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Caitlin Fisher: "These Waves of Girls"

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Der Juror

Caitlin Fishers "These Waves of Girls" liefert keine überanstrengten Reflexionen über das Lesen von Hypertext und das Identitätsspiel in der Virtuellen Realität, sondern die präzis erzählten, ergreifenden, erregenden Geschichten einer Frau über ihre Beziehungen zu Frauen. In diesem Werk geht es nicht um die "cyborganization of any/every para.I-terminal", wie in Talan Memmotts "Lexia to Perplexia", und es geht nicht um einen eigenen Sprachkosmos wie in "_the data] [h!] [bleeding texts_" von MEZ. Thema der Geschichte ist nicht das Medium des Erzählens, sondern, wie schon der Titel verspricht, eine Geschichte, die jeder versteht. Mit seinem Eröffnungssatz macht das Werk dem Leser Mut, und wer ohne den linearen Textstrang des Buches leb/sen kann, wird es sich gefallen lassen, im Mosaik der "small stories, artifacts, interconnections and meditations" umherzuwandern und sich allmählich ein Bild der Heldin und ihrer Situation zu machen.

Dass die Entscheidung des Fiction-Jurors Larry McCaffery für Caitlin Fishers "These Waves of Girls" ausfiel, verwundert nicht angesichts seines im Kommentar skizzierten Hintergrunds: "I was also acutely aware of the need to lighten my book-derived load of assumptions, expectations, and value judgments, and to be willing to fine-tune my literary expectations on the fly." Er mag damit die Mehrzahl der Leser repräsentieren und ist insofern ein adäquater Juror. Er wählt ein Werk, das relativ anschließbar an herkömmliche Leseerwartungen ist und trotzdem diese Erwartungen in Richtung neue Medien ausdehnt. 

Dass die im Finale vertretenen Beiträge sehr verschieden sind, betont McCaffery ausdrücklich: 

"It quickly became apparent, for example, that these works had been developed by authors possessing radically divergent assumptions concerning what fiction is, what it might be, might do, and might involve once it is removed from the mouth of the teller or the page of the print-bound and becomes situated within a digitized electronic environment. Equally diverse were their decisions concerning what features of print-bound fiction were worth keeping (narration, for example) and which seemed unsuitable or inappropriate for expression within this new medium (such as plotted narratives). Likewise, while these authors all obviously shared the recognition that the medium of electronic writing now offered a whole host of stimulating new options, there was very little agreement here concerning which options should be explored." 

Diese Beobachtung anhand der sechs Wettbewerbsbeiträge gilt für die Szene der digitalen Literatur generell und sie gilt natürlich nicht nur für deren Autoren, sondern auch für deren Kritiker. Die Entscheidung, was in das neue Medium des Erzählens mitgenommen werden soll, mag Mehrheiten finden, aber keinen Konsens. Schon der Ausgangspunkt der Reise ist verschieden, denn die Frage liegt nicht primär im Medium, sondern in den jeweiligen ästhetischen Präferenzen. Diese können bekanntlich auch im Buchmedium sehr differieren, begegnen einem dort doch so grundverschiedene Phänomene wie konkrete Poesie, aleatorische Dichtung und mehr oder weniger hermetische, chronologische oder digressive, kopf- oder bauchlastige (Schiller nannte es sentimentalische und naive) Texte. 

Ziehen die einen nun aus, um mit den Mitteln der digitalen Medien zu erzählen, so suchen die andern, weit radikaler, in den digitalen Medien die Vorgaben ihres Sprechens und erarbeiten sich dabei völlig andere Positionen zum Erzählen. Klar, dass sie mit dem größeren Bruch auch riskieren, nur das kleinere Publikum zu erreichen. - Erstaunlich und bedenklich, dass die ELO angesichts einer solchen Ausgangslage alles in die Hand eines Jurors legte. Oder wurde der nur vorgeschickt, als Strohmann, von dem man sich später leicht wieder distanzieren kann? 

