www.dichtung-digital.com/2001/11/12-Mailinliste

Kommentar zur Kritik
Diskussion in der Mailingliste

Ausgehend von Raus Kritik v.a. des Designs und technischen Settings im ELO 2001 Preisträger These Waves of Girls von Caitlin Fisher entspann sich am 3. und 4. Oktober 2001 eine Diskussion in der Mailingliste Netzliteratur.de über die Berechtigung dieses Zugangs, über Kriterien der Evaluation, über die Möglichkeiten der Teamarbeit und schließlich auch - jede Diskussion bewegt sich irgendwann weg von ihrem Ausgangspunkt, um die Urfrage des Seins zu klären - darüber, was eigentlich Netzliteratur ist. - Die Postings folgen hier in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Anja Raus nachträglicher Kommentar zum Kommentar wurde an den entsprechenden Stellen eingefügt.


Reinhard Matern:

>Web/Fiction/Design - Ein kurzer Beta-Test zum ELO 2001 Preisträger "These Waves of Girls" von Caitlin Fisher [Deutsch/Englisch]

Hab ich mit Interesse gelesen, diese heftige Kritik! - Vielleicht gehen aber die Vergleiche terilweise an der Sache vorbei: es ist klar, daß im Hinblick auf Designprofis, Bildenden Künstlern usw vielerlei Anstrengungen im Bereich digitaler Literatur unterdurchschnittlich ausfallen. Nicht einmal die Texte ... Aber was solls!?

Doch was tun? Vielleicht ist weniger mehr! Vielleicht erbringt die Konzentration auf Bereiche, die je beherrscht werden oder zu denen man überhaupt einen Zugang hat Ergebisse, die sich eher für einen 'Markt' interessierter Menschen anbieten lassen?

Eine Orientierung an Designprofis hielte ich übrigens nicht für sehr interessant, wenn man berücksichtigt, wie in diesem Bereich Sites erstellt werden. Einige meiner Freunde arbeiten in diesen Bereichen. Der Druck von seiten der Auftraggeber ist sehr groß. Letztlich bestimmen diese, was auf den Bildschirmen erscheint, nicht die Designer. [dazu Anja Rau] Zudem ist das Design auf etwas angelegt: auf Markenbildung, auf das Verkaufen der Produkte, gleichgültig ob das Design so glatt und heil wie ein Morgenblütentraum daherkommt oder wild flackernd und reißerisch wie auf dem Wochenmarkt kurz vor Schluß ;-) [dazu Anja Rau]

Aber einbezogene Disziplinen wie Bildende Kunst, Film und eventuell Musik können nicht auf äußerst flache Weise Emotionsträger sein, genau so wenig wie die Literatur - es sei denn, daß all die Disziplinen eigentlich keine Rolle spielen, daß ein ungewisser Grad an Nettigkeit bereits hinreichend ist ;-)

Mit besten Grüßen
Reinhard

http://www.autorenverlag-matern.de

 

Dirk Schroeder:

Hi,

> ... es ist klar, dass im Hinblick auf Designprofis, Bildenden Kuenstlern usw vielerlei Anstrengungen im Bereich digitaler Literatur unterdurchschnittlich ausfallen....

ja, ein wenig erinnert's schon an Buchrezensionen, die sich das Umblaettergefuehl und den Duft der Seiten vornehmen. Eine bibliophile Ausgabe wuerde ich denn allerdings auch so rezensieren - und ich vermute, dass dieser Blick auf die digitale Literatur uns noch ein paar weitere Jahre erhalten bleiben wird. Fur junge (neu) Autoren ist damit die Technikfalle noch weit offen: wo es eher darum geht, Text mit trendy Tools zu verpacken, werden Schriftsteller abgeschreckt und Script kiddies haben derweil Zeit die Leser zu verschrecken [dazu Anja Rau] (immer noch besser allerdings als eine Literatur der Web- designer, die Blindtexte als Literatur etikettiert).[dazu Anja Rau]

Anja Rau kann man dabei aber nur wenig vorwerfen: sie orientierte sich an den Kriterien des Wettbewerbs.

