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Schwatzhafter Schriftverkehr
Chatten in den Zeiten des Modemfiebers*

von Uwe Wirth

"Daß sie anstatt den Hut zu ziehen, mit dem Hallo der vertrauten Gleichgültigkeit sich begrüßen, daß sie anstatt von Briefen sich anrede- und unterschriftslose Inter office communications schicken, sind beliebige Symptome einer Erkrankung des Kontakts. Die Entfremdung erweist sich an den Menschen gerade daran, daß die Distanzen fortfallen" (Adorno 1969: 44).

Die Frage nach der Praxis des Chattens könnte durch dieses Zitat aus der Minima Moralia eine rasche und endgültige Antwort erhalten: Tatsächlich erscheint der Web-Chat dem naiven Betrachter zunächst als Kommunikation zwischen entfremdeten jungen Menschen, die über räumliche Distanzen hinweg Kontakt suchen und sich, anstatt den Hut zu ziehen, mit dem barbarischen hallöle der virtuellen Vertraulichkeit begrüßen.

(Thanatos) hallöle SPOOKY
(PaRaNoiA) hi spooky
(SPOOKY) Hallo Thanatos!!
(SPOOKY) Hallo para
   
  (zit nach Beißwenger 2000: 51).

Wichtiger als das kulturkritische Attest einer "Erkrankung des Kontakts" scheint mir die Frage zu sein, welche kommunikativen Konsequenzen der Umstand hat, daß die elektronischen Medien in der Lage sind, nicht nur soziale, sondern auch räumliche Distanzen zu überbrücken, um so einander fremde Menschen "in Kontakt" zu bringen. So besehen betrifft die "Erkrankung des Kontakts" die Übertragungsbedingungen, unter denen im Rahmen des World Wide Web kommuniziert wird.

Zu fragen wäre demnach, welche Umschrift die sozialen Bedingungen der face-to-face-Kommunikation durch die medialen Rahmenbedingungen der Interface-to-Interface-Kommunikation erfahren.

Inter-Relay-Chat und Web-Chat sind nicht nur die populärsten Formen der Online-Kommunikation, sondern sie sind auch zu einem privilegierten Untersuchungsgegenstand im Bereich der Linguistik und der Soziologie avanciert - Dutzende von Aufsätzen befassen sich mit dem Problem des "Turn-taking" oder des "Gender-switching", der "Konstruktion" und der "Rekonstruktion des Ich in der virtuellen Realität".

Auch die Kulturwissenschaftler und Philosophen haben das Thema Chat für sich entdeckt, denn offensichtlich ruft die Tatsache, daß die computervermittelte Chat-Kommunikation wegen ihrer synchronen Übertragung eine "schriftliche Mündlichkeit" ermöglicht, nach einer Revision des herkömmlichen Schriftbegriffs. So wertet Mike Sandbothe den Online-Chat als "performatives Schreiben eines Gesprächs, in dem Sprache interaktiv geschrieben statt gesprochen wird" (Vgl. Sandbothe 1997: 149).

Diese "Verschriftlichung der Sprache" hat zunächst einmal bestimmte semiotische Konsequenzen. Während nach Derrida die Schrift, "in radikaler Abwesenheit eines jeden empirisch festlegbaren Empfängers überhaupt funktionieren können (muß)" (Derrida 1976: 134), setzt die Schriftlichkeit des Online-Chats die Anwesenheit von Sender und Empfänger notwendig voraus, auch wenn sich diese an räumlich entfernten Computern befinden. Insofern erschüttert der Schriftverkehr der Chat-Kommunikation das Dogma des Dekonstruktivismus, daß dem Funktionieren der Schrift die "Möglichkeit des ´Todes´ des Empfängers" und des Senders (ebd.) "eingeschrieben" sein müsse. Die Schrift des Online-Chat funktioniert nämlich nur unter der Voraussetzung der "fernen Anwesenheit" lebendiger Sender und Empfänger. Dies hat weitreichend Konsequenzen nicht nur für die Theorie der Schrift, sondern auch für die Praxis des Schriftverkehrs. So stellt Sigrid Weigel in ihrer Untersuchung der "Spuren der Abwesenheit" am postalischen und post-postalischen Liebesdiskurs die Frage, "was in der elektronischen Post mit den Momenten von Abwesenheit und Nachträglichkeit geschieht" (Weigel 1999: 82).

