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Die Sprache der neuen Medien lesen und schreiben?
  Heiko Idensen
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Kulturtheoretiker, Programmierer und Anwender: eine Kampffront!

Hier kommen erfreulicherweise Manovichs Mehrfachkompetenzen zum Tragen: eben Theoretiker und Praktiker zu sein, Kulturtheoretiker und Programmierer, Anwender entsprechender Softwarepakete. Dadurch kann er auf verschiedenen Ebenen für transversale Durchquerungen sorgen:

Er kann die «Avantgarde als Software» anwenden, kann Photoshop-Filter als philosophische Operationen lesen [17], oder den Aufbau im Editing-Fenster des Autorenprogramms Macromedia Director im Kontext der Entwicklung der Filmsprache vom Avantgardefilm über den Experimentalfilm bis hin zum Digitalen Film betrachten.

Solche Theorie/Praxis-Oszillationen gehören zu den Stärken der Echtzeit-Theorie-Versuche [18] Lev Manovichs, wenn sie auch gelegentlich etwas ’flach’ geraten: etwa die Begründung der «flachen Struktur des World Wide Web» aus der »amerikanischen Ideologie der Demokratie mit ihrer panischen Angst vor Hierarchien» oder der Begründung der enthierarchisierten Räumlichkeit in Virtuellen Räumen durch die «Abwesenheit einer einheitlichen Perspektive in der amerikanischen Kultur» (Navigable Space, S. 194)

Aber vielleicht sollte man solche ’Querverweise’ wiederum nicht zu wörtlich nehmen, sondern einfach sehen, wie man damit arbeiten kann!

Trotzdem leisten solche Bezugnahmen Unschätzbares für einen kulturellen digitalen Diskurs, indem überhaupt erst einmal Bezüge hergestelt werden zwischen kulturellen Paradigmen und Software-Optionen, sowohl auf Seiten der Produzenten als auch auf Seiten der Rezipienten, was dann letztlich in den in meinen Augen sehr produktiven Begriff der «kulturellen Software» mündet.

Kulturelle Software

In diesem Kontext wird dann auch der navigierbare Raum weder, wie in von Kulturtheoretikern bevorzugten Denkmodellen, als Ende einer historischen Epoche überinterpretiert, noch einfach, wie häufig ahistorisch von den Apologeten der Neuen Medien hypostasiert, einfach als Anfang einer vollkommen neuen Entwicklung dargestellt, sondern als ein kulturelles Interface analysiert, das, intermedial und interdisziplinär mittels bestimmter Softwareoperationen avantgardistische künstlerische Raumkonzepte umsetzt:

«Theoretisch wie praktisch bedeutet der navigable space eine neue Herausforderung. Statt nur die Topologie, die Geometrie und die Logik eines feststehenden Ortes zu bedenken, sollten wir den neuen Funktionsmodus des Raumes in der Computerkultur genau beachten: nicht als Fläche, sondern als eine vom Subjekt erfahrene Flugbahn.» (Navigable Space, S. 205)

Hier schlägt Manovich einfach neue Fährten in die ausgetretenen Pfade der Medientheorie! [19]

Er bietet auch durchaus verschiedene Lesarten/ Levels an: etwa die aktive Raumerkundung in den virtuellen Räumen der Computerspiele einerseits in seiner kulturellen Funktion als eine Selbstentdeckung und Charakterbildung in der Traditionslinie amerikanischer Erzählweisen [20] oder als eine Programmierung des «mobiliserten virtuellen Blickes» (Navigable Space, S. 199), eine Wahrnehmungsform die vom Flaneur, vom Panorama, der Fotographie und dem filmischen Blick abgeleitet wird. Aus der Perspektive der Interface-Entwicklung also vom Kamera-Auge, von der Datenbank des Stadtlebens und den digitalen Interface-Funktionen gleichzeitig!


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