> Aber einbezogene Disziplinen wie Bildende Kunst, Film und eventuell Musik koennen nicht auf aeusserst flache Weise Emotionstraeger sein, genau so wenig wie die Literatur - es sei denn, dass all die Disziplinen eigentlich keine Rolle spielen, dass ein ungewisser Grad an Nettigkeit bereits hinreichend ist ;-)

"Nettigkeit", ich wiederhole mich ja so gerne, kann kaum erreicht werden, wenn einer alleine was bastelt und dann publiziert. Grenzueberschreitungen (und Multimedia) sind natuerlich immer interessant. Schriebe man Literatur darauf fest, muesste sie noch umdefiniert werden.

Den Kern der Verunsicherung sehe ich hier: es wird nach dem angemessen digitalen Literaturprodukt gesucht: im Vergleich mit anderen digitalen Produkten. So, als ginge man ueber einen Marktplatz, saehe sich verschiedene Dinge, u.a. Buecher an - und stoeberte dann im Web um das dort dem Buch entsprechende (aber mit den Mitteln des Digitalen!) zu entdecken. Dichter-sein umfasst allerdings das ganze Leben und erschoepft sich nicht in der Faehigkeit, texthaltige Bastelarbeiten zu erstellen.

Ich denke, dass Literatur im Web sich solange fuer etwas anderes haelt, bis sie Leser findet.

ciao,
dirk

http://www.textgalerie.de/notizen/index.html

 

Reinhard Matern:

Hi Dirk,

>"Nettigkeit", ich wiederhole mich ja so gerne, kann kaum erreicht werden, wenn einer alleine was bastelt und dann publiziert. Grenzueberschreitungen (und Multimedia) sind natuerlich immer interessant. Schriebe man Literatur darauf fest, muesste sie noch umdefiniert werden.

Ich bin nicht davon überzeugt, daß etwas grundsätzlich neu definiert werden muß: je mehr man sich, ob aus der Literatur, der Bildenden Kunst oder einer der anderen Sparten auf den Weg macht, ein Gesamtkunstwerk zu kreieren, desto größer sind die Klippen. Man findet dies nicht nur im Web, auch bei Opern z.B. Wie häufig ist eine Oper primär eine Bühnenparty des Bühnenbildners (-architekten) und bis zum Abwinken kitschig? Im Web ist dies nicht viel anders. Will man ein Gesamtkunstwerk, muß man sich die Kritik aus einzelnen Disziplinen gefallen lassen! Aus diesem Grunde plädiere ich primär für eine reflektierte Reduktion. [dazu Anja Rau]

>Den Kern der Verunsicherung sehe ich hier: es wird nach dem angemessen digitalen Literaturprodukt gesucht: im Vergleich mit anderen digitalen Produkten. So, als ginge man ueber einen Marktplatz, saehe sich verschiedene Dinge, u.a. Buecher an - und stoeberte dann im Web um das dort dem Buch entsprechende (aber mit den Mitteln des Digitalen!) zu entdecken. Dichter-sein umfasst allerdings das ganze Leben und erschoepft sich nicht in der Faehigkeit, texthaltige Bastelarbeiten zu erstellen.

Es ist wichtig, die Kriterien bei einer Kritik offenzulegen. Wenn jedoch Netzliteratur Bereiche betritt, die Kriterien unterliegen, dann muß man sich wohl auch Kritik gefallen lassen, wenn Netzliteratur sich anheischig macht z.B. Musik zu integrieren, dabei aber nur irgendein Populär-Gesülze aus den Lautsprechnern dröhnt, dann wird es schwierig.

Es ist ärgerlich, wenn Netzliteraten so arbeiten, als ginge es um eine Illustration, Klanghinterlegung und was weiß ich ... Gleichsam um ein multimediales Poesiealbum pubertärer Ergüsse ;-) Wo bleibt da der Respekt vor der Bildenden Kunst, vor der Musik, ja letztlich vor der eigenen Tätigkeit!

Mit besten Grüßen
Reinhard

http://www.autorenverlag-matern.de

 

Dirk Schroeder:

Hi Reinhard,

> Ich bin nicht davon ueberzeugt, dass etwas grundsaetzlich neu definiert werden muss: je mehr man sich, ob aus der Literatur, der Bildenden Kunst oder einer der anderen Sparten auf den Weg macht, ein Gesamtkunstwerk zu kreieren, desto groesser sind die Klippen.

Definieren muss man ja nicht im Dienste der Werke, sondern in dem des Darueber-Redens. So geschehen also: Gesamtkunstwerk.

