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Networxx 2018
eine Zukunftsphantasie

von Alexa Mathias

Networxx 2018

Mein MemoStrap schickt beharrlich kleine vibrierende Impulse auf die Innenseite meines Handgelenks und gibt gleichzeitig nervende Pieptöne von sich. Offenbar habe ich gestern Abend vergessen, den Akustik-Modus auszuschalten. Widerwillig dämmere ich herauf, wechsele schließlich vom DreamLife- in den RealLife-Status. Ein Blick auf das Display meines Straps –  schon der 3.11.2018! Am 4.11. ist die Deadline für mein Projekt.

Ich wurstele mich aus den zerknüllten Laken heraus und hieve mich von meiner Matratze in die Senkrechte. Mein MemoStrap ist so eingestellt, dass die Wecksignale erst aufhören, wenn sich die Schnittstelle des Straps nicht weiter als einen halben Meter von dem HotSpot neben der Kaffeemaschine in der Kochnische meines Lofts befindet. Manchmal mogele ich, indem ich den Strap einfach von meinem Handgelenk abziehe und ihn vom Bett aus mit einem wohlgezielten Wurf aufs Küchenbuffet befördere, aber heute hilft keine Schummelei, ich muß zusehen, dass ich mein Projekt auf Reihe bzw. online kriege.

Networxx also. Was hat sich in 20 Jahren getan? Vor 10 Jahren, 2008, ist die visionäre Jubiläumsgabe Networx_Nr.53 erschienen. Angefangen hatte alles eine Dekade zuvor mit einer Website als Ergänzung und Erweiterung zu der 1998 erschienenen Monographie Sprache und Kommunikation im Internet. Anläßlich ihres zehnjährigen Jubiläums schrieb das Autorenteam Runkehl / Schlobinski / Siever:

In diesem Jahr feiert unser Portal mediensprache.net zehnjähriges Bestehen und darüber freuen wir uns. :-) [...] Unter sprache@web haben wir Zusatzinformationen geliefert, als Kernstück die Networx-Schriftenreihe gegründet - zunächst ohne ISSN und Editorial Board - sowie eine Literaturdatenbank aufgebaut. Im Laufe der Zeit haben wir die Seite systematisch zu einem Informationsportal ausgebaut, haben Tagungen organisiert und eine Reihe von Publikationen folgen lassen. [http://www.mediensprache.net/de]

Bevor ich ins Badezimmer gehe, schaufele ich ein paar Löffel Kaffeepulver in den Filter meiner fast schon antiken Espressokanne (an manchen veralteten Dingen hängt man halt einfach) und werfe einen sehnsuchtsvollen Blick auf meine Freundin Amelie, deren blau und grün gesträhntes Haar wie der Rand einer Mandelbrot-Menge rings um ihr schlafendes Gesicht auf dem Kopfkissen ausgebreitet liegt. Ich schalte das Kochfeld unter der Caffettiera ein und gehe mich rasieren und duschen. Neben einer angemessenen Menge an Koffeinsuppe brauche ich morgens auch reichlich äußerliche Heißwasseranwendungen, um mental in die Gänge zu kommen. Während also die scharfen Strahlen des heißen Wassers meine Großhirnrinde stimulieren, beginne ich im Geiste durch die Website zu surfen, der sich mein aktuelles Projekt widmet.

Im Laufe der Jahre hat sich das Mediensprache-Portal zu einem umfassenden Online-Kompendium entwickelt, welches nicht nur linguistische Beiträge zu verschiedenen Medienbereichen (Internet, Werbung, mobile Telekommunikation) enthält, sondern auch zahlreiche Online-Korpora zur Verfügung stellt und stets aktuelle News auf dem Gebiet der Mediensprache und darüber hinaus liefert. Studierenden ist ferner mit fachlichem Grundwissen, Beiträgen zur Medienanalyse und einer hilfreichen Studienbibliographie gedient. Neben diesen Seiten zu unterschiedlichen Themen und Aspekten der Mediensprache nimmt eine zentrale Position die Publikationsreihe Networx ein, welche schon zahlreichen Autoren die Möglichkeit geboten hat, ihre Arbeit ins Netz zu stellen und sie dadurch einem großen Publikum zeitnah und auf ebenso unkompliziertem wie kostengünstigem Weg zugänglich zu machen. Diese Chance haben Autoren aus der Linguistik und auch aus angrenzenden Wissenschaftsgebieten im Verlauf der ersten zehn Jahre bereits dreiundfünfzig Mal genutzt; allein 1998, dem „Geburtsjahr“ der Reihe, waren sechs Veröffentlichungen zu verzeichnen gewesen. Zehn Jahre später erschien die 53. Networx-Ausgabe (eigentlich die 54., zählt man die Einführungsmonographie hinzu), in welcher neun Autoren gleichermaßen prospektiv wie kreativ eine Vision der Entwicklung digitaler Medien und ihrer Nutzung in der Zukunft entfalten – projiziert auf unser heutiges Jahr 2018.

