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"Das Buch ist tot! Es lebe das Buch!"
Beat Suter
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Ausführliche Einsichten, aber wo bleiben die neuen Hyperfictions?

Die Stärken von Douglas Buch liegen eindeutig dort, wo sie den Leseprozess bei Hyperfictions anhand von kommentierten Lesebeispielen sorgfältig aufzeigt und dabei in die Tiefen der Details hinabsteigt. Schritt für Schritt deckt sie auf, wie eine Hyperfiction wie Afternoon, a Story oder eine interaktive Narration wie Titanic: Adventure out of Time gelesen und interpretiert werden kann. Der Leser erfährt so nicht nur einiges über die Primärtexte selbst, sondern auch über unterschiedliche Lesedurchgänge, repetitives Lesen, graduelle Entwicklung von Narration, verborgene Barrieren, vermutete zentrale Texteinheiten, die Anzahl der möglichen Enden oder die mögliche Entwicklung einer Strategie zum Abschließen seiner Lektüre. Als eine weitere Stärke erweist sich die anfangs erwähnte klare Unterscheidung in Hyperfictions und Interaktive Narrationen. Denn trotz der Zurückhaltung von Douglas gegenüber Spielen werden multimediale interaktive Narrationen genauso wie textbasierte Hyperfictions in ihre Untersuchungen mit einbezogen und liefern nicht zuletzt dank ihrer klaren Struktur und Verständlichkeit erstaunlich viele anschauliche Beispiele und Argumente.

Doch Douglas interessiert sich lediglich für ausgewählte Abenteuerspiele, die als komplexe Narrationen angelegt sind. Ein Einbezug von oder eine Abgrenzung zu den anderen Genres sowie zu qualitativ weniger hoch stehenden Spielen findet nicht statt. Douglas wählt für ihre Lesestudie zwei hochnarrative Spiele aus dem großen Fundus der PC- und Videospiele aus. Dasselbe Vorgehen wählt sie bei den Hyperfictions: die Autorin pickt sich auch da im Grunde zwei komplexe 'seriöse' Hypertexte heraus zwecks genauen Studiums. Hierbei ist kritisch zu vermerken, dass Douglas lediglich bekannte 'ältere' amerikanische Hyperfictions berücksichtigt, die sämtlich im Autorenprogramm Storyspace geschrieben und in der ersten Hälfte der neunziger Jahre bei Eastgate auf Diskette veröffentlicht wurden. Von den zahlreicheren webbasierten Hyperfictions ist im ganzen Buch nirgends die Rede. Ganz zu Beginn wird kurz auf Geoff Rymanns »Hypertext-Roman« (S. 11) 253. A Novel for the Internet about London Underground in Seven Cars and a Crash (1996) verwiesen (Review), wohl nur, weil eine Printversion (1998) existiert, die Bekanntheit erlangte. Nichtamerikanische Hyperfictions und Hyperfictions, die nach 1996(!) entstanden, werden außen vor gelassen. Dies gilt selbst für die neueren webbasierten Texte von Michael Joyce wie On the Birthday of the Stranger (1999), Lasting Image (mit Caroline Guyer; 1999) und Reach (2000), die sich zumindest anböten, um die Weiterentwicklung des Genres anhand des einzigen Hyperfiction-Autors zu zeigen, der im internationalen Literaturbetrieb einen Namen erlangt hat.

Und schließlich darf man auch kritisch anmerken, dass Douglas in ihrem Buch weder literarische noch kritische Werke in anderen Sprachen als Englisch berücksichtigt. Dies, obwohl beispielsweise die deutschsprachige Szene seit einigen Jahren dynamischer und experimentierfreudiger ist als die angloamerikanische und sowohl mit literarischen Werken wie Susanne Berkenhegers Hilfe! (Review) Reinhard Döhls und Johannes Auers Experimenten in Kill the Poem oder Guido Grigats 23:40 (Review)als auch mit theoretischen Erörterungen wie in Roberto Simanowskis einzigartiger Online-Fachzeitschrift Dichtung Digital, der erstaunlichen Datensammlung zur Netzwissenschaft von Reinhold Grether, Heiko Idensens Projekt Odysseen des Wissens und diversen Projekten an den Universitäten München, Siegen, Kassel, Zürich und Wien – um nur einige zu nennen – viel Überzeugendes zum Thema zu bieten hat.

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Rezensiertes Werk: J. Yellowlees Douglas: The End of Books - or Books without End? Ann Arbor: University of Michigan Press 2000.

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Dieser Beitrag erschien leicht verändert und ohne Verlinkung zuerst im Jahrbuch für Computerphilologie 3/2001 (Hg. v. Georg Braungart, Karl Eibl und Fotis Jannidis) der Universität München. 

 


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