www.dichtung-digital.de/2001/Simanowski-27-Feb

Doppelte Inszenierung
Tilman Sacks "Chat Theater"

von Roberto Simanowski

Theater ist, wenn A X verkörpert, während S zuschaut. So eine der gängigen Erklärungen. Wie sieht dann die Verbindung von Theater und Internet aus? Soll man Theater ins Netz bringen, als Verfilmung, wie sie auch im Fernsehen zu haben ist? Oder soll man das Internet auf die Bühne holen? Aber welches Internet und vor allem: wieviel davon? Tilman Sack, Theatermann und leidenschaftlicher Chatter, hat eine Antwort gefunden (Überlegungen zum Konzept). Er inszeniert doppelt: Zunächst im Chat, wo bestellte Autoren und unbekannte Laufkundschaft sich gemeinsam produzieren, dann auf der Bühne, wo die Essenz jener Plauderei dramaturgisch bearbeitet ans Publikum gelangt. Kein Dokumentarismus also und trotzdem irgendwie authentisch.



Chat to me  

susel: huuuuhuuu
susel: fuehl mich sooooo alleiene
susel: nur ich?
susel: hi susel
susel: wie gehts dir
susel: susel spricht mit susel
susel: huuuul, so dunkel
susel: im wald mein ich
susel: susel ruft in den wald: halllooo

Ein Chat, wie man ihn kennt: Keiner da, man führt Selbstgespräche, und das macht mehr allein als alles andere. Aber dann:

(auftritt Lara_Croft)
Lara_Croft: hallo ihr
susel: hi, ich glaub wir sind ganz allein
Lara_Croft: ich freue mich!!
susel: ich auch
(auftritt Kotler)
Kotler: Und? Hat schon jemand bemerkt, daß es draußen regnet?
susel: echt?
Kotler: In der Tat
susel: sollen wir raus gehen
susel: erdbeeren essen
Kotler: Ich gehe

Keine Angst, Kotler kommt wieder und bald erscheinen auch die andern auf der Bildfläche. Denn was ist schon Regen gegen das Karussell der Unbekannten. Außerdem sorgt jemand im Hintergrund dafür, dass es voran geht. Nein, nicht der Webmaster, nicht der Host oder wie die Salonnière im Reich des Digitalen heißen möge. Der Theatermann hat seine Agenten im Spiel, einer davon ist Susel.

Chatten fürs Theater

Wie also funktioniert das Chatten fürs Theater? Einige ausgewählte Personen (unter ihnen Susel) chatten ca. eine Woche lang mit all jenen, die eben gerade vorbeischauen. Der Chat ist frei zugänglich (mit Blick auf die geplante Bühnenumsetzung aber immer nur für eine Handvoll User) und besitzt so wenig Regeln und Vorgaben wie die meisten Chats. Die eingeschleusten Agenten haben sich durch schriftstellerische Tätigkeit an andere Stelle qualifiziert und sorgen nun dafür, dass aus dem üblichen Worte-Chaos eines Chats eine Gesprächs-Handlung wird, aus der sich etwas machen lässt.

Dies ist dann Phase Nummer 2: Die aufgezeichneten Chatlogs werden vom Theatermann und seiner crew (unter ihnen Susel) bearbeitet. Dabei wird dem Vorgefundenen nichts hinzugefügt, wohl aber jede Menge umgestellt und gestrichen (von 500 Seiten auf 30!). Das authentische Wortmaterial (halb authentisch, wegen Susel & Co) wird zur Verhandlungsmasse, aus der ein Stück entsteht. Dieses gehorcht dann schon eher den Gesetzen des Theaters als denen des Internet, wo der fertige Textentwurf nur noch zur Einsicht abgelegt wird für all jene, deren Worte mit im Spiel sind. Phase 3 vollzieht sich ganz im Zielmedium: Das Stück wird mit den Schauspielern für die Bühne erarbeitet, der Screen der Buchstaben durch die Bühne der Körper ersetzt.


Virtuelle Situationen an virtuellen Orten werden am realen Ort
von realen Personen dargestellt: Raum und Personen müssen
also in der Lage sein, ihre Identitäten zu wechseln


Der rot beleuchtete Kobel stellt weitere Räume dar
(z.B. das Separé bzw. des private room); das Innere des Kobels
wird per Kamera und Videobeamer auf seine Außenwand projiziert.

