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Virtual Textuality

oder Vom parodistischen Ende der Fußnote im Hypertext

Bernhard Dotzler

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Etwas Neues über die tools, features und performance characteristics von Hyperfiction und Netzliteratur zu sagen, will ich angesichts eines Mediums, zu dem gerade das Neueste immer schon alle Spatzen von den Dächern pfeifen, gar nicht erst versuchen. Statt dessen seien nur einige vereinzelte Beobachtungen vor- oder zusammengetragen - auch das im Wissen, eher Bekanntes vorzubringen (selbst wenn die Jahreszahl 2000 im Impressum des einen oder anderen