> ... Will man ein Gesamtkunstwerk, muss man sich die Kritik aus einzelnen Disziplinen gefallen lassen! Aus diesem Grunde plaediere ich primaer fuer eine reflektierte Reduktion.

Das tue ich zwar grundsaetzlich auch (s.u.), sehe aber im Willen zum Kunstwerk wenig Tragfaehigkeit. (Kunst als das Herzustellende ist eben das.)

> dann muss man sich wohl auch Kritik gefallen lassen, wenn Netzliteratur sich anheischig macht z.B. Musik zu integrieren, dabei aber nur irgendein Populaer-Gesuelze aus den Lautsprechnern droehnt, dann wird es schwierig.

Also eben doch Definieren: reden wir von Literatur?

Ja, was leistet dann die lllustration fuer diese?

Nein? ...

> ...Wo bleibt da der Respekt vor der Bildenden Kunst, vor der Musik, ja letztlich vor der eigenen Taetigkeit!

Wir reden ja gar nicht vom Universalgenie, sondern von Teams.

Lediglich die Transfer-Engpaesse legen die Verwendungung von Produktionsverfahren nahe, die auch noch einzelnen oder kleinen Gruppen zugaenglich sind. Fuer diese gilt dann eben: mitwachsen oder Reduktion. Videokunst z.B. hat immer noch ihren (wenn auch engen) Platz neben den so ganz anderen auchfilmenden Hollywoods und Bombays.

Gruss,
dirk

http://www.textgalerie.de/notizen/index.html

 

Reinhard Matern:

Hi Dirk,

Teams zu bilden ist gar nicht so einfach! Und wenn welche zusammenkommen, ist nicht immer gesagt, daß die Resultate aufeinander abgestimmt sind - wenn eine Teambildung aber gelingt, auch den Resultaten nach, dann ist dies wahrlich ein Glücksfall!

Man kann unter Umständen auch überlegen, unter welchen Voraussetzungen Teams am besten zu bilden sind. Ich lasse Multimedia mal kurz beiseite und bezieht mich mal auf Mitschreibprojekte. Diese müssen Scheitern, wenn da einfach Schreibtischtäter aufeinander losgelassen werden, jeder mit seinen eigenen schriftstellerischen 'Identitäten'. Etwas ganz anderes könnte sich aber ergeben, wenn man den Bereich etwas wechselt: gleichsam Improvisationstheater betreibt, so daß jeder Schreiberling gleichsam eine sprechende Figur im Getümmel wird. Da könnte es spannend werden, auch für Leser!!!

Von bloßen Illustrationen zu Texten halte ich nicht viel: wenn literarische Texte Illus brauchen, dann sind sie nach meinem Ermessen schlecht, ansonsten besteht die Gefahr einer Kinderbuchzugabe ;-), bei der auch beim Vorlesen ein Bild gezeigt werden kann. Für mich ergibt sich die Schwierigkeit, zu erreichen, daß Texte und Bilder (a) für sich stehen, (b) aber einen gemeinsamen 'doppelten Boden' haben, der ein bloßes Nebeneinander verhindert. Man benötigte eine aufeinander abgestimmte konkrete Ästhetik, auch in anderen Fällen multimedialer Präsentationen. Deinen Hinweis auf Videos kann ich nur unterstreichen; ich hab vor einigen Tagen hier Kurzfilme hervorgehoben. Früher gab es übrigens mal Filmkomponisten (30er/40er Jahre) die man tatsächlich als Musiker bezeichnen konnte; heute ist davon äußerst wenig geblieben; mit einer Ausnahme Greenaway, der mit Nyman zusammengearbeitet hat.

Was aber ist mit der Sprache? Sollte sie nicht zentral sein für Netzliteratur? Was kann eine dem Netz angemessene Sprache sein? Das Beste, was ich bislang sah, waren (a) Artikel, ähnlich denen in Zeitungen/Zeitschriften, (b) aphoristisches, (c) Weiterentwicklungen von Konkreter Poesie - vorstellen könnte ich mir schließlich, das ein Improvisationstheater gelingen könnte (einmal hab ich dies erlebt).

