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Caitlin Fishers "These Waves of Girls"
Preisträger des ELO Awards 2001

Roberto Simanowski

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Der ELO Award 2001 geht an Caitlin Fisher, Assistant Professor of Fine Arts Cultural Studies an der York University in Toronto, wo sie kürzlich ihre Hypertext-Dissertation in Social and Political Thought abschloss. Fisher bekam den Preis für ihre Hyperfiction These Waves of Girls. Was bewog die Jury, sich gegen die weit radikaler mit dem neuen Medium arbeitenden Mitbewerber gerade für dieses recht harmlos erzählende Werk zu entscheiden? Die multimediale Verpackung? Das strukturadäquate Sujet des Erinnerns? Das publikumswirksame Thema der lesbischen Identität? Der Beitrag stellt das Werk mit einigen Auszügen vor, die im konkreten und im allgemeinen auch nach Sinn und Wesen der Verlinkung, der Bild-Text-Bezüge sowie den Maßstäben des Designs fragen lassen.


 
"Her body is warm, beauty-marked, her hair thin across that lazy olive eye. I swallow hard and I am sorry, I would say something spell-breaking but I can't feel what running boys feel, only this wave of girls."
Ein braver Preisträger

Die Preisträger des Electric Literature Organisation Awards stehen fest: In der Kategorie Poetry ist es John Cayleys Windsound, ein 20 minütiges "'text movie' animated by transliteral morphs ("textual morphing based on letter replacements") through a sequence of nodal texts". In der Kategorie Fiction ist es Caitlin Fishers "These Waves of Girls", eine multimediale Hyperfiction, die sich durchsetzen konnte gegen solch starke Konkurrenz wie Shelley Jacksons vielgelobte Hyperfiction "Patchwork Girl" (1995 bei Eastgate Systems) oder Talan Memmotts metareflexives Flash-Text-Spiel Lexia to Perplexia.

Wie es in der Verlautbarung der ELO heisst, handelt es sich bei "These Waves of Girls" um "a hypermedia novella exploring memory, girlhoods, cruelty, childhood play and sexuality. The piece is composed as a series of small stories, artifacts, interconnections and meditations from the point of view of a four year old, a ten-year old, a twenty year old..."

Damit wurde ganz klar für ein narratives Projekt optiert, das 1. kein neues, polysemantisches Sprachsystem "evolved from multifarious email exchanges, computer code flavoured language and net iconographs" benutzt - wie das Werk von Mary Anne Breeze (Mez): "_the data] [h!] [bleeding texts_" -, 2. das Erzählen nicht durch eine Performance der Buchstaben ersetzt - wie Paul Chans ebenfalls eingesandtes Alternumerics - und 3. es auch nicht an ein Programm und die eigene Navigationsgeschichte im Web delegiert - wie im Falle von Noah Wardrip-Fruits Impermanence Agent, dem sechsten im Bund der Finalisten. Es wurde für ein Projekt optiert, das vielmehr in beinahe klassischer Hyperfiction-Manier - und insofern im vorliegenden Kontext schon fast konservativ - Personen vorstellt und in multilinearer Weise deren Geschichten gruppiert.

Ich sage beinahe, weil "These Waves of Girls" doch sehr viel anders ist als die bekannten Eastgate-Hyperfiction und sehr viel anders auch als die beiden Preisträger des 1999er New York University Press Prize for Hyperfiction. Caitlin Fishers Werk enthält neben einer Menge Links auch eine Menge Image- und Audio-Dateien. Gleichwohl handelt es sich nicht um abgefilmte Texte, die Coover in seinem Abgesang auf die klassische Hyperfiction diese schon als oberflächliches Spektakel beerben sah, sondern um eine ganz ordentlich erzählte Geschichte, ohne allzu grosse Ambitionen, was die Gegebenheiten des Mediums betrifft, und auf jeden Fall ohne Überforderung des Publikums. Wenn "These Waves of Girls" ein Beispiel der zweiten Hyperfiction-Generation ist, dann ist diese jedenfalls recht brav. Vielleicht mit Bedacht. Aber dazu später. Schauen wir uns zunächst genauer an, was da die 10 000 Dollar verdient hat. Wir werden uns dazu ein bisschen Zeit für den Text nehmen, Navigation und Linksemantik untersuchen sowie das Verhältnis von Text und Bild bzw. Sound; bevor wir auf die Frage kommen, welche Politik hinter der Entscheidung der Jury steht.

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