www.dichtung-digital.de/2001/06/20-Simanowski

Caitlin Fisher: "These Waves of Girls"

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Wie schon erwähnt sind die Texte, zu denen die 8 Sektionen führen, nicht klar voneinander getrennt, wie die Sektionierung vermuten ließe. Die Texte linken nicht nur untereinander kreuz und quer, sie sind auch in verschiedenen Sektionen sowie auf den verschiedenen Menuebenen Sektion und Kapitel doppelt zugänglich. Dieses "Unordnung" in der Präsentation des Textes erwartet man von einer Hyperfiction. Was man nicht erwartet, ist die doppelte Rubrizierung in Sektionen und Kapitel, die eine klare Anordnung der einzelnen Szenen vortäuscht, wie man es vom Buch her kennt. Die klare Anordnung in thematische Gruppen an Nodes mag real sein und ist aus narratologischer Perpektive gewiss auch sehr sinnvoll, aber sie sollte als Konstruktionsprinzip im Verborgenen wirken und nicht auf der Oberfläche das Design der linearen Segmentierung akzentuieren, gegen das das benutzte Medium einst angetreten war.

Der Wunsch, den Lesern Anhaltspunkte zu geben, an denen sie sich auch später, wenn sie sich in der Geschichte verlaufen haben, orientieren können, ist freilich nachvollziehbar. Aber einerseits ist zu fragen, wie sehr man sich diese Gegenbewegung zur vagabundierenden oder flanierenden Lektüre als Prinzip der Hyperfiction wünschen soll. Zum anderen ist zu fragen, wie hilfreich die gewählte Orientierungsform im vorliegenden Falle eigentlich ist, da man durch die kapitel- und sektionenüberschreitenden Links doch ohnehin schließlich nach einer Textgruppe suchen mag, die auf der Menuleiste, von der man startete und die durch das Frameset-Modell stehenblieb, gar nicht verzeichnet ist.  

Ein anderer Sinn der Rubrizierung läge darin, dem Leser anzuzeigen, wie viele Einheiten auf ihn warten und wie viele er davon schon besucht hat (besuchte Links sind entsprechend markiert). Aber dazu braucht es freilich nicht den betriebenen Aufwand. Einige namenlose Zeichen, vielleicht als Teile einer ASCII-Grafik, hätten als Links ebenso gut fungieren und, nach dem Besuch, ihre Farbe entsprechend ändern oder ganz verschwinden können. Eine etwas elegantere Lösung, die ihren Zweck erfüllt, ohne die erwähnten fragwürdigen Anleihen beim Buch zu machen.  

Die tiefere Logik der gewählten Erzählstruktur liegt ja - wenn es denn nicht die Teilnahmebedingung des ELO Award war - darin, dass das Erinnern selbst in der Form des Hypertextes erfolgt. Sie liegt darin, dass das eine Stichwort zum anderen führt, zu zwei, drei anderen zugleich, und man so kreuz und quer durch einen Vorrat an Gedanken, Empfindungen, Bildern irrt, die sich immer wieder neu ordnen lassen, vorausgesetzt, man rekurriert nicht auf das üblichste, banalste und auch irrtümlichste Ordnungsprinzip: die Zeit. Hyperfiction-Autoren sind per definitionem verpflichtet, diesem Prinzip zu misstrauen und den Karton voller Fotos gegen die nach Jahreszahlen geordneten Fotoalben zu verteidigen. (Vgl. dazu den radikalen Ansatz in Things Spoken von Agnes Hegedüs, die ihre Erinnerungen nicht nur nach mehrfachen Ordnungsprinzipien zugänglich macht, sondern durch Fremdkontextualisierung schließlich auch dekonstruiert.) Die Rubrizierung, mit der Fisher ihr Erinnern beginnt, weist da eher in Richtung Fotoalbum, auch wenn dieses dann erfreulicherweise aus lauter lose eingelegten Bildern besteht.

Wenn Juror Larry McCaffery die Meinung vermittelt, dass die multilineare Struktur in "These Waves of Girls" besser als die kohäsive Erzählweise der print-bound fiction "evokes not just the girlhood of a single protagonist but a broader perspective of girlhood(s)", wünscht man sich freilich mehr Aufschluss, inwiefern dies der Fall ist und inwiefern der Hypertext vielleicht die der Wellenmetapher angemessenste Technologie ist. Wenn er damit meint, dass eine Leichtigkeit des Dahin-Lesens entsteht, die mit dem Dahin-Leben bis zum 20. Lebensjahr verglichen werden kann, ist ihm gewiss zuzustimmen. Ebenso wie übrigens seiner Aussage, dass die eingesetzten Images den Stoff sinnfälliger machen: "There is a raw energy and garish intensity to these visual features that perfectly captures the feel of childhood and adolescence."

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