Was ist sprachlich im Netz machbar, was ist eine 'netzige' Sprache? - Dies könnte eventuell auch ein Thema für ein Netzliteraturtreffen sein. -

Beste Grüße
Reinhard

http://www.autorenverlag-matern.de

 

Dirk Schroeder:

Hi Reinhard,

bei Teams dachte ich nicht an kollaborative Schreibprojekte, hierzu teile ich deine Bedenken, so lange sie nicht auf MUDs u.dgl. angewendet werden.

Vielmehr dachte ich an die proefessionelle Produktion von Filmen u.ae. fuer die Webpublikation.

Die Beigabe von Bildern zum Text aehnelt in der Tat der Bebilderung von Buechern - aber auch hier geht vieles ueber das Moment der Dreingabe hinaus, Bspw. im Comic. D.h. Bild und Text koennen sehr wohl gemeinsam etwas erzaehlen.

Das gilt aehnlich fuer Soundhinterlegung, resp. eine Lese-Hoerspiel-Komination.

> ...Man benoetigte eine aufeinander abgestimmte konkrete Aesthetik, auch in anderen Faellen multimedialer Praesentationen.

in der Tat.

> Was aber ist mit der Sprache? Sollte sie nicht zentral sein fuer Netzliteratur? Was kann eine dem Netz angemessene Sprache sein?

Fragen wir doch nicht immer nach dem Angemessenen. Mir ist kein Schriftseller bekannt, der sich mueht den gaengigen Layout-, Satz-, Druck- und Bindeverfahren angemessen zu schreiben.[dazu Anja Rau]

Allenfalls laesst sich feststellen, dass der kuerzere Text wohl geeigneter scheint als der laengere. (In der Buchhandlung, sagte mein Buchhaendler) wird viel mehr Prosa gekauft als Lyrik. In der Textgalerie, da kann ich's nachpruefen, ist aber Lyrik erheblich beliebter.

[[Kulturpreis Deutsche Sprache 2001: Computer Bild http://www.presseportal.de/story.htx?nr=296809 ]]

Wenn Leute, die Netzkommunikatoren sind, fuer andere Netzleser schreiben (und gar noch vom Netzleben statt von Bluemelein und in die Ferne ziehenden Segelbooten), dann sehen wir, was dabei heraus kommt.

> ...(c) Weiterentwicklungen von Konkreter Poesie

oder auch d) http://userpage.fu-berlin.de/~cantsin/homepage/poetry//self.pl ?

> mir schliesslich, das ein Improvisationstheater gelingen koennte (einmal hab ich dies erlebt).

Hierzu ja u.a. schon:

http://www.textgalerie.de/ouargla/arc/interszene.htm

> Was ist sprachlich im Netz machbar, was ist eine 'netzige' Sprache?

netzig ist eine Sprache wohl dann, wenn sie verbindet statt zu spalten (zumindets sei sie, hoerte ich, englisch) ?

+++

Neulich schaute ich fern. Und zwar 9Live. Die hiessen frueher TM3 - jetzt gibt's dort "interaktives Fernsehen" - was heissen soll, das der Zuschauer sich per Telefon an Programmabstimmungen, Quizshows u.a.m. beteiligen kann. Der erste Blick schockt. So primitiv (Moderator nie ohne Goldkettchen mit Haifischzahn), so albern ('Sie wissen also wieviel zwei und zwei ergibt? Ja Waaaahnsinn!'), so unter Bild-Niveau (ja, es geht), dass ich erst dachte, die muessten jetzt mit 10 TDM im Monat auskommen. Aber nein: das Konzept ist 'angemessen'. Wer ruft denn vormittags an um 100,- DM zu gewinnen?

Das erzaehle ich, weil ich jetzt behaupten moechte: was netzige Sprache, Literatur usw. ist, das entscheidet der Leser.

Dessen Frage, jedenfalls hoere ich das auf meinen Veranstaltungen, ist die nach dem Mehrwert. Lesen am Bildschirm wird als besondere Muehe begriffen, die muss sich lohnen.

Die Beduerfnisse, die ein Roman befriedigt, kann digitale Literatur nicht befriedigen. Welchem Bedarf dient digitale Literatur?

