|
|
Dass
die Entscheidung des Fiction-Jurors Larry McCaffery für
Caitlin Fishers "These Waves of Girls" ausfiel, verwundert
nicht angesichts seines im Kommentar
skizzierten Hintergrunds: "I was also acutely aware of the
need to lighten my book-derived load of assumptions,
expectations, and value judgments, and to be willing to
fine-tune my literary expectations on the fly." Er mag damit
die Mehrzahl der Leser repräsentieren und ist insofern
ein adäquater Juror. Er wählt ein Werk, das
relativ anschließbar an herkömmliche
Leseerwartungen ist und trotzdem diese Erwartungen in
Richtung neue Medien ausdehnt.
Dass die im Finale
vertretenen Beiträge sehr verschieden sind, betont
McCaffery ausdrücklich:
"It
quickly became apparent, for example, that these works
had been developed by authors possessing radically
divergent assumptions concerning what fiction is, what
it might be, might do, and might involve once it is
removed from the mouth of the teller or the page of
the print-bound and becomes situated within a
digitized electronic environment. Equally diverse were
their decisions concerning what features of
print-bound fiction were worth keeping (narration, for
example) and which seemed unsuitable or inappropriate
for expression within this new medium (such as plotted
narratives). Likewise, while these authors all
obviously shared the recognition that the medium of
electronic writing now offered a whole host of
stimulating new options, there was very little
agreement here concerning which options should be
explored."
Diese Beobachtung anhand der
sechs Wettbewerbsbeiträge gilt für die Szene der
digitalen Literatur generell und sie gilt natürlich
nicht nur für deren Autoren, sondern auch für
deren Kritiker. Die Entscheidung, was in das neue Medium des
Erzählens mitgenommen werden soll, mag Mehrheiten
finden, aber keinen Konsens. Schon der Ausgangspunkt der
Reise ist verschieden, denn die Frage liegt nicht
primär im Medium, sondern in den jeweiligen
ästhetischen Präferenzen. Diese können
bekanntlich auch im Buchmedium sehr differieren, begegnen
einem dort doch so grundverschiedene Phänomene wie
konkrete Poesie, aleatorische Dichtung und mehr oder weniger
hermetische, chronologische oder digressive, kopf- oder
bauchlastige (Schiller nannte es sentimentalische und naive)
Texte.
Ziehen die einen nun aus, um
mit den Mitteln der digitalen Medien zu erzählen, so
suchen die andern, weit radikaler, in den digitalen Medien
die Vorgaben ihres Sprechens und erarbeiten sich dabei
völlig andere Positionen zum Erzählen. Klar, dass
sie mit dem größeren Bruch auch riskieren, nur
das kleinere Publikum zu erreichen. - Erstaunlich und
bedenklich, dass die ELO angesichts einer solchen
Ausgangslage alles in die Hand eines Jurors legte.
Oder wurde der nur vorgeschickt, als Strohmann, von dem man
sich später leicht wieder distanzieren
kann?
Larry McCaffery lässt
über seine Präferenzen keinen
Zweifel:
"And
when all else failed, I always had my equivalent of
magnetic north to guide me -- all that nebulous but
weighty stuff that the phrase high literary
quality' once used to refer to. For me, that meant I
was consciously seeking out fiction that somehow
managed to grab my attention and kept it, that amazed
or amused or bewildered or disturbed me, and above all
that moved me in some way."
Das Erfolgsrezept war
dementsprechend eine Erzähltaktik, die den Leser zu
packen, zu bewegen und zu unterhalten weiß, gepaart
mit "arresting hypermedia features" wie den eingesetzten
audiovisuellen Effekten. Talan Memmotts "absolutely
drop-dead gorgeous, mystifying, cryptifictional
hyper-assemblage" Lexia to Perplexia erhält zwar
eine lobende Erwähnung, aber dies mag angesichts der
Prämierung dieses Werkes im Trace/Alt X-Wettbwerb schon
aus Loyalitätsgründen innerhalb des neuen
literarischen Feldes geboten gewesen sein; schliesslich
gehören Mark Amerika und Sue Thomas als Veranstalter
jenes Wettbwerbs zum Advisory Board der ELO, und der
damaligen Jurorin, Shelley Jacksons, will man ja auch keinen
Irrtum nachsagen. Es fällt allerdings auf, dass
McCaffery an Lexia to Perplexia als bemerkenswert
lediglich die aussertextlichen Aspekte, also die technischen
Effekte aufzählt: "notable not only for the eloquence
and innovations of its design but for its success in
creating new forms of user-interactivity".
Shelley Jacksons
Patchwork Girl wiederum - als Eastgate
Systems-Bestseller ebenfalls hoch gehandelt in der
Hyperfiction-Community und schon deshalb auch hier eine
besondere Erwähnung wert - ist ein "wondrously written
and perfectly conceived match of form and content",
allerdings "somewhat cumbersome reliance on Storyspace
software" - was weniger eine Attacke auf die Software der
klassischen Hyperfiction ist als ein Hinweis darauf, dass
auch eine sehr gut geschriebene Hyperfiction nach 7 Jahren
schon sehr alt aussieht, was Technik und Design betrifft und
eben ihre Chancen in einem Wettbewerb für elektronische
Literatur.
Ohne Trostpreis dagegen
bleibt jenes Werk, das in der Perspektive mancher
Theoretiker am ehesten den Preis verdient hätte, weil
es seine Sprache an Computerprogrammiersprachen geschult
hat, wie Florian Cramer im Hinblick auf Mary Anne Breeze
(MEZ) festhält ("sub merge {my $enses; ASCII Art,
Rekursion, Lyrik in Programmiersprachen", in: Text &
Kritik, Themenheft Digitale Literatur hg. v. H. L. Arnold
und R. Simanowski, H 152, Oktober 2001). Bei MEZ mag schon
der Titel - "_the data] [h!] [bleeding
texts_" - Angst verbreiten, und in der Tat wird, wer von
ASCII Art und Programmiercodes nichts weiß, die
mehrdeutige Wortverschachtelung in Mary Anne Breezes
Kunstsprache ,,mezangelle" kaum verstehen und geniessen
können. Ein mit Programmierung vertrauterer Juror als
McCaffery hätte vielleicht "_the data] [h!]
[bleeding texts_" den Preis zuerkannt.
Ob dies im Sinne der ELO
gewesen wäre, die, verstehe ich ihr freundliches Logo
recht, das Publikum nicht durch Radikal-Avantgardismus
verschrecken, sondern durch sukzessive
Perspektivenerweiterung an digitale Literatur
heranführen will, ist fraglich. Um die Mehrheit zu
gewinnen, muss man auf den Mainstream der Avantgarde setzen.
Das kann man begrüßen oder bedauern oder auch
einfach als Faktum hinnehmen. Davon abgesehen bleiben wir
gespannt, welche Signale der nächste ELO Award
versendet.
Bug-Report
- Kommentare
(1)
home
|
|