Chatter als Theater

Was schließlich auf der Theaterbühne zu sehen ist, hat seinen Ausgangspunkt also im Netz. Das Drama wird nicht mehr vom Autor geschrieben, sondern vom (Online-)Leben. Was nicht heisst, dass man Leben pur bekommt. Die Inszenierung beginnt im Chat, der ja nichts als ein Ort ist, an dem der Mensch wieder er selbst sein kann, nämlich: Schauspieler. Jeder Chatter lässt im Grunde eine Figur im Netz auftreten, die mehr oder weniger sein alter ego ist. In diese Konstellation kommen nun die bestellten Agenten mit ihrem Doppelspiel: Sie schaffen Figuren, die auch aus dramaturgischer Sicht etwas hergeben, die (chat)literarische Qualität sichern und auf Konflikte hinarbeiten. Inwiefern aus dem Ganzen eine Geschichte entsteht, hängt dabei von ihrer Fähigkeit ab, auf die Figuren der 'echten Chatter' einzugehen. Und von der Fähigkeit, die eigene Figur richtig spielen zu können. Denn da alles den Kommunikationsbedingungen des Chats unterliegt (direkte Fragen mit der Erwartung schneller Antwort), müssen die Agenten ihre Identität gut gelernt haben, wollen sie nicht aus Verlegenheit spontan die eigenen Daten preiszugeben. Insofern ist es ein Etüdenspiel, ein Improvisationstheater, noch ehe es auf die Bühne kommt.

Die Themen eines solchen Stückes variieren zwar, aber nur im vorgegebenen Rahmen. Chats haben immer wieder mit Einsamkeit, Kontaktsuche und 'Identitätstourismus' zu tun. Das Medium ist die Message, gilt hier durchaus, und dazu gehört schon einmal die unumgängliche Frage nach dem wirklichen Geschlecht, die ja nicht erst akut wird, wenn man sich fürs Separé verabredet:

karl-heinz: hallo, freistil??? maennlich weiblich
freistil 2: wozuwillst du das wissen?
karl-heinz: saechlich? sachlich?
karl-heinz: wozu ich - was? wissen will? na hoermal
freistil 2: männlich oder weiblich?
karl-heinz: Du - maennlich - ich tschau
freistil 2: das ist doch echt unwichtig.....oder?

Medienwechsel

Die "Grammatik des Chats" bleibt freilich auch auf der Bühne erhalten: Man spricht in 5-7-Wort-Sätzten, man fragt sein Gegenüber nach Alter, Geschlecht, Aussehen (hier wird Theater durch Konkretheit absurd) und schließlich ist der ganze Bühnentext getragen von der Offenheit, Intimität und Unmittelbarkeit des Chats.

Der Medienwechsel stellt die Dramaturgie allerdings auch vor einige interessante Probleme. Zum Beispiel die Vielfalt des Raumes (Tilman Sack arbeitet mit Filmprojektion und Schattenrissen) oder die Ungleichheit der Mittel: Während man im Chat nur den ASCII Code hat, um Gefühle auszudrücken, steht einem auf der Bühne wieder Mimik und Intonation zur Verfügung. Was macht man jetzt mit den Emoticons, die im Netz aus der Not geboren wurden? Und wie stellt man die chaotische Dialogstruktur des Chats mit ihren verspätet erscheinenden Anschlüssen auf der Bühne dar! Als durcheinanderlaufendes Stimmengewirr?


Waschbecken als Terminals - Chat als Plätschern?

Wie sich das schließlich auf der Bühne ausnimmt, hat man bisher im Rahmen des Stuttgarter Filmwinters 2000 (13. 1. 00) sowie des Steirischen Herbsts in Deutschlandsberg (13. 9. 00) (Textfassung) sehen können. Die nächste Gelegenheit bestand am 13. bis 15. April 01 innerhalb der literarischen Ostern in Luzern. Und da die aus dem Internet hervorgegangene Theateraufführung am Ende nicht als Videoaufnahmen ins Internet gestellt wird, muss man sich schon richtig auf dem Weg machen, um zu sehen, wie das Werk der vielen Köche am Ende aussieht. Da dieses intermediale, interaktive und multistationäre Werk nicht nur rechtschaffend avantgardistisch, sondern auch äußerst unterhaltsam ist, lohnt der Weg allemal.


home