Wenn wir nach Einzelwerken fragen (wobei ich diese eben an sich nicht "netzig" nennen will), ist meine Frage nicht die nach der Angemessenheit, sondern die nach dem Erfolg. Viellelicht brauchen wir erst einmal eine lebendige Schund- und Kitschszene, digitale Literatur, die gelesen wird (gegenwaertiges Rezept: der Fake), um zu sehen, mit was wir es zu tun haben. Browser, Editoren, Datenbanken erzaehlen uns nichts, fuellen allenfalls Ratlosigkeit voruebergehend auf.

Herzlichen Gurss,
dirk

http://www.textgalerie.de

 

Jan Ulrich Hasecke

> Was ist sprachlich im Netz machbar, was ist eine 'netzige' Sprache? - Dies könnte eventuell auch ein Thema für ein Netzliteraturtreffen sein.

Diese Frage lässt sich ethnologisch leicht beantworten. Du brauchst dich eigentlich nur im Web zu bewegen, um Netzsprache zu finden.

Nun hast du den Netz-, Chat- und Computerslang bestimmt nicht gemeint.

Ich denke, es wird viel zu häufig werkorientiert diskutiert. Man hat auf der einen Seite die Netz- und Browser-Techniken und auf der anderen Seite irgendwelche Werke, an denen man den Gebrauch dieser Techniken abhaken will. Das mag, wenn man sich auf die Techniken beschränkt, fruchtbar sein, kann aber auf den Irrweg des Virtuosen führen, sodass eine Kritik sich erschöpft in der Feststellung: XY beherrscht Flash meisterhaft.

Ich sehe Netzliteratur lieber als soziale Verwerfung und denke, es wäre auch interessant einen Diskurs zu führen, der nicht werkorientiert ist.

Um es einmal klarer zu fassen. Um eine Geschichte der deutschen Literatur in den 90er Jahren zu schreiben, kommt man z.B. nicht um das Literarische Quartett drumrumm.

Genauso kommt man nur schwer um die Pegasus-Wettbewerbe herum, wenn man über Netzliteratur schreibt.

Womit jetzt nicht gesagt ist, dass das, was das LQ nicht besprochen hat, nicht zur deutschen Literatur gehört. Und außerhalb der Pegasus-Wettbewerbe gab es auch noch Netzliteratur.

Netzliteratur ist Literatur, die unter den sozio-technologischen Bedingungen des Internets entstanden ist. Die Variabel "Literatur" kann nun jeder so füllen, wie ihm beliebt, bzw. so füllen, wie es die Literaturwissenschaft seit jeher tut.

Ein extremes Beispiel. Nehmen wir an, du hast im Urlaub eine Frau/einen Mann kennengelernt, der oder die am anderen Ende der Welt wohnt, in China, Australien oder Brasilien. Nun entspinnt sich ein elektronischer Briefwechsel mit literarischen Qualitäten. Wenn man diesen Briefwechsel im Netz veröffentlicht - ist es dann Netzliteratur? Und wenn man den Briefwechsel in Buchform veröffentlicht. Ist es dann keine Netzliteratur mehr?

Oder nimm das gegenteilige Beispiel: Ein klassischer Briefwechsel zwischen X und Y von genialer literarischer Qualität. Wenn dieser Briefwechsel als Buch veröffentlicht wird, ist es kaum Netzliteratur. Wird er aber, weil er nicht in die Verlagswelt passt, im Netz publiziert, ist es dann Netzliteratur?

Ich verstehe, warum viele mit dieser rein distributionsorientierten Auffassung von Netzliteratur wenig anfangen können, weil ein und dasselbe Werk unter diesem Gesichtspunkt mal Netzliteratur und mal Literatur sein kann. Das Werk bleibt sich teilweise gleich, teilweise verändert es sich: je nach Zusammenhang.

Das ist jedoch auch nicht neu. Nehmen wir Zeitungscartoons, die später als zusammenhängendes Comic gedruckt wurden. Auch hier verändert sich das Werk und bleibt sich gleich.

Für mich ist ein wesentliches Kriterium für Literatur die Tatsache, dass Literatur - im Gegensatz zur Malerei - nicht so sehr stofflich gebunden ist. Sie wird erzählt, aufgeschrieben, gedruckt, gespeichert. Sie überspringt Sprach- und Mediengrenzen. Weil sie aus sich selbst heraus lebt, und keiner beeindruckenden Technik (prächtig verzierter Bildband / Flashanimation) bedarf.

