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Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Block: Innovation oder Trivialität?

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III. Resümee

Wir haben es hier mit einem generellen Problem medialer Übersetzung zu tun: Übersetzung mit Sinnkonstanz ist schlechterdings nicht möglich. Darüber hinaus erzeugt gerade Medientransposition immer ein Anderes. Und sie offenbart Medienkonkurrenz. Diese wiederum provoziert ästhetisch gesehen dazu, sich auf das zu konzentrieren, was nicht übertragbar ist. Das hat Friedrich Kittler (1995, 314, 335ff.) sehr anregend für die Konkurrenz zwischen Film und Literatur herausgestellt: Im Moment, da der Film zahlreiche Funktionen der Literatur übernimmt, besinnt diese sich auf 'Materialgerechtigkeit', also auf die Kunst des Wortes, des Lauts, der Schrift - und auch Okopenkos Lexikonroman ist genau hierauf eingestellt.

Das heißt: digitale Literatur im Geiste des Lexikonromans bzw. des poetischen Experiments wäre schlecht beraten, wenn sie moderne Schreibweisen einfach übertragen wollte. Gelungenere Beispiele (vgl. hier z.B. p0es1s) wären dagegen nicht nur Literatur für neue Medien, sie würde diese auch gegen ihren Strich bürsten und eine Reflexion über sie anregen. Sie würden nicht die Moderne (oder Spät- und Postmoderne) 'redefinieren', sondern allenfalls ihre Programme fortschreiben und erweitern, dabei aber auf ihr Spektrum künstlerischer Mittel sowie auf die damit verbunden Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen spezifisch eingehen.

Das 'Neue' relativiert sich gerade dann, wenn vom rein Technologischen abstrahiert wird - etwa im Sinne einer künstlerischen Kommunikation der Materialität, die jeweils 'Materialgerechtigkeit' walten läßt. In dieser Hinsicht wäre die Frage interessant, wie die Kunst (die Literatur) der Moderne sich darin überbietet, Medienreflexion und das Experimentieren mit Wahrnehmungen und Kommunikationen im Bezug auf informationstechnologische Entwicklungen zu inszenieren, die sie selbst mit provoziert. Es wäre zu beobachten, wie die medial bedingten Krisensyndrome konstant, aber auf immer wieder andere und aufregende Weise bearbeitet werden. Das heißt auch: digitale Poesie kann gar nicht das bessere Medium sein für bereits erfolgte künstlerische Leistungen. Sie kann hier Vorgegebenes allenfalls simulieren, was dann aber entweder nur zur Selbstbestimmung ex negativo oder zur Didaktik gerät. Digitale Poesie muß vielmehr ihre eigenen Bedingungen und Möglichkeiten erproben und aufbrauchen, um qualitativ an den Stand des in der Tradition Erreichten anzuschließen.

 

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