Der Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Versuch einer trägermedienkritischen Betrachtung
Chat und Brieftheorie
Chatten als Kommunikation zwischen Unbekannten
“Written to the moment” als Modemfieber



Der Chat zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Vor dem Hintergrund dieser vertrackten Ausgangskonstellation - dort die These von der medialen "Erkrankung des Kontakts", hier die Verlebendigung des Schriftbegriffs durch den "Ausfall der Abwesenheit" – möchte ich im folgenden einige kommunikative und mediale Probleme des Online-Chats benennen.

            Aus linguistischer Sicht liegt die "kommunikationsgeschichtliche Novität" des Chattens darin, daß Schrift "für die situationsgebundene, direkte und simultane Kommunikation" verwendet wird (Storrer 2001: 462), ohne in einem "systematischen Verhältnis zu einer vorgängigen oder nachträglichen Oralisierung" zu stehen (ebd.).

Die Verkörperungsbedingungen des Chats stehen dabei im Spannungsverhältnis von medialer Schriftlichkeit und konzeptioneller Mündlichkeit.[1] Während die Chat-Kommunikation medial betrachtet "graphisch" als Schrift verkörpert wird - im Gegensatz zum Telefongespräch, dessen Verkörperungsform "phonisch" ist -, erweist sich die konzeptionelle Grundhaltung der Chat-Kommunikation als mündliche (vgl. Beißwenger 2000: 42). Diese konzeptionelle Mündlichkeit resultiert sowohl aus den umgangssprachlichen Kommunikationsformen als auch aus der synchronen Übertragung der Daten.

Nun ist die These, der Online Chat zeichne sich durch "mediale Schriftlichkeit" und "konzeptionelle Mündlichkeit" aus, keineswegs eindeutig. Wie bewertet man etwa die Tatsache, daß die getippten Chat-Mitteilungen graphisch auf der Bildschirmoberfläche für einen längeren Zeitraum wahrnehmbar bleiben, als eine gleichlautende phonische Mitteilung? Und ist nicht die Möglichkeit, einen Chat jederzeit unbemerkt mitzuschneiden, da das Interaktionsmedium Computer  mit dem Speichermedium Computer zusammenfällt, ein Indiz dafür, daß die mediale Schriftlichkeit jederzeit in der Lage ist, die konzeptionelle Mündlichkeit zu unterlaufen?

Versuch einer trägermedienkritischen Betrachtung

Hieran schließt sich die Aufgabe einer "trägermedienkritischen Betrachtung" (vgl. Beißwenger 2000: 38) der Chat-Kommunikation an, welche die Verflechtung von Datenübermittlung, Datenspeicherung und Dialogizität reflektiert.

            Zunächst einmal kann man feststellen, daß die Chat-Kommunikation einem programmierten Dispositiv unterworfen ist, welches das sequenzielle Eingangsprinzip über das interaktive Dialogprinzip stellt: Das sogenannte "Mühlenprinzip" (Wichter 1991: 78f.) beim Übermitteln und Rückübermitteln von Chat-Nachrichten – wer zuerst kommt, mahlt zuerst - hat direkte Auswirkung auf die kommunikative Praxis des Chattens.  Etwa die, daß die Dialoge zwischen zwei Chattern zumeist von Repliken anderer Chatter unterbrochen werden.

            Das für die Chat-Kommunikation typische Phänomen der strikten Sequenzialisierung bedeutet aber auch, daß der eigentliche Äußerungsakt weder durch das Eintippen der Mitteilung seitens des Produzenten, noch durch sein Drücken der "Enter" -Taste vollzogen wird, sondern erst durch die Rückübermittlung der Mitteilung seitens des Servers. Insofern hängen beim Chat die performativen Verkörperungsbedingungen unmittelbar von den Übertragungsbedingungen ab. Der Produzent vollzieht mit dem Eintippen der Mitteilung und ihrem Versenden lediglich eine "Äußerungsanweisung" an den Server (Beißwenger 2000: 55), deren Umsetzung von dessen Auslastung abhängt.

            In dem Maße, in dem sich die Übertragung der Chat-Kommunikation verlangsamt, wird aus der konzeptionellen Mündlichkeit des Chats wieder konzeptionelle Schriftlichkeit. Das heißt, aus dem "schriftlichen Telefongespräch" wird bei Überlastung des Servers eine bizarre Anrufbeantworterkommunikation. So betrachtet pendelt der Online-Chat - abhängig von den technisch bedingten Übertragungsbedingungen - zwischen der konzeptionellen "sekundären Mündlichkeit" des Telefonierens und der konzeptionellen "sekundären Schriftlichkeit" des Anrufbeantworters (vgl. Wirth 2000: 165f.).

