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"Unreality": Raum als Subtraktion von Welt
  Beat Suter
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IV

Die Schattenwelt

„Unreal“ wird in Wörterbüchern als „unwirklich, wesenlos, nur eingebildet“ übersetzt. Der Oxford Dictionary enthält darüber hinaus eine Shakespearesche Referenz (1605), in der ein „horrible shadow“ als „unreal“ bezeichnet wird sowie in einem zweiten Fall in Zusammenhang mit „mockery“ (Spott) erwähnt wird [17]. „Real“ dagegen steht für „wahr, echt, wirklich, tatsächlich, faktisch, objektiv, real, dinglich“. Der Oxford Dictionary paraphrasiert „real“ als: „having an objective existence, actually existing as a thing 1601“ [18]. Dass es eine Realität gibt, scheint also per definitionem eindeutig festzustehen (obwohl z. B. Slavoj Zizek da anderer Meinung ist – und dies durchaus einleuchtend zu erklären vermag). Gibt es aber auch eine „Unrealität“? Eine „unreal world“ die quasi als „horrible shadow“ stets ebenfalls vorhanden ist? Eine „unwirkliche Welt“, eine Schattenwelt, eine Negativwelt? Ist es vielleicht möglich, den „Cyberspace“ ähnlich wie die Welt des „Unreal Tournament“ als eine Schattenwelt zu bezeichnen?

William Gibson, der mit seinem Roman „Neuromancer“ bereits 1984 den Begriff Cyberspace prägte und bekannt machte, spricht vom Cyberspace als einem Informations- und Kommunikationsraum, wo sich Menschen einer gemeinsamen Halluzination hingeben:

„Cyberspace. Eine Konsens-Halluzination, tagtäglich erlebt von Milliarden zugriffsberechtigter Nutzer in allen Ländern, von Kindern, denen man mathematische Begriffe erklärt, ... Eine grafische Wiedergabe von Daten aus den Banken sämtlicher Computer im menschlichen System. Unvorstellbare Komplexität. Lichtzeilen im Nicht-Raum des Verstands, Datencluster und –konstellationen. Wie die zurückweichenden Lichter einer Stadt ...“ [19]

Als Basis des neuen Cyberraumes wird ein gemeinsamer Daten- oder Welt-Raum vorausgesetzt, an dem sämtliche elektronischen Speicher teilhaben. Zwischen diesem Raum in Gibsons Neuromancer und dem realen Raum findet eine relativ übergangslose Ablösung statt, wobei stets eine physische Beziehung zum im realen Raum zurückgelassenen wartendenden Körper bestehen bleibt [20]. Das „Unreale“ ist stets mit dem „Realen“ verbunden oder besser verflochten („intertwined“); der physische Körper muss in der Realität zurückgelassen werden, damit in der „Unrealität“ ein neuer Körper als Körperabdruck, eine Extension des in den Cyberspace eingetretenen Ichs aufgebaut werden kann. Gibson spricht andernorts von Cyberspace auch als von einer expandierenden Realität. So kann der Cyberspace nicht zuletzt als eine sich weiter entwickelnde Matrix verstanden werden, die lediglich mittels brauchbarer Schnittstellen sichtbar gemacht werden muss und in der das Ich sich eine neue Identität aufbauen kann, die auf Differenz und Redundanz beruht.

Case, eine Figur aus Gibsons Romanen bezeichnet während des Prozesses des Eintretens in den Cyberspace diesen als „seine distanzlose Heimat, sein Land“. Die Schattenwelt, die hier zur Heimat wird und sich in die Unendlichkeit auszudehnen scheint, entfaltet sich wörtlich für die Figur Case und führt dabei zur Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Vitrualität, wie das auch einige Jahre später visuell und narrativ von Filmen wie „Matrix", „Cube" und „eXistenZ" eindrücklich ausgeführt wird. Die Stelle bei Gibson lautet:

„Jetzt ...
die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zu einer hellgrauen Kugel. Dehnte sich aus ...
Und strömte, erblühte für ihn. Wie ein Origamitrick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, das sich in die Unendlichkeit dehnte.“
[21]


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