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Die Sprache der neuen Medien lesen und schreiben?
  Heiko Idensen
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Rezensiertes Werk: Lev Manovich: The Language of New Media, Cambridge, Massachussetts and London, England: MIT Press 2001.


Prolog: Statt Schreiben und Lesen: «information behavior»

Wenn man das Buch nicht kaufen will, könnte man sich stattdessen den Gesamttext des Buches aus dem Internet downloaden, dazu frühere Versionen und auch Entwürfe für gerade in Arbeit befindliche Artikel und Bücher, updates, visuelles Material …. [2]

Auch diese Rezension ließe sich leicht aus dieser Fülle von im Netz verfügbaren Materialien zusammenbasteln, ohne das Buch überhaupt gelesen haben zu müssen, oder noch besser: jeder Leser könnte seine eigene Version zusammenschreiben …

Will man eine mediengerechte Rezeptionsweise praktizieren und sein eigenes «Informations-Verhalten» [3] dem Gegenstand gemäß verändern:

«Like other concepts of information society such as software, data, and interface, the concept of information behavior can be applied beyond specific information activities of the present, such as our usage of a Palm Pilot, Google or a metro system. It can be extended into a cultural sphere and also projected into the past. For instance, we may think about information behaviors used in reading literature, visiting a museum, surfing TV, or choosing which tracks to download from Napster.»

So könnte es angesagt sein, sich Dziga Vertovs «Mann mit der Kamera» aus dem Jahre 1929 zu besorgen und diesen Film im Hintergrund laufen zu lassen, während man parallel dazu im Netz surft. Stills aus diesem Film schmücken den Prolog «Vertov’s Dataset» [4], der einen visuellen Index zu den wichtigsten Ideen und Themen des Buches darstellt und – zusammen mit dem Schlußkapitel zum digitalen Film – als zentrale thematische Klammer die Kinotheorie medienadäquat als Text-Bild-Essay in Szene setzt.

Die Leserin hätte sich dann zumindest schon einmal eine ideale Rezeptionsumgebung geschaffen, die sich in einer Koexistenz verschiedener Medienströme und Informationsfenster abspielt. Ein solches Multitasking verschiedener Prozesse habe (und jetzt lese ich Manovichs Buch aus …) die noch im 20. Jahrhundert vorherrschende ästhetische Technik der Montage, mittels derer der Zusammenprall verschiedener Realitäten als Schock verarbeitet wird, abgelöst zugunsten einer Kopräsenz verschiedener Realitäten, Realitätsebenen, Interfaces, Programmfenster, in denen eben gerade verschiedene Medientracks erst einmal darauf warten, überhaupt wahrgenommen zu werden:

Es würde also nichts nützen, das Buch zu totalisieren, oder es gar für ein priviligiertes Fenster / Interface für Theorie – insbesonders für Medientheorie zu halten.

Indem wir Manovichs Buch aufschlagen, öffnen wir Fenster in Fenstern, durchqueren wir verschiedene Schichten historischer Medien-, Interface- und Software-Entwicklung.

Der visuelle Index verweist gleichzeitig auf die Medialität des Buch-Körpers und sucht ihn gleichzeitig zu überschreiten:

«Wie aber steht es um die Unbeweglichkeit des Körpers in der Virtuellen Realität, die sie mit der Tradition des Bildschirms verbindet? […]. Überall um uns können wir jetzt die Zeichen einer wachsenden Mobilität und einer Miniaturisierung der Kommunikationsmittel beobachten – Mobiltelefone und Modems, Drucker und Laptops. Vielleicht wird das VR-System eines Tages auf einen Chip reduziert, der in die Retina implantiert und mit dem Netz durch einen drahtlosen Sender verknüpft ist. Von diesem Augenblick werden wir unser Gefängnis mit uns herumtragen - nicht um glücklich Repräsentationen mit Wahrnehmung wie im Kino zu verwechseln, sondern um stets erreichbar, stets verbunden, stets "eingestöpselt" zu sein. Die Retina und der Bildschirm werden miteinander verschmelzen. Dieses futuristische Szenario wird vielleicht niemals Wirklichkeit werden. Gegenwärtig leben wir ganz deutlich in einer Gesellschaft des Bildschirms. Die Bildschirme sind überall: die Bildschirme in den Agenturen der Fluglinien, die der Angestellten, die Daten eingeben, die der Sekretäre, Ingenieure, Ärzte, Piloten etc.; die Bildschirme der ATM-Maschinen, der Supermarktkassen, der Instrumentenanzeigen in den Autos, der Computer. Auch wenn der Bildschirm dynamisch und interaktiv ist sowie in Echtzeit darstellt, bleibt er doch noch immer ein Bildschirm. Interaktivität, Simulation und Telepräsenz - wie seit Jahrhunderten schauen wir noch immer auf eine flache, rechteckige Oberfläche, die sich im Raum unseres Körpers und Handelns als ein Fenster in einen anderen Raum befindet. In welches Zeitalter wir auch immer eintreten werden, so haben wir doch das Zeitalter des Bildschirms noch nicht verlassen.» [5]

Avantgarde als Software?

Also: trotz aller medialen Emergenz: hinter den Textfenstern des Buches läuft immer auch ein Film, spielen sich Suchläufe in Google ab … können wir die Sprache der neuen Medien überhaupt lesen?

Als Hauptdrehmoment in der Herausarbeitung kunsthistorischer Begründungen der im Buch entfalteten Idee einer «Avantgarde als Software» [6] fungieren immer wieder Beispiele aus avantgardistischer Filmkunst (Eisenstein, Greenaway, Godard, Rybcynski) – ohne dabei allerdings oberflächlichen Analogiebildungen und Metaphern visueller Kulturtechniken zu verfallen.

«So gehört etwa die avantgardistische Strategie der Collage als ’Cut and paste’, Ausschneiden und Einfügen, heute zu den grundlegendsten Operationen im Umgang mit Computerdaten. [...] Die dynamischen Fenster, Pull-down-Menus und HTML-Tabellen erlauben es dem Nutzer, auf einer räumlich begrenzten Bildoberfläche mit einer nahezu unbegrenzten Menge an Daten und Information gleichzeitig zu arbeiten. Diese Strategie wurde bereits 1926 von Lissitzky eingesetzt, der in seinem Ausstellungsdesign für die internationale Kunstausstellung in Dresden bewegliche Rahmen verwendete.» [7]

In einer radikalen Schnitttechnik gelingt es Manovich, diese avantgardistischen Teckniken, mühelos auf die Operationen auf den Oberflächen der Hypermedien zu übertragen:

«Durch die Einführung der Computer-Software ist es heute nicht mehr notwendig, den Erstellungsprozeß eines beliebigen Medienobjektes immer wieder bei Null zu beginnen. Die Computerkultur bietet eine sehr effizientere Methode: Hier werden Medienobjekte im allgemeinen aus bereits erstellten Elementen kreiert, etwa aus Icons, Texturen, Videoclips, 3D-Modellen, ganzen Animationssequenzen, gebrauchsfertigen virtuellen Zeichen, Javascript-Code-Elementen oder Director-Lingo-Scripts.

Die wildesten atomistischen Phantasien von Kandinski, Rodtschenko, Lissitzky, Eisenstein und anderen 'Atomisten’ der zwanziger Jahre werden wahr, wenn Computerbenutzer beispielsweise mit einer Webseite interagieren, durch einen virtuellen Raum navigieren oder ein digitales Bild untersuchen.» [8]


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