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"Abfall für alle"
Rainald Goetz als Tagebuch

von Roberto Simanowski

Der Hochzeiten von Literatur und Internet sind viele. Ein Jahr lang Tagebuch, in Echtzeit Tag für Tag nachzulesen im Internet, ist eine davon - und Rainald Goetz scheint der geeignete Kandidat für das Projekt. Bekannt für seine Augenblicksprosa und gerügt für die Verweigerung des Erzählens zugunsten der Reflexion, ist dem "Oberflächenexperten" (Eberhard Rathgeb) das undistanzierte Schreiben im Genre Tagebuch wohl vertraut. Da bedarf es keiner Figurenenschärfe, keines Plots, keiner Entwicklung, da geht es immer nur um sich selbst. Man nennt es schließlich trotzdem Roman. Gut. Goetz spricht auch vom "täglichen Textgebet". Klar. Wer betete nicht, müsste er täglich auf die Bühne, um was Interessantes zu berichten!

Ein Genre bestimmt sich neu

Als das Tagbuchschreiben ins Internet trat, beging es zwei Paradoxien: erstens vollzog es sein Tagwerk, Gewesenes als Gegenwart zu bewahren, im flüchtigsten aller Medien und zweitens, schlimmer noch, tat es dies im Licht der Öffentlichkeit. Damit änderte sich das Prinzip des Tagebuchschreibens, wie wir alle es aus unserer Jugend kennen. Man schrieb nicht mehr für niemand bzw. nur für sich, sondern formulierte gleich forsch und unberufen für die ganze Welt. Statt stiller Verarbeitung lautstarke Verankerung - gewiss ein Signum unserer Zeit.

Und so wurde auch das Tagebuch zum Mitschreibprojekt. Man nehme den Tagebau, wo jeder seine Erlebnisse oder Gefühle am aktuellen Tag niederlegen kann und der veröffentlichte Liebeskummer mitunter noch vor dem Schlafengehen auf Trost stößt. Eine andere Netz-Adaption ist der Tagebuch-Webring, die Vereinigung der Tagebuchschreiber, die sich mit konzentrierten Lies-mich-Beschreibungen der gelisteten Webdiaries ihren Kunden stellt. Wenn diese Webringe auch noch Dear Diary heißen, wird die vorliegende Paradoxie schon in der Öffentlichkeit der intimen Anrede deutlich - und schön ist natürlich auch eine Bemerkung wie: "wegen Urlaub geschlossen"!

Dichter im Netz

Wenn ein doppelter Doktor und bekannter Schriftsteller Tagebuch schreibt, verhält es sich mit dem Veröffentlichen schon anders. Da wird ein Name eingebracht, der für Qualität bürgt: vielleicht auch der Erlebnisse, zumindest aber der Niederschrift. Was ersteres angeht, so ist ein bisschen Yellow-Press schon dabei, wenn Goetz auf Partys mit anderen bekannten Namen zusammentrifft. Ansonsten bleibt Alltag Alltag. Man begegnet allen möglichen Verrichtungen des Tages, und da ein Schriftsteller schreibt, gehört dazu auch die Schriftstellerei, über die Goetz ja ohnehin am liebsten schreibt. Und weil die Medien unseren Alltag bestimmen, und den von Goetz insbesondere, sind auch sie reichlich vertreten, allen voran "big Mama TV". Und so erfährt man immer, was im Fernsehen so lief: Günter Jauch bei Harald Schmidt, aus der Blechdose Hundefutter naschend, der nekrophile Pathologiestudent bei Domian, Joschka Fischer bei Biolek. Dazu Goetz Kommentare, mehr oder weniger ausführlich, mehr oder weniger ergiebig.

Die Eintragungen können so banal und harmlos werden wie in Thomas Manns Tagebüchern: "1857 eingekauft / und Nachrichten gekuckt" oder "1915 Anruf / von Claudius. Nochmal über die gestrige Arbeit". Es wird auch nicht immer klar, worum es eigentlich geht: "1234 Kaffee / ist aus - Tee gekocht - Perversion / Verhakungsprobleme - das sowieso Erbe gedacht - / dann: a ja! - DAS sollte doch das Motto werden, morgens, gestern, für den zweiten Tag - in der FAZ, im Monika Maron Bericht gelesen - bloß wo ist der jetzt?!" Dazwischen schöne Kommentare zu bekannten Büchern. Oder Goetz Meinung über Redakteure, die ausdauernd seine Werke verreißen. Und Theaterbesuch und Techno und die Neueröffnung in der Linienstraße 155: "Noch so ein toller renovierter Innenhof mit alter Kastanie". Anders als bei Thomas Mann erfuhr man es hier aber immer gleich, denn der Tag stand noch zur Nacht im Netz. Die Leser saßen dem Autor praktisch im Nacken. Die Öffentlichkeit war sofort und uneingeschränkt.

Dichter an sich

Während Goetz öffentlich Tagebuch schrieb, las er die öffentlichen Tagebücher anderer: Ernst Jünger, Peter Rühmkopf, Helmut Krausser. Nun gibt es also auch sein Tagbuch als Buch. Die Printausgabe korrigiert das eine Paradox des Tagebuchs im Internet - Buch ist Dauer - und schaffte ein neues: sie darf sich nicht von der digitalen Fassung unterscheiden. Das würde sehr schnell auffallen, denn man hatte vorher ja auf Goetz Homepage einen Zeitbaum entlang zu allen bisherigen Tagen navigieren und die abgelegten Texte zum Offline-Lesen runterladen können. Das Projekt endet mit der absoluten Identität des Tagebuchschreibers mit sich selbst.

Diese Identität ist freilich bei jedem Tagebuch groß. Denn anders als z.B. bei der Autobiographie schreibt nicht der 60jährige über das Ich, das er vor 20, 30, 40 Jahren war, sondern schreibendes und beschriebenes Ich liegen auf einer Zeitebene. Aber immer gab es die Stunde der Druckfahnen, immer gab es den späteren Blick auf das einst Geschriebene und die Chance zu Änderungen. Im vorliegenden Fall fehlt diese Stunde. Was im Augenblick online gestellt wurde, muss nun auch aufs Papier. Das Buch gehorcht letztlich den Regeln des Netzes. Wie schrieb doch Arno Schmidt in Sachen Tagebuchschreiben: "Einzig bei Dem, den vor seinen eigenen Eintragungen, etwa 1 Jahr später, Ekel überkommt: bei Dem ist durchaus noch Hoffnung!" Zu spät!

Rainald Goetz, Abfall für alle. Roman eines Jahres, 864 S., Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999


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