Ciao!
juh

http://www.sudelbuch.de/

 

Dirk Schroeder:

Hi juh,

> Ich denke, es wird viel zu haeufig werkorientiert diskutiert. Man hat auf der einen Seite die Netz- und Browser-Techniken und auf der anderen Seite irgendwelche Werke, an denen man den Gebrauch dieser Techniken abhaken will.

Dass Problem ist aber, das auch die Autoren selbst so ans Werk gehen.

> Ich sehe Netzliteratur lieber als soziale Verwerfung und denke, es waere auch interessant einen Diskurs zu fuehren, der nicht werkorientiert ist.

Ja, wenn er Autoren und Leser umfasst.

> Um es einmal klarer zu fassen. Um eine Geschichte der deutschen Literatur in den 90er Jahren zu schreiben, kommt man z.B. nicht um das Literarische Quartett drumrumm.

Na ja, die des Literaturbetriebs ...

> Genauso kommt man nur schwer um die Pegasus-Wettbewerbe herum, wenn man ueber Netzliteratur schreibt.

"Wer die Tiefen und Untiefen deutscher Versuche in Netzliteratur durchmessen moechte, sollte einige der insgesamt 607 Kurzbeitraege ansehen beziehungsweise durchlesen beziehungsweise anklicken, ..." Zitat: Dieter E. Zimmer.

> Netzliteratur ist Literatur, die unter den sozio-technologischen Bedingungen des Internets entstanden ist. Die Variabel "Literatur" kann nun jeder so fuellen, wie ihm beliebt, bzw. so fuellen, wie es die Literaturwissenschaft seit jeher tut.

a) ja, b) prima) c) hae?

> ...Wenn man diesen Briefwechsel im Netz veroeffentlicht - ist es dann Netzliteratur? Und wenn man den Briefwechsel in Buchform veroeffentlicht. Ist es dann keine Netzliteratur mehr?

Ja eben, aber das wird nun schon jahrlang ignoriert.

Aber 7% Mwst auf Textlieferungen auf Papier, 16% digtal.

> Literatur ... ueberspringt Sprach- und Mediengrenzen. Weil sie aus sich selbst heraus lebt

Ja!

ciao,
dirk

http://www.textgalerie.de/

 

Reinhard Matern:

Hi Juh,

eine Werkorientierung als eine mögliche Sichtweise halte ich als solche gar nicht für problematisch, soweit man zuläßt, daß Werke (für mich z.B. Arbeitsresultate) auch aggregathaft sein können, das Resultat mehrerer Personen.

Soziale Verwerfung ist ein Stichwort, das so allgemein ist, daß es ein Kulturprogramm umfassen kann, mit dem sich Kultur präferieren läßt, die gerade auch an neuerem interessiert ist, sowohl im Hinblick auf Materialien (Sprache, Klänge usw.) als auch im Hinblick auf geäußerte Ansichten oder präsentierter Struktur von Klängen.

Deine Anführung der Technik führt da einen Schritt weiter: die Texte hier z.B. wären in einem herkömmlichen Briefwechsel so kaum möglich. In diesem Sinne handelt es sich um Netzliteratur, die freilich Diskussionsbeiträgen innerhalb eines Kreises recht ähnlich sind.

Noch einen Schritt weiter käme man, würde man ein Rezeptionsverhalten hinzunehmen, das primär im Netz anzutreffen ist. Angebote für verschiedene Medien eines gleichen sprachlichen Erzeugnisses ist, so glaube ich, abhängig von einer veranschlagten Hypothese hinsichtlich des Rezeptionsverhaltens. Kurz und bündig: funktioniert etwas im Netz, als Buch usw.?

Ich würde aber gerne noch einen Schritt weitergehen: wie sieht/sähe netzliterarische Sprache aus, sowohl unter Einbezug der Technik als Entstehungsbedingung und im Hinblick auf wahrscheinliches Rezeptionsverhalten - in Differenz zu anderen Medien wie Büchern oder Zeitschriften.

Traditionelle Formen, und seien es auch offene, wie z.B. Roman, Lyrik versagen nach meinem Ermessen im Netz. Auch ein 30 Seiten umfassender Essay wäre wohl im Netz kaum gut aufgehoben, es sei denn zum Download ;-)

Würde man lediglich Textmengen reduzieren, z.B. einige Aphorismen, Kurzkommentare oder sonstwas relativ beliebig aneinander reihen, wäre gleichsam nichts erreicht.

