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Ein
Beispiel: Der Tag beginnt mit drei unverständlichen
E-Mail-Botschaften. Zu 20 Prozent gelingt es, sie zu
entschlüsseln und beantworten. Eigentlich würde
ich lieber eine andere Mail beantworten, die aber leider
noch gar nicht eingetroffen ist. Also erst mal zum Treffen
im Chat, wo schwierige Projektdetails geklärt werden
sollen. Computerabsturz verhindert Abschluss unserer
Verhandlungen. Noch offene Fragen werden auf weitere Mails
oder "Schaut auf meiner Website nach" vertagt. Leider ist
dort der Server down. In der Zwischenzeit können
weitere 70 Mails abgerufen werden. Diejenige, auf welche ich
warte, ist nicht dabei. Also die neu empfohlenen
Internetadressen prüfen ... wollen und nicht finden,
die nächsten 20 Mails abrufen, die die Korrekturen, der
zuvor empfohlenen Internetadressen enthalten. Die inzwischen
schon viel stärker erwartete Mail ist wieder nicht
dabei. Auf der Homepage des Betreffenden nachschauen, ob es
da einen Hinweis gibt. Am Telefon fragt eine, ob ich ihre
Mail bekommen habe. "Moment, ich schau kurz." Weitere zehn
Mails kommen auf den Bildschirm gesprungen. "Ja, deine ist
dabei." Die schon! Und die andere? Später vielleicht.
Draußen klappert der Postbote. Für mich hat er
einen Brief, der eine ausgedruckte Mail enthält. "Liebe
Frau Berkenheger, leider war Ihre Mailbox voll ..." Klar.
Ich muss ja noch die Kopien in meiner fünften
Sub-Mailbox löschen, rasch. Wie ging das nochmal? Die
Online-Hilfe aufrufen. Aha, die haben relauncht. Neue
Symbole! Hm. Weiter zum Index. Wenn "löschen" nicht
unter "löschen" zu finden ist, wie könnte es noch
heißen? "tilgen", "vernichten", "töten"??? Ah,
da! Gefunden. "Säubern" heißt die Parole. Also
jetzt sofort Säuberungsaktion ... starten ... und schon
passiert. Zehn Minuten später trifft auch die erwartete
Mail ein. Sie bouncte seit drei Tagen. Was für ein
Gefühl! Auf Hochseefischfang gewesen und einen einzigen
Hering heimgebracht.
Ja, der Netzalltag ist eine
Zumutung!
Wer viel Netzalltag erlebt,
dem scheint nicht selten die Zumutung, die die Netzliteratur
darstellt, die Zumutung des Netzalltags zu reflektieren.
Manchmal ist das gewollt, manchmal nicht. Der denkt: Ja
genau, so ist es, das Leben im Netz - und er schaut in die
Netzliteratur wie in einen Spiegel.
Erste
Zumutung
Die Schwimmmeisterin,
namensgebende Protagonistin der Geschichte, arbeitet in
einem so genannten Erlebnisschwimmbad mit so genannntem
Attraktionsbecken. Tolle Sache! Leute treiben dort an
Sprudeldüsen und anderen Spezialeffekten vorbei und
jauchzen, wenn sie auftauchen. Ein schöner
Arbeitsplatz, so frisch, so feucht, so fröhlich. Das
dachte die Schwimmmeisterin auch, bevor sie ihn das erste
Mal sieht: Ein finsterer Raum ohne Fenster, mit Monitoren,
die sie zu beobachten hat. In denen paddeln den ganzen Tag
Leute ohne Kopf vorbei. (Sie treiben vom Hals an
abwärts über den Schirm). Passen Sie auf, dass
keiner untergeht, sagt der Chef und verschwindet für
immer. Die Schwimmmeisterin bleibt allein in der Geschichte
zurück - mit einem öden Job am Hals.
Dem Praktikanten und Leser
der Geschichte wird es kaum besser gehen. Schwimmbad,
murmelt er und denkt an geblümte Bikinis, nasse
Schenkel, frühe Sommersprossen ... ja. Er will sich
gleich in die Fluten der Netzliteratur stürzen. Doch
die Schwimmmeisterin fängt ihn schon an der Kasse ab.
Praktikanten kommen mit mir! Jawoll, sagt er halblaut und
findet sich wieder in einem dunklen Raum vor einem Monitor.
Ah, ist das öd. Vor einem Monitor sitzen? So hat er
sich die Netzliteratur nicht vorgestellt. Ja glauben Sie
etwa ich?, entgegnet die Schwimmmeisterin und: Los jetzt!
Klicken! Damit wir weiterkommen. Ach, sagt der Praktikant
und streicht mit dem Cursor über den Nacken der
Schwimmmeisterin.
