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Virtual Textuality

oder Vom parodistischen Ende der Fußnote im Hypertext

Bernhard Dotzler 

Die Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte hat dem Textbegriff eine außerordentliche Karriere beschert. Ob Proust, die Tageszeitung oder der Fernsehschirm — alles Text, schrieb Roland Barthes. Im Zeichen des Hypertexts scheint diese Linie der Literaturtheorie ebenso forciert fortgesetzt werden zu können wie ihr rezeptionsästhetisches Pendant, wonach jeder Text erst im Akt der Lektüre zum Leben erwacht. Andererseits haben gerade Hypertexte mehr Eigenleben als alle Manifestationsformen zuvor, während ihr Textstatus im selben Maß durchaus prekär zu nennen ist. Als Programme, die sie sind, scheinen sie (nach Derridas grammatologischem Hinweis) ganz dem "Bereich der Schrift" subsumiert werden zu können. Um aber zu laufen, müssen Programme nicht nur in andere Codes übersetzt (assembliert und kompiliert), sondern letztlich in Bit-maps, d.h. physikalische Zustände von Halbleiterbauelementen verwandelt werden. Und hier stößt alle Kunst des Lesens und Schreibens an eine Grenze. Um diese Grenze soll es gehen, und zwar anhand konkreter Beispiele aus der Geschichte der (literarischen) Fußnote und des Hyperlinks sowie anhand von Thomas Hettches Romanessay "Animationen" und seiner Internet-Anthologie "Null".


Dr. phil. / Forschungsdirektor für Literatur- und Wissenschaftsgeschichte am Zentrum für Literaturforschung Berlin / Projektleiter am Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg "Medien und kulturelle Kommunikation" der Universität zu Köln (Teilprojekt: "Archäologie der Medientheorie") / Buchpublikationen u.a. zu Thomas Mann; Communication & Control in Literatur und Technik; Wahrnehmung und Geschichte; Geschichte von Poesie und Imagination

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