen ist, zur Wirkung kommt, insofern nackte Haut immer schon auch erotisch semantisiert ist. (Vgl. Michael Tietzmann: Theoretisch-methodologische Probleme einer Semiotok der Text-Bild-Relation, in: Text und Bild, Bild und Text: DFG-Symposion 1988, Metzler: Stuttgart 1990, S. 368-384.)