Chat und Brieftheorie

Nun steht der Chat, was seine mediale und kommunikative Dynamik betrifft, nicht nur in einem Spannungsverhältnis zwischen Telefongespräch und Anrufbeantworterkommunikation, sondern weist auch auf eine uralte Form schriftlicher Mündlichkeit zurück, nämlich den Brief und den Briefwechsel.

Nicht erst Gellert und Gottsched, bereits Demetrios vergleicht den Brief mit der literarischen Gattung des Dialogs. Der Brief ist für ihn "gleichsam die eine Hälfte des Dialogs" (zit. Koskenniemi 1956: 43), das heißt, ein "schriftliches Gespräch", dessen Stilideal sich dennoch am "natürliche(n) Plauderton des täglichen Verkehrs" orientiert (zit. n. Koskenniemi 1956: 44). Die Integration des Mündlichen in den Rahmen des Schriftlichen impliziert ein lalein di epistoles, also ein "schriftliches Plaudern".

Insofern "schriftliches Plaudern" auch die Leitidee des Chattens ist, könnte man also sagen, daß der Online-Chat an die brieftheoretischen Konzepte der Antike und des 18. Jahrhunderts anschließt. Dabei fällt jedoch ein wichtiger Unterschied ins Auge: Für die antike Brieftheorie ist der Brief kein indifferentes Werkzeug für den Austausch von Informationen, sondern philophrenesis, also ein Beweis für die freundschaftliche Gesinnung (Koskenniemi 1956: 35). Die Freundschaft muß, wie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik feststellt, im lebendigen Umgang praktiziert werden. Zwar hebt die räumliche Distanz "nicht die Freundschaft schlechthin auf, sondern nur ihre Betätigung", dauert die Trennung allerdings zu lange, "so kann sie wohl auch die Freundschaft selbst vergessen machen" (Aristoteles 1975: 238, 1157 b10).

Das schriftliche Gespräch verhindert diese Gefahr, weil der Brief zu einem anwesenden Stellvertreter für den abwesenden Freund wird. Hier wird die entscheidende Differenz zwischen Briefwechsel und Chat deutlich: Während die antike Brieftheorie auf dem Freundschaftskonzept fußt, das der Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Freunden mit Hilfe von schriftlichem Geplauder dient, findet das postpostalische Geplauder des Online-Chat zwischen einander unbekannten Personen statt. Der Chat dient nicht der Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Freunden, sondern der Kontaktanbahnung zwischen Fremden.

Chatten als Kommunikation zwischen Unbekannten

Im Unterschied zur mündlichen "face to face" Kommunikation aber auch zum Telefonat und erst Recht zum Freundschaftskonzept der antiken Brieftheorie, ist beim Chat das Ansprechen von Fremden die kommunikative Standardsituation, denn die Chatter sind sich zunächst weder von der Person noch vom wirklichen Namen her bekannt. Natürlich vollzog sich in den von Adorno beschworenen Zeiten, als man noch den Hut zog, um sich zu begrüßen, auch die Kontaktanbahnung von einander völlig Fremden menschlicher. So lesen wir am Anfang von Flauberts Bouvard et Pécuchet die folgende Episode:

"Als sie die Mitte des Boulevards erreicht hatten, setzten sie sich gleichzeitig auf dieselbe Bank. Um sich die Stirn abzuwischen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die jeder neben sich legte, und der kleine Mann sah, daß in dem Hut seines Nachbarn ´Bouvard´ geschrieben stand, während dieser mühelos in der Mütze des Mannes im Gehrock das Wort ´Pécuchet´ entzifferte.
´Sieh an´, sagte er ´beide haben wir den Gedanken gehabt, unseren Namen in unsere Kopfbedeckung zu schreiben.´
´Weiß Gott, ja; man könnte mir meine sonst im Büro vertauschen.´"
(Flaubert 1979: 39).

Auch im Online-Chat geht es darum, den Kontakt zu fremden, aber telepräsenten Schreibinstanzen, herzustellen und dabei "unverwechselbar" zu bleiben, doch an die Stelle des Hutes ist das Modem getreten und an die Stelle des in den Hut "eingeschriebenen" Namens die IP-Adresse der User. Diese Adresse ermöglicht die Identifizierung - selbst dann noch, wenn dieser sich mit einem Pseudonym bzw. einem Nickname maskiert. Dieser Nickname dient nur scheinbar dazu, die Identität des Chatters zu verschleiern, tatsächlich hat er die Funktion eines "starren Designators", der eine Trans World Identity herstellt. Es kann in einem Chat-Room immer nur einen "Spooky", ein "Biehnchen", ein "Cybergirl" geben, denn das Chat-Programm verhindert, daß ein Nickname zweimal vergeben wird.