Als ich mir nach Beendigung meiner kreativitätsinduzierenden Dusche die Zähne putze, liefert mir der MediScan an meiner Zahnbürste die unerwünschte Information, dass ich mir dringend einen Termin beim Zahnarzt geben lassen solle. Zum Glück habe ich den AutoAppointer deaktiviert, sonst müsste ich mich in 7 Tagen bei Dr. Scrivello einfinden. Wenigstens die Autonomie, bei entsprechenden Befunden unserer elektronischen Helfer des Alltags über die Terminabsprache mit dem Arzt selbst zu entscheiden, hatten sie uns Bürgern nach der letzten großen Gesundheitsreform gelassen, auch wenn es dafür erst eines letztinstanzlichen Gerichtsentscheids bedurft hatte.

Nach Beendigung meiner Körperpflege gehe ich zurück in die Küche, wo der fertige Kaffee vor sich hinsprudelt, und gieße mir eine Tasse ein. Ich setze mein HeadSet auf, lege mich aufs Sofa und betrete mein Büro. Die Post lasse ich erst einmal unbeachtet und beginne zu schreiben. Über viele Jahrzehnte hinweg hatten wir uns mit unhandlichen Tastaturen als mechanischer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine herumgeschlagen, was die Feinmotorik der meisten User vor eine ernsthafte Herausforderung gestellt hatte, vor allem angesichts des sich immer weiter beschleunigenden Arbeitstempos. Um diesen Erfordernissen Rechnung zu tragen, war man zunächst auf die elektronische Abnahme und Verarbeitung akustischer Reize gekommen. Die Konstruktion von Spracherkennungsprogrammen war jedoch immer wieder an die Grenzen  ihrer Möglichkeit gestoßen, vor allem auf den Gebieten der Semantik und der Pragmatik. Selbst die umfassendsten Lexika und die komplexesten Regelwerke hatten nicht ausgereicht, um die Schwierigkeiten mit der Dekodierung ambiguer Bedeutungseinheiten und Sprechakte in befriedigendem Maße zu lösen. Metaphern und Ironie waren ein Problem geblieben.

Die nächste Idee, auf die man verfallen war, waren Experimente mit implantierten Neurochips gewesen, welche neuronale Aktivität direkt in die KI-Systeme übertragen und in der Folge Texte auf der Benutzeroberfläche sichtbar machen sollten. Nicht berücksichtigt hatte man dabei, dass das menschliche Gehirn zu umfassendem Multitasking in der Lage ist, so dass das Ergebnis immer wieder Gebrauchstexte waren, die von abrupten Textsortenwechseln durchsetzt waren, weil im Zuge des Arbeitsprozesses die Erinnerungen des Users an seine ferne Geliebte auf einmal stärker salient geworden waren als seine Konzentration auf die Arbeit.

Nun liege ich auf meinem Sofa, führe mit kleinsten Bewegungen die Hand so, als schriebe ich  mit einem Stift auf Papier, und der Sensor an meinem MemoStrap nimmt die feinen Bewegungen meiner Sehnen und Muskeln auf der Innenseite meines Handgelenks ab und übersetzt sie, je nach Bewegung, in Buchstaben und Wörter: „Was hat sich in 20 Jahren getan? Vor 10 Jahren, 2008, ist die visionäre Jubiläumsgabe Networx Nr. 53 erschienen…“

Ich brauche Koffein. Und Austausch. Darum verlege ich meinen Standort in die Caffè-Bar „Kurt’s Space“ und nehme dort einen weiteren großen Schluck aus meinem Kaffeebecher. Nur wenige Sekunden später schneit auch Amelie herein. Sie trägt die Mini-Version eines Schottenrocks, ein schwarzes Kapuzensweatshirt und schwarzweiße Overknees, die ca. zwei Handbreit über ihren HiLeg-Boots enden.

„Morgen“, sage ich und lächele sie an. Noch etwas verschlafen blinzelt sie zurück.

„Kaffee?“ frage ich sie.

„Ja“, antwortet Amelie.

„Ich komme mit meiner Arbeit nicht so recht voran“, berichte ich seufzend.

„Welche Arbeit?“ erkundigt sich meine Freundin und nippt an ihrer Kaffeetasse.