Larry McCaffery lässt über seine Präferenzen keinen Zweifel: 

"And when all else failed, I always had my equivalent of magnetic north to guide me -- all that nebulous but weighty stuff that the phrase ‚high literary quality' once used to refer to. For me, that meant I was consciously seeking out fiction that somehow managed to grab my attention and kept it, that amazed or amused or bewildered or disturbed me, and above all that moved me in some way." 

Das Erfolgsrezept war dementsprechend eine Erzähltaktik, die den Leser zu packen, zu bewegen und zu unterhalten weiß, gepaart mit "arresting hypermedia features" wie den eingesetzten audiovisuellen Effekten. Talan Memmotts "absolutely drop-dead gorgeous, mystifying, cryptifictional hyper-assemblage" Lexia to Perplexia erhält zwar eine lobende Erwähnung, aber dies mag angesichts der Prämierung dieses Werkes im Trace/Alt X-Wettbwerb schon aus Loyalitätsgründen innerhalb des neuen literarischen Feldes geboten gewesen sein; schliesslich gehören Mark Amerika und Sue Thomas als Veranstalter jenes Wettbwerbs zum Advisory Board der ELO, und der damaligen Jurorin, Shelley Jacksons, will man ja auch keinen Irrtum nachsagen. Es fällt allerdings auf, dass McCaffery an Lexia to Perplexia als bemerkenswert lediglich die aussertextlichen Aspekte, also die technischen Effekte aufzählt: "notable not only for the eloquence and innovations of its design but for its success in creating new forms of user-interactivity". 

Shelley Jacksons Patchwork Girl wiederum - als Eastgate Systems-Bestseller ebenfalls hoch gehandelt in der Hyperfiction-Community und schon deshalb auch hier eine besondere Erwähnung wert - ist ein "wondrously written and perfectly conceived match of form and content", allerdings "somewhat cumbersome reliance on Storyspace software" - was weniger eine Attacke auf die Software der klassischen Hyperfiction ist als ein Hinweis darauf, dass auch eine sehr gut geschriebene Hyperfiction nach 7 Jahren schon sehr alt aussieht, was Technik und Design betrifft und eben ihre Chancen in einem Wettbewerb für elektronische Literatur.  

Ohne Trostpreis dagegen bleibt jenes Werk, das in der Perspektive mancher Theoretiker am ehesten den Preis verdient hätte, weil es seine Sprache an Computerprogrammiersprachen geschult hat, wie Florian Cramer im Hinblick auf Mary Anne Breeze (MEZ) festhält ("sub merge {my $enses; ASCII Art, Rekursion, Lyrik in Programmiersprachen", in: Text & Kritik, Themenheft Digitale Literatur hg. v. H. L. Arnold und R. Simanowski, H 152, Oktober 2001). Bei MEZ mag schon der Titel - "_the data] [h!] [bleeding texts_" - Angst verbreiten, und in der Tat wird, wer von ASCII Art und Programmiercodes nichts weiß, die mehrdeutige Wortverschachtelung in Mary Anne Breezes Kunstsprache ,,mezangelle" kaum verstehen und geniessen können. Ein mit Programmierung vertrauterer Juror als McCaffery hätte vielleicht "_the data] [h!] [bleeding texts_" den Preis zuerkannt. 

Ob dies im Sinne der ELO gewesen wäre, die, verstehe ich ihr freundliches Logo recht, das Publikum nicht durch Radikal-Avantgardismus verschrecken, sondern durch sukzessive Perspektivenerweiterung an digitale Literatur heranführen will, ist fraglich. Um die Mehrheit zu gewinnen, muss man auf den Mainstream der Avantgarde setzen. Das kann man begrüßen oder bedauern oder auch einfach als Faktum hinnehmen. Davon abgesehen bleiben wir gespannt, welche Signale der nächste ELO Award versendet.


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