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Esther Hunzikers Projekt-Galerie "un focus"
Ein tilgungsloses Palimpsest und andere medienkritische Stücke

von Roberto Simanowski

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Auf dem Bildschirm erscheint das Wort Etikettierungsvorgang, zugleich hört man ein Geräusch, dessen Quelle sich nicht ausmachen lässt. Ein wiederkehrernder Vorgang jedenfalls; vielleicht der Sound einer Etikettierungsmaschine. Liegt ein Link auf dem Wort? Nein. Aber die Bewegung der Maus dorthin erzeugt weitere Etikettierungsvorgang-Wörter auf dem Bildschirm. Wo auch immer man die Maus stoppt, erscheint das Wort neu. So etikettiert man schnell den ganzen Bildschirm.

Da der Maus-Pfeil beim Etikettieren zur Hand wird, muss es hier einen Kontakt geben. Der Klick erbringt einen neuen Text an der gleichen Stelle. Dieser lautet: "[Image] ohne Vorstellungen". Und wieder setzen sich diese Wörter nieder, wo auch immer man die Maus ruhen lässt. Der erneute Klick führt zu: "aufeinanderfolgender, numerisch verschiedener Impressionen mit ihrer vslligen Gleichheit vermsge des unmerklichen †bergangs der Phantasie von der einen zur anderen". Und natürlich kopiert sich auch dieser Text bis zum nächsten Klick. Die anderen, noch verborgenen Texte lauten: "[Image] Schspferischer IdentitStsverlust [Image]", "[Image]", "kein ich - ohne ich", "nichts Einfaches und Kontinuierliches, was diese Vorstellungen hat", "[Image] Es ist nur eine Illusion. Es ist nur ein Behelf", "und Sprachkrise", "Erfahrung als Problem", "Kritik des Kraftsbegriffs !ber abstrakte Ideen. Die Wirklichkeit der Au§enwelt" - dann wieder: "[Image] ohne Vorstellungen".

Hat man die Ratlosigkeit, die dieser Vorgang zunächst auslöst, überstanden, kann man ihn wie folgt beschreiben: Texte lagern sich ab, wo immer man die Maus ruhen lässt, machen so die unterliegenden Texte und sich selbst zunehmend unlesbar. Wenn jede weiße Stelle des Bildschirms belegt ist, kann man nichts mehr entziffern. Es handelt sich also um ein Palimpsest, das die Überschreibung ohne Tilgung des drunterliegenden Textes durchführt und so das Vorangegangene im Aktuellen sichtbar hält. Es ist klar, dass so auch das Aktuelle unzugänglich wird. Eine Parabel auf das Internet, in dem nur bestehen kann, wer vergisst, was er noch gestern gelesen hat? Die einleitenden Worte scheinen dazu schon Auskunft zu geben: "Irregular - Focus - Never - Unfocus - No Rules - New Focus". So ambivalent das auch gelesen werden kann, die Rede ist in jedem Fall vom Ja und Nein des Fokussierens; und von der Regellosigkeit.

Oder man versteht das tilgungslose Palimpsest als Hinweis auf die begrenzten Ressourcen an Lesefläche und an Lesezeit. Dem User obliegt es, mittels sparsamer Mausbewegung und Klick-Aktivität Text für Text so auf dem Bildschirm zu plazieren, dass alle lesbar bleiben. Wer die Texte dann auch noch so organisieren kann, dass ihre räumliche Ordnung (zum Beispiel von oben links nach unten rechts) der Ordnung ihres zeitlichen Erscheinens entspricht, darf sich Spielmeister nennen. Denn handelt es sich nicht um ein Computerspiel der besonderen Art? Je geschickter, um so mehr Text. Man könnte sich auch Schriftmeister nennen lassen, oder eben Meister der Etikettierung. 

Das Stück scheint auf die Grenzen aufmerksam machen zu wollen, die der Ausbreitung von Informationen auch in diesem Medium gesetzt sind. Dies aber ist absurd, denn nirgendwo ist soviel Platz wie im Web. Es kann nur um den Raum im Leser gehen, auf dessen Grenzen das Medium trifft. Wer mit schneller Maus und leichtem Klick frisch drauflos navigiert, weiß schließlich nicht mehr, was aus welcher Quelle er eigentlich aufgenommen hat - und vergisst, ohne wirklich gewusst zu haben. Das geschieht alle Tage, was Bildungspolitikern reichlich zu denken gibt. Da in Hunzikers Werk die Links nicht wie gewohnt ersetzen, sondern addieren, wird dieser Umstand der Überschreibung schließlich in einem unlesbar gewordenen Text auch SICHTbar.

So liegt eine digitale Version der konkreten Poesie vor, die ihre Botschaft intermedial vermittelt: Was der Text aufbringt erfährt seine Weiterführung und Erklärung als Bild. Und durch das Bild der überlappenden Texte erhalten auch deren Stichworte ihren Sinn: "[Image] Schspferischer IdentitStsverlust [Image]"; "und Sprachkrise"; "[Image] ohne Vorstellungen". Im ersten und letzten Falle wird die Intermedialität selbst zum Thema, und zwar in doppelter Weise. Zum einen - im ersten Falle - kann man "[Image]" als textexternen Text auffassen, als Stellvertreter für ein Image, der darauf verweist, dass in den digitalen Medien auch das Image auf alphanumerischem Code beruht und somit eigentlich alles, was digital ist, Text ist. Zum anderen - im letzen Falle - kann man "Image" als Teil der sprachlichen Botschaft auffassen, die sich als Kommentar auf die kognitive Konsequenz der medialen Konstellation liest: Image ohne Vorstellungen. Diese Vorstellunsglosigkeit ist in vielerlei Hinsicht Markenzeichen des Internet: Nicht nur, dass die zunehmende Visualisierung auf der Bildschirmoberfläche das Textmedium zunehmend der Schrift beraubt. Die innere Vorstellung ist auch bedroht, wenn etwa die Intertextualität des Links auf der Bildschirmoberfläche die Intertexualität der Assoziationen im Kopf des Rezipienten ersetzt.

Die Ironie liegt freilich darin, dass Hunziker selbst ein ästhetisches Verfahren einsetzt, das die kognitive Leistung im Anschaulichen aufhebt. Die Etikettierung, von der der Titel spricht, wird zum Image, sie schreibt sich selbst als Bild. Als wollte sie, worüber sie nicht sprechen kann, malen.  


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