Ich hole Luft um zu versuchen, das Projekt so knapp wie möglich zusammenzufassen. Doch in diesem Moment betritt Martina das „Kurt’s“. „Ach, hier bist du“, sagt sie, „ich habe schon in deinem Büro nach dir gesucht. Du hast Post.“

„Ich bin auch gerade erst hergekommen, antworte ich, „kann sein, dass ich schneller war als das Streaming deines VIIPE.“ Unmittelbar nach meiner entschuldigenden Antwort ärgere ich mich, dass ich mich nun schon genötigt sehe, mich vor dem holographischen Avatar meines E-Mail-Accounts zu rechtfertigen. Ich lasse Martina daher einfach stehen und wende mich wieder Amelie zu. „Es soll eine Jubiläumsschrift über sprache @ web werden und vor allem die Entwicklung der Mediennutzung seit 2008 aufzeigen. Ich stecke etwas fest in Hinblick auf einen Teil meiner Quellentexte. Möglicherweise fehlt mir einer der Beiträge von damals.“

Amelie nimmt noch einen Schluck Kaffee. „Lass uns doch eine Runde spazieren gehen“, schlägt sie vor, „vielleicht hilft dir das.“

Ich leere meine Kaffeetasse. „Gerne. Wohin wollen wir?“

Afterdark?“ schlägt sie vor.

Wir ziehen los und laufen entlang einem länglichen kleinen Park mitten in der Stadt. Amelie hat ihren Brit-Look gegen einen grauen Parka mit Kapuze, Blue Jeans und verblichene gelbe Turnschuhe eingetauscht und eine dunkelblaue Baseballkappe mit dem B der Boston Redsocks über ihren Haarschopf gezogen. Als wir an einem Seven Eleven Supermarkt vorbeikommen, fällt mir ein, dass ich für meinen Morgenkaffee die letzte Milch verbraucht habe und sage zu Amelie: „Ich muss noch Milch einkaufen.“ Sie nickt. Ich betrete den Supermarkt und gehe durch bis zum Milchregal. Dort angekommen, greife ich nach einer Tüte Milch und werfe einen Blick auf das Haltbarkeitsdatum. Genau in diesem Augenblick beginnt im Käseregal ein Handy zu klingeln. Ich sehe mich etwas verwundert um, aber weil von den Angestellten niemand herbeieilt, greife ich nach dem kleinen silberfarbenen Apparat und melde mich mit „Hallo?“

Es ist Martina. „Du denkst wohl, du hast mich abgehängt.“

Ich verdrehe genervt die Augen, was Martina zum Glück nicht sehen kann.

Aber du entkommst mir nicht, wohin du auch gehst“, fährt sie mit zuckersüßer Stimme fort.

„Ich komme ja schon“, grummele ich, bezahle meine Milchtüte mit meiner Kreditkarte und treffe Amelie vorne am Eingang.

„Ich muss zurück“, sage ich zu ihr, „sonst werde ich nie fertig.“

Gemeinsam verlassen wir Afterdark; ich kehre an meinen Arbeitsplatz zurück, während Amelie sich  im „Kurt’s“ daran macht, ihre Post durchzusehen und zu beantworten.

Es klingelt. Ich streife das HeadSet ab und hieve mich vom Sofa hoch. In meinen Beinen kribbelt es; die Durchblutung muss nach der langen Liegerei erst wieder in Gang kommen. Bei unserem Spaziergang durch Afterdark hatte ich aus reiner Faulheit auf die Wii verzichtet, sonst wäre ich jetzt schneller wieder auf den Beinen. Ich humpele zur Tür und öffne. Der Milchmann.

„Eine Tüte?“ fragt er freundlich.

Ich nicke, nehme die Tüte Milch, die ich vom Supermarkt in Afterdark aus bestellt hatte, entgegen, bestätige den Empfang.

Als ich zurück zum Sofa komme und das HeadSet wieder aufsetze, ist das System heruntergefahren. Ich werfe einen Blick auf meine kleine mechanische Stoppuhr: Mein Energiebudget für diesen Tag ist aufgebraucht. Seit der globalen Energiekrise von 2015 bin ich nur als Abnehmer der Gruppe 3 eingestuft, die Gruppe mit den zweitniedrigsten Bezugsrechten; Freiberufler und Haushalte ohne Kinder. Ich werde heute wohl nicht mehr erfahren, was in der dringenden Mail steht, derentwegen Martina schon den ganzen Tag hinter mir herläuft. Sei’s drum. Ich nehme meine Lederjacke, um ein wenig an die frische Luft zu gehen, solange es noch hell ist. Beim Öffnen der Tür kreiselt im Luftzug das Foto mit der schlafenden Amelie sacht zu Boden.

Die kursiv gesetzten Passagen stammen aus Haruki Murakamis Roman „Afterdark“, welcher 2005 im DuMont Literatur und Kunst Verlag Köln sowie 2007 als Taschenbuch im btb-Verlag in der Random House Verlagsgruppe GmbH München erschienen ist.

Die Verfasserin dankt allen Autoren von Networx Nr. 53 für ihre inspirierenden Ideen sowie Netaya Lotze und Torsten Siever für technischen Rat.

 

 


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