www.dichtung-digital.com/2002/03-20-Bachmann.htm


Die Erfahrbarkeiten hyperfiktionaler Lektüren
  Christian Bachmann
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6



<Disclaimer>
Ich möchte mich hier nicht an der ausufernden Begriffsdefinition beteiligen, ob es sich bei Hyperfiktionen nun um Texte im Netz oder über das Netz, um Online-Literaturen oder multimediale Texte handelt, sondern auf die Wesenszüge und Wirkungsweisen ihrer Inhalte zu sprechen kommen, wenn diese erschlossen werden.
</Disclaimer>

Hyperfiktionen sind in Hypertext geschriebene Erzählwelten und weisen durch ihre verteilten Texteinheiten eine räumlich rhizomatisch anmutende Struktur auf. Dennoch gibt es bei ihnen durch die Verbindung zum technischen, hierarchisierten Medium, in welchem sie existieren, zwingend auch dichotomisch verzweigte Strukturen, wobei diese beiden unterschiedlichen Systeme durchaus koexisitieren können und müssen, um einer Hyperfiktion als einer 'spannenden' Lektüre gerecht zu werden, denn eine Hyperfiktion zu lesen bedeutet auch, sich an gewissen Stellen darüber klar zu werden, welche Vorstellungen man mit einer Textstelle verbindet. Diese erzwungen reflektierten Phasen gewinnen bei den Online-Texten eine grössere Bedeutung. Diese Momente werden im Verlauf der Lektüre zusätzlich durch die Erfahrung mit einem Text, welche mit dem leserseitig initiierten Wachstum der zu erschliessenden Erzählung identisch ist, verändert.

Das Rhizom – der Modell-Begriff von Deleuze/Guattari als viel zitierte, beinahe schon inflationär verwendete Analogie für netzartig funktionierende (auch sprachliche) Gefüge – kann zwar mitunter auch unmittelbar dichotomisch wachsen, aber es funktioniert primär aus Zusammensetzung seiner Vielheit heraus. Das Rhizom, um es hier nochmals zu präzisieren, ist ein System von Querverbindungen, welches durch die wachsende Komplexität seiner inneren Bezüge beliebig komplex werden kann, weil sich sein Potential an Bewegungsmöglichkeiten mit jeder Aktion exponentiell verändert. Was lässt sich nun aber aufgrund dieser Definition über die Erfahrbarkeit hyperfiktionaler Lektüren sagen?


In Hyperfiktionen entspricht jede Verzweigung über einen Hyperlink zu einer Textstelle einer Text-Leser-Interaktionsstelle: Absprung [1] oder Weiterführung. Dieser Sprung beinhaltet zwei Komponenten: Er ist a) funktional-existenziell eine Anweisung des technisch-syntaktischen Verweisapparates, der in seiner Definition in der Programiersprache HTML (Hypertext Markup Language) seine funktional einzig korrekte Definition findet und b) ein narrativer Verständnistext. Im ersten Falle entspricht der Verweisapparat einem hierarchisierten, binären Gefüge (0 oder 1 im hexadezimal arbeitenden Computersystem), welches in seiner Syntax keine semantischen oder semiotischen Freiheiten erlaubt, sondern klare Ablaufschemen definiert. Da die Hyperfiktion im technischen Medium erstellt wird, hat sie dessen Gesetzen der Darstellung (also der Formgebung) und somit natürlich deren Syntax strikte zu folgen. Dies ist gewissermassen die Sicht auf das Textkonstrukt, nach Espen Aarseth die Sicht auf die Texton-Strukutren [2].

In dieser Betrachtung entspricht das Textobjekt Hyperfiktion einem gesamtheitlich möglichen Gebilde mit allen systemisch verankerten Verbindungsmöglichkeiten von Textteilen. Es ist also eine abstrakte Sicht auf eine Art Gesamttext als Konstrukt, verankert im Medium seiner Form. Die Verbindungen sind natürlich endlich, weil ein Autor diese Verbindungen einmal angelegt hat und seiner Leserschaft als finales, abgeschlossenes Werk zur Verfügung stellt, ohne dass er an der Struktur noch etwas ändert (hiervon ausgenommen sind interaktive Mitschreib-Projekte, die etwas anders funktionieren und allenfalls in den effektiven Bestand an Textons eingreifen können).

In ihrer vorliegenden technischen Form beschreibt die Hyperfiktion also ein überschaubares, endliches Objekt mit einer fix definierten Anzahl an Verzweigungspunkten. Und dadurch, dass es ganzheitlich betrachtet wird, gibt es sehr wohl eine erste Textseite der Lektüre und eine oder mehrere ersichtliche letzte Seiten einer Erzählkonstruktion. Aus dieser Sicht betrachtet ist die Hyperfiktion in seinen Texteinheiten hierarchisiert, immer binär verzweigt und final. Es ist ein dichotomischer Baum, wie sie entsprechende Textverarbeitungsprogramme darstellen würden. Die Hyperfiktion beinhaltet alle Kriterien der abgeschlossenen Form eines Textobjekts; die 'Ariadnefäden' aller Textpfade sind dem Labyrinth Hyperfiktion also bereits syntaktisch eingeschrieben. Wo also liegt das Problem? Es gibt eben noch eine andere, unmittelbare Betrachtungsweise von hyperfiktionalen Strukturen, eine unmittelbare Erfahrbarkeit der Lektüre: die reine rezeptive oder Leser-Sicht.


1 > 2 - 3 - 4 - 5 - 6