Mich interessieren die speziellen netzliterarischen Möglichkeiten, (a) für neue Impulse, (b) zur Herausbildung von Kritierien (durchaus auch unterschiedlichen), (c) zur besseren Präsentation nach außen (Presse, Leser). All dies könnte auch fürs Portal interessant sein.Ich glaube, daß Netzliteratur, ungeachtet der Jahre, die es sie bereits gibt, noch in den Kinderschuhen steckt. Sie hat noch kein Profil gewonnen, wie man an Fremdwahrnehmungen leicht erkennen kann.

Doch wohin kann die Reise gehen?

Mit besten Grüßen
Reinhard

http://www.autorenverlag-matern.de

 

Reinhard Matern:

Hi Dirk,

>Das erzaehle ich, weil ich jetzt behaupten moechte: was netzige Sprache, Literatur usw. ist, das entscheidet der Leser.

Die Lesermeinung ist ein Kriterium; wie stark allerdings Vermittlung die Lesermeinung prägen kann (nicht muß), sieht man am Quartett oder an dem Einfluß der großen Zeitungen/Zeitschriften im Literaturbetrieb. Sie sind Teil des Marketings.

Aber auch die Produzenten haben Möglichkeiten: genau dann, wenn sie daran Interesse haben, daß sich von außen Strukturen erkennen lassen, wenn es Programmatiken und Texte dazu gibt, Richtungen usw. Und vor allem auch offene Formen, die nicht lediglich aus Übertragungen resultieren!

Vielleicht gibt es noch viel zu wenig im Netz, um dem Leser getrost die Entscheidung zu überlassen?!

Beste Grüße
Reinhard

http://www.autorenverlag-matern.de

 

Oliver Gassner:

>wenn Netzliteratur sich anheischig macht z.B. Musik zu integrieren, dabei aber nur irgendein Populär-Gesülze aus den Lautsprechnern dröhnt, dann wird es schwierig.

Der Hörspielautor macht die Geräusche zu seinen Texten auch nicht selbst, er bedient auch nicht das Tonband. Dennoch ist ein Hörspiel kein Theater mit Mikrofon.

Sich den Hörspiel/Radio-Vergleich im Kopf zu behalten ist meist recht produktiv.

Ich denk Richtung: "Literaturproduktion unter digitalen Bedingungen." (so wie unter: akustischen, 'theatralischen' etc.)

D.h. man nennt Kurzgeschichten auch nicht 'Romanchen im Zeitungsseitenvolumen' oder Dramen 'Geschichten mit Menschen'. [...]

> Nehmen wir Zeitungscartoons, die später als zusammenhängendes Comic gedruckt wurden. Auch hier verändert sich das Werk und bleibt sich gleich.

Hier ist aber die FORM des Comics bedingt durch das URSPRÜNGLICHE Medium. Dehalb ist der "Strip" eine Zeitungsgattung während das "Album" eine 'Buchgattung' (hier: eine Form des 'Eepischen') ist. Deswegen ist die 'Ilias' orale Literatur auch wenn sie gedruckt ist.

Gattungen ALLEIN über ihre Distribution bzw. ihr Medium zu definieren ist wenig hilfreich. es geht um dei MITTEl der Gattung, um ihre POETIK. Die mögen dann dem einen oder anderen Medium 'angepasst' sein; angepasster als andere. Sicher MUSS man das TYPISCHE Medium einer Gattung auf dessen Bedingungen hin untersuchen. Das wird ja auch gemacht. [...]

>Ein extremes Beispiel. Nehmen wir an, du hast im Urlaub eine Frau/einen Mann kennengelernt, der oder die am anderen Ende der Welt wohnt, in China, Australien oder Brasilien. Nun entspinnt sich ein elektronischer Briefwechsel mit literarischen Qualitäten. Wenn man diesen Briefwechsel im Netz veröffentlicht - ist es dann Netzliteratur? Und wenn man den Briefwechsel in Buchform veröffentlicht. Ist es dann keine Netzliteratur mehr?

Nach meinem Definitionsversuch vom Sommer 97 ist beides NL.

So wie ein Theaterstück auch als Text ein Theaterstück ist, aber eben keine Theateraufführung. So wie ein Hörspiel auch als Manuskript eines ist und nicht nur auf Band oder 'live'.