            Auch unter kommunikativen Gesichtspunkten ist die Wahl eines Nickname der "Schlüssel zur Kontaktaufnahme" (Sassen 2000: 99). Der Nickname hat, wie Claudia Sassen schreibt, die Funktion eines "indexikalischen Strohhalms", denn er bietet "eine der wenigen Optionen, Merkmale - wenn vielleicht auch nur vermeintliche - potentieller Gegenüber zu erkunden, solange man mit diesen noch nicht in Kontakt getreten ist" (Sassen 2000: 100). So wecken die Nicknames "Bienchen" und "Thanatos" andere Assoziationen als die Nicknames "Laberkopp" und "Cybergirl". Die indexikalische Strohalmfunktion des Nickname besteht darin, Hinweise auf bestimmte Interessensbereiche und kommunikative Einstellungen zu geben - ganz abgesehen von den geschlechtsspezifischen Implikationen bzw. Nichtimplikationen des jeweiligen Pseudonyms. Jemand, der den Namen "Cybergirl" wählt, möchte - unabhängig davon, ob er tatsächlich ein girl ist - als solches wahrgenommen werden. Auf diese Implikation legt jemand, der den Namen "Gfi" wählt, offensichtlich keinen Wert.

            Der Nickname ist noch in einer anderen Hinsicht der "Schlüssel zur Kontaktaufnahme", nämlich insofern, als er die namentliche Anrede des anderen ermöglicht und damit die Voraussetzung jeder individuellen Kontaktanbahnung ist. Die namentliche Anrede ist eine Form, die phatische Funktion der Sprache auszuführen. Diese Funktion besteht, mit Jakobson zu sprechen, darin, "sich in einem überschwenglichen Austausch ritualisierter Formeln" zu ergehen (Jakobson 1979: 91), und zwar mit dem Ziel, "Kommunikation herzustellen" (ebd.).

(SPOOKY): moin Cybergirl
(Bienchen): Cybergirl... Halloele
(Cybergirl): moin!
(Cybergirl): Hi
(Gfi): huhu Cybergirl
(Laberkopp): Morgen!!!!!
(Cybergirl): huhuhuhu
(zit. nach Runkehl, Schlobinski, Siever 1998: 93).

Offensichtlich kommt es hier nicht auf den Wortlaut der Begrüßung, sondern auf den Akt der Begrüßung, also auf das performative Ritual an (vgl. Beißwenger 2000: 51). Indiziale Bedeutung hat dabei zum einen der Aufwand mit der das Ritual der Begrüßung betrieben wird; zum anderen die Tatsache, daß derjenige oder diejenige, die in einen Chatroom eintritt namentlich begrüßt wird. Die namentliche Anrede gilt als Anzeichen dafür, daß man von der Community akzeptiert wird.

            Ignoriertwerden bedeutet dagegen den diskursiven Tod. Deshalb ist das Chatten ein nicht still zu stellender Flirtdiskurs, ein unentwegtes "Um-Aufmerksamkeit-Buhlen". Mit anderen Worten: Um im Chat-Diskurs zu bleiben, muß man permanent seine "ferne Anwesenheit" und seine Bereitschaft zur kommunikativen Kontaktanbahnung demonstrieren. Insofern dabei die phatische Funktion im Zentrum steht, ist klar, daß sich der Chat sehr häufig "in gegenstandslosem Geplapper erschöpft", wie Michael Beißwenger feststellt (Beißwenger 2000: 48). Interessanter Weise steht dieses gegenstandslose Geplapper in direkter funktionaler Analogie zu jener nutzlosen und, wie Adorno schreibt, "nicht einmal zu Unrecht als Geschwätz verdächtiger Konversation", deren Verschwinden in der Minima Moralia beklagt wird (Adorno 1969: 44).

“Written to the moment” als Modemfieber

An diesem Punkt stellt sich die Frage: Ist der Online-Chat Symptom der Erkrankung des Kontakts, ist er die Heilung dieser Krankheit oder ist er, frei nach Karl Kraus, eben jene Krankheit, die er vorgibt zu heilen?

