Die Schwierigkeit ist aber auch nicht, Ordnung und Wahlfreiheit innerhalb der Modi auszubalancieren, sondern die globale Zeitstruktur trotz Wahlfreiheit zu gewährleisten.
Diese globale Zeitstruktur ist komplexer als in den zuvor beschriebenen Adaptionen. Ihre Komplexität zeigt sich schon an der Tatsache, dass es hier neben der Zeit der Geschichte (Ronjas Aufwachsen bis ca. zu ihrem elften Lebensjahr) eine weitere Zeitebene gibt. Das Verhältnis beider Zeitebenen ist aber keine feste Größe wie wir es von der erzählten Zeit und der Erzählzeit narrativer Artefakte kennen. Vielmehr wird es durch die jeweilige individuelle Rezeption mitbestimmt - zumindest in Bezug auf die Kategorien Dauer und Frequenz. Stabil ist hingegen die Ordnung beider Zeitebenen. Sie wird durch Mechanismen garantiert, die ähnlich funktionieren wie die Knotenpunkte eines Adventures: haben Spielende einen dieser Knotenpunkte überwunden, erreichen sie das nächste Level. Mit solchen Knotenpunkten werden an zentralen Stellen die sonst unverbunden nebeneinander stehenden Zeitebenen der Geschichte und der Rezeption verknüpft. Für RONJA RÄUBERTOCHTER bedeutet das, dass sich mitunter keine weitere Handlungsoption ergibt, bevor ein bestimmter narrativer Inhalt rezipiert worden ist. Diese Abfolge von Erlebnis und Handlungsmöglichkeit, die wieder zu einem Erlebnis führt, worauf sich eine neue Handlungsmöglichkeit ergibt usw. findet statt in einer fixen, immer gleichen zeitlichen Ordnung. Das bedeutet konkret, dass sich die Spielfigur Ronja durch den gesamten Spielraum bewegen kann, ohne eine Handlungsmöglichkeit aufzutun. Diese ergibt sich erst, wenn ein bestimmtes Stück Narration - etwa der Streit mit Birk - rezipiert worden ist.
So wurde in RONJA RÄUBERTOCHTER das Problem der Verknüpfung von Spiel- und Narrationsprinzipien durch Aufgreifen bewährter Adventuremuster gelöst. Immerhin ein achtbarer Versuch, das Dilemma der Kinder- und Jugendliteraturadaptionen hinter sich zu lassen. Dennoch muss man sich klar machen, dass diese Lösung mit einer Einschränkung der Wahlfreiheit der Rezipierenden einhergeht. Denn die Rezipierenden verfügen nicht über so zahlreiche Handlungsoptionen wie bei Adaptionen, die sich völlig der Struktur des Regelspiels verpflichten.