Zweite
Zumutung
Da passiert etwas. Aha! Der
Bösewicht taucht auf. Ha! Her mit dir, Gegenspieler,
ruft der Praktikant aus und will mit großer Geste den
Pfeil seines Cursors zücken. In kühnem Einsatz
würde er damit den Dämon durchbohren, er
würde die Schwimmmeisterin retten und ihr Herz
gewinnen. Das Netz würden widerhallen vom Ruhm des
Praktikanten. Ja! Und klick! Klickklick! Der Praktikant
schaudert. Klickklickklickklick. Der Praktikant ist genervt,
dann erschreckt, oder hilflos, äh, frustriert? - er
kann selbst nicht sagen, was, nur eins: Er hat die Gewalt
über seinen Computer verloren. Der Cursor reagiert
nicht mehr auf seine Zuckungen. Ist das demütigend! Die
eigene Machtlosigkeit schwer zu ertragen. So hat er sich die
Netzliteratur nicht vorgestellt! Ich schon!, entgegnet die
Schwimmmeisterin und schäkert mit dem Virus, der alles
kontrollierend über den Bildschirm springt. Den
Praktikanten hat sie schon fast vergessen.
Dritte
Zumutung
Der Praktikant will aber
nicht vergessen werden. Nicht von der Netzliteratur. So hat
er sich die nämlich nicht vorgestellt. Die
Schwimmmeisterin schweigt, schäkert weiter mit dem
Monitor. Der Praktikant will etwas. Die Netzliteratur soll
den Praktikanten anschauen. Und zwar sofort! Sie soll ihn zu
spüren bekommen, die Netzliteratur. Er könnte zum
Beispiel den Computer ausschalten. Das wäre krass, eine
spektakuläre Aktion. Ja! Jaja! Nur, wer jubelt ihm dann
zu? Und wollte er nicht den Virus aufjaulen sehen, die
Schwimmmeisterin retten und ihr Herz gewinnen? Während
er über seine Möglichkeiten sinnt, verpasst er die
eine, die er hat. Bist du bereit? wird er gefragt. Schon,
aber wozu? Während er noch verwirrt der Frage
hinterherdenkt, spießt er aus Versehen die
Schwimmmeisterin auf. Oje. Das wollte er nicht. Er
schwört's. Er ist unschuldig. Die Schwimmmeisterin
sieht das nicht ganz so. Immerhin ist jeder 20. Praktikant
so schnell, so vif, so glücklich, dass er die
Schwimmmeisterin rettet und stattdessen eine andere Person
der Geschichte aufspießt. Tolle Sache. Für die
Netzliteratur. Denn dadurch geht sie noch ein Stückchen
weiter.
Vierte
Zumutung
Harte Sache für die
Schwimmmeisterin und ihren Praktikanten. Sie trauernd, er
schuldgeplagt, kreisen die beiden in einer traumatischen
Erlebnis-Wiederholungsschleife, wo sie doch nichts
ungeschehen machen können. Wo nur die Löcher (im
Text) immer tiefer werden und der tote Körper immer
kälter. Die Frage ist, wen zermürbt es wohl
zuletzt. Ein öder Job wird noch öder, am
ödesten. Wer weiß, ob durchhalten überhaupt
lohnt, ob irgendwas noch folgt. Vor allem: Ob irgendein
Praktikant das je erfahren wird? Das ist bescheuert. Noch
bescheuerter ist, dass dazu nirgendwo wer was sagt.
Geheimnis! Codewort! Es spritzt ein wenig. Die
Schwimmmeisterin lächelt. Der Virus ruft: Schau halt
auf die Übersichtskarte! Die aber dürfte nichts
anderes als die ...
Fünfte
Zumutung
... sein.
Kleingedrucktes
Das wär's auch schon
gewesen, gäbe es da nicht noch eine weitere, winzige
Zumutung, kaum der Rede wert, denn die erleben nur jene
wenigen Praktikanten, die nicht mit PC und Internet Explorer
surfen, die eine andere Auflösung als 1024 mal 768
Pixel eingestellt haben, und jene Paniker, die ihre Cookies
deaktiviert haben. Wer ist das schon? Okay. Ich kenne
Menschen, die haben einen Mac und die gehen damit ins
Internet. Es sind meist stolze Naturen. Zurecht. Sie sollten
jubilieren und ihrem Sicherheitsdienst gratulieren. Der
würde nämlich die Schwimmmeisterin binnen Sekunden
in Handschellen abführen anstatt brav ihre Befehle
auszuführen. Auch Netscape, der Browser, und seine
Kollegen, Opera und Konsorten, sind sture Böcke und
lassen die Schwimmmeisterin allenfalls gefesselt und mit
verbundenen Augen ins Bad. Das wiederum behagt der gar
nicht. Denn die Schwimmmeisterin ist autoritär,
sektiererisch und monopolistisch zugleich. Genau wie
mitunter das Netz selbst.
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