Mich ermüdet dieser 'Ast' der Diskussion langsam. Er bringt seit 97 nix/kaum neues (ausser ggf. der Formalisierung von Grether: "desk, soc, tech").

Ausgelöst wurde er nur IIRC durch die Definition "Netrlit ist, was man nicht drucken kann." Das ist so wie wenn man sagen würde: "Theater ist, was man nicht drucken kann." 'Philosophoisch' ist beides korrekt. Faktisch ist beides der selbe Dummsinn.

OG

http://www.carpe.com/

Für alle, die noch nicht ermüdet oder gar jetzt erst richtig erwacht sind, hier weitere Ansichten zur Definition von Netzliteratur: 
Roberto Simanowski: Interactive Fiction und Software-Narration. Begriff und Bewertung digitaler Literatur
Was ist Netzliteratur? Eine Diskussion der Mailingliste netzliteratur.de (Januar 2000)


Anja Rau

zu RM: Ist ein guter Designer (oder Programmierer) ein schlechter solcher, wenn er Kundenwünsche exakt umsetzt? Ein guter Designer (oder Designerin) und vor allem jemand mit fundierten Programmierkenntnissen könnte ja auch prima literarische Konzepte umsetzen.

zu RM: Mit meinem Taschenmesser kann ich Äpfel schneiden, Fahrräder reparieren und Weinflaschen öffnen. Design bildet ja nicht nur Marke, Design fragt zum Beispiel auch, wie man etwas so gestalten kann, dass es auch funktioniert. Also, ob die Kanne nur in die Kaffeemaschine passt oder ob sie auch gut ausgießt. Oder ob der Frame im Frameset lädt statt das Frameset im Frame. Mir fehlt nicht der Werbe-Grafiker in der digitalen (literarischen) Kunst, sondern der Handwerker, wie der Bildhauer einer ist oder der Word-Wrestler.

zu DS: Das BUCH im traditionellen Sinne wird verstanden als nebensächliches materielles Trägermedium für den immateriellen, transponierbaren Text - blind (oder taub) leider für die Eigenheiten des oralen oder des akustischen Textes, die eben nicht äquivalent zum gedruckten Text sind. Die Multimedia-Maschine Computer (vernetzt oder nicht) ist aber nicht nur ein Text-Trägermedium und wäre als solches auch recht beschränkt. Selbst einen simplen alphanumerischen Text bekommt man nicht ohne Technik auf den Rechner und schon wenn ich ein 32-bit-System habe, meine Leser aber nicht, habe ich ein Problem. Und wenn ich für IE5 prgrammiere und Du Netscape 6.1 hast, dann auch.

zu DS: das Bild: Supplement zum Text oder selbst Text? Hier mögen die Poetologien auseinandergehen, aber das Opfer meiner meiner Rezension, Caitlin Fishers _These Waves of Girls_ liest wertet offensichtlich das Bild als Text und deshalb sollte die Autorin m.E. beim Verfassen des alphanumerischen wie des visuellen Textes dieselbe Sorgfalt und Kunstfertigkeit walten lassen.

zu RM: Also kein Multimedia. Auf dem Computer nur alphanumierischer Text. Oder nur Bild. Oder nur Ton aus den Lautsprechern. Warum dann Text auf dem Computer? Der Computer als Distributionsmittel, nun gut - aber kann man seine multimedialen Eigenschaften einfach so ignorieren? Oder ist es eine Aussage, wenn ich nur eine der vom Computer angebotenen Disziplinen bediene? Reflektierte Reduktion ... Und wenn ich ein 32-bit-Sytem habe, Du aber nicht? Selbst HTML 2.0 will beherrscht werden ...

zu DS: Da müsste dann bei der Übertragung auf den Computer differenziert werden: zwischen Design, das einen eigenständigen Text parallel (nicht untergeordnet) zum Wort-Text schafft und der Programmierung, die sicherstellt, dass der Text in allen seinen Komponenten von möglist vielen "Lesern" "gelesen" werden kann. Mir fallen im Print-Bereich genügend Teams aus Wort- und Bildtextern ein. Und Autoren, die _den gaengigen Layout-, Satz-, Druck- und indeverfahren_ nicht gemäß, jedoch reflektiert *nicht* gemäßt schreiben. 


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