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„Ut pictura poesis” – oder: Ars poetica für Hyperfiction

Jürgen Daiber

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Der Weg vom Saulus zum Paulus muss nicht zwangsläufig über Damaskus führen. Im 21. Jahrhundert führt er nicht selten über New York City. Einer dieser New-York-City-Sauluse heißt Robert Coover. 1992 verschaffte sich Coover mit einem Essay namens „The End of Books“ Eingang auf die Seiten der renommierten New York Times Books Review [1] Der klassischen Literatur, welche dem Trägermedium Buch aus der guten alten Gutenberg-Galaxis verpflichtet war, wurde wieder einmal das digitale Grab geschaufelt. Wirkliche Literatur – so Coover – werde fortan aus der Steckdose kommen. Was bis dahin der graniten Steintafel, der ungegerbten, gespannten Tierhaut, der Papyrusrolle, dem Pergament oder der schlichten Kladde aus Cellulose anvertraut war, werde entmaterialisiert, in die schwerelosen Signale der Bits und Bytes transformiert. Knapp zehn Jahre später legt Coover, um seine Wandlung zum Paulus zu vollenden, dasGoldene Zeitalter der Hyperfiction bereits wieder ad acta. Die multimedialen Hyperfictions der neuen Generation – so Coovers aktuelle These – manifestierten nicht länger eine innovative Kunstform sondern vielmehr eine konservative Wendung zur eindimensionalen, kommerziellen, planen Erzählweise der Hollywood-Filmmaschinerie. Darüber wird noch zu sprechen sein.

Hyperfiction – Netzliteratur – digitale Literatur: Über den Begriff soll hier nicht gestritten werden. Das wurde an anderer Stelle bereits kompetent getan. Ich folge in meiner Terminologie Anregungen von Simanowski/Auer und spreche neben Hyperfiction von digitaler Literatur. Mit digitaler Literatur meine ich eine Literatur, deren ästhetische Existenzvoraussetzung unabdingbar mit der Maschine Computer verknüpft ist. Dies ist nicht allzu puristisch gemeint, sondern als bewusst weit gezogene Definition gefasst, welche die Rezeption und Distribution von digitaler Literatur auf lokalen Datenträgern wie CD oder DVD miteinschließt. Digitale Literatur kann jedoch - trotz offline Speicherung - ihre ästhetischen Eigenschaften nicht ohne das Medium Computer entfalten. Sie lässt sich nicht rematerialisieren, nicht zwischen die Deckel eines Buches pressen, ohne dass sie etwas verliert, was ich als einen informationellen Mehrwert gegenüber Buchliteratur bezeichnen würde.

Worin liegt nun dieser informationelle Mehrwert von digitaler Literatur gegenüber herkömmlicher Literatur? Einige Leitbegriffe kursieren in der Diskussion, auf die bereits in zahlreichen anderen Arbeiten verwiesen wurde. Ich will drei dieser Leitbegriffe – die meiner Ansicht nach wichtigsten – unter die Lupe nehmen: Interaktivität, Hypertextualität, Intermedialität. Anhand dieser Begriffe sollen a) die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zwischen Hyperfiction und Buchliteratur transparent gemacht werden; kann b) demonstriert werden, dass Hyperfiction nicht umfassend mit der literarischen Tradition brechen darf, um zu einer eigenständigen Ästhetik zu finden und soll c) am Ende darüber spekuliert werden, wie die digitale Literatur der 2. Generation aussehen könnte, die zu jener eingangs angesprochenen eigenständigen Ästhetik gelangen will.

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Anmerkungen

[01] Coover, Robert: Hyperfiction: Novels for the Computer. New York Times Book Review, 29. August 1993, S. 1, 2, 5.