            Glaubt man Sigrid Weigel, so ist das "postpostalische Subjekt" durch einen nachgerade unheimlichen Drang beherrscht, sich im Rahmen der elektronischen Möglichkeiten der Telepräsenz narzißtisch zu präsentieren (vgl. Weigel 1999: 85). Tatsächlich weist der Online-Chat ein großes Maß an selbstverliebten Inszenierungsstrategien auf, wobei allerdings die autoerotische Bezugnahme auf den eigenen Körper in eine autoreferentielle Bezugnahme auf die eigene Äußerung transformiert wird. Dies hat kommunikative und mediale Konsequenzen. Auf der kommunikativen Ebene wird die narzißtische Selbstbespiegelung beim Chatten in das Format der Selbstbeschreibung und des Selbstkommentars konvertiert. Auf der medialen Ebene äußert sich die narzißtische Autoreferentialität darin, daß der "Moment der Verbindung" nicht nur als phatische Voraussetzung, sondern als kommunikativer Selbstzweck in den Mittelpunkt des Interesses rückt.

Der Online-Chat stellt in dieser Hinsicht eine Radikalisierung jenes "written to the moment" dar, welches die Ästhetik des Briefromans auszeichnete - denken wir an Richardsons Clarissa, wo es am Anfang programmatisch heißt, die präsentierten Briefe seien "written while the hearts of the writers must be supposed to be wholly engaged in their subjects" (Richardson 1985: 35).

Dank schneller Übertragungskanäle erlaubt der Chat eine Fernschriftlichkeit, bei der sich das "written to the moment" nicht mehr auf die symptomatische Verkörperung der Gemütszustände beim Schreiben bezieht; sondern die wechselseitige Schreibbereitschaft betrifft, die ihre direkte Analogie im "spoken to the moment" der Telefonie hat. Das "performative Schreiben" des Chats ist also in erster Linie eine performative Schreibbereitschaft, die sowohl die kommunikative Einstellung als auch die medialen Übertragungsbedingungen betrifft.

So lassen sich "viele Besonderheiten der Chat-Kommunikation als natürliche Konsequenz des beschleunigten Schreibens" erklären – auch die vielen Schreibfehler (vgl. Storrer 2001: 440).

Meines Erachtens kann man sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, daß sich die Performativität des Chat von der Beschleunigung der fernschriftlichen Übertragung im Rahmen der Computer mediated Communication herleitet. Das "written to the moment" des Chat wird durch die rasche Abfolge von Übertragungsereignissen, genauer: durch den "moment of transmission", bestimmt.

Der Chat erscheint weniger als Dialog denn als diskursives Trommelfeuer, das durch den Moment der Übertragung, bzw. durch den Moment des Eintreffens einer neuen Nachricht, bestimmt wird. Ja, womöglich spielt dabei gar nicht der tatsächliche Moment des Eintreffens die entscheidende Rolle, sondern die Erwartung des Moments des Eintreffens, also das antizipierende Entgegenfiebern.

Die Metapher des Entgegenfieberns erinnert an jenes Kanonenfieber, das Goethe im Zusammenhang mit der Kanonade von Valmy beschreibt. Bei dem mehrstündigen Schußwechsel geriet Goethe durch das "Brummen", "Butteln" und "Pfeifen" der herannahenden Kugeln in einen merkwürdigen, fiebrigen Zustand:

            Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so daß man sich mit demselben Element, in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt.  (vgl. Goethe: 1948: 233 ff.).

            Das Kanonenfieber von einst hat, wie mir scheint, eine mediale Transformation erfahren und tritt heute als Modemfieber auf. In Erwartung von Botschaften, die unhörbar pfeifend herannahen, röten sich die Chatter-Bäckchen, denn der Chatter ist "völlig durchdrungen" von der Hitze des Übertragungsmediums.

Das Modemfieber ist dabei nicht nur Symptom für die Erkrankung des Kontakts, sondern auch für die Gefahren schneller Erreichbarkeit. Während das Kanonenfieber von einst - naturgemäß (wie Thomas Bernhard sagen würde) - sein jähes Ende fand, sobald einen tatsächlich einmal eine Kugel erreicht hat, liegt die Gefahr des Chats darin, daß einem auf die Schnelle keine schlagfertige, originelle Antwort einfällt oder daß die Langsamkeit des Servers verhindert, daß die Replik als "treffende Bemerkung" erscheint. So besehen ist der Chat eine performative Verkörperung der Gefahren fernschriftlicher Erreichbarkeit.

 

Literaturliste

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Anmerkung

*Die vollständige Fassung der folgenden Überlegungen ist veröffentlicht in: Praxis Internet, hg.v. Stefan Münker und Alexander Roesler, Frankfurt: Edition Suhrkamp 2002, S.208-228.

[1]Vgl. Beißwenger 2000: 41f., der sich dabei auf die Unterscheidung von Koch und Oesterreicher 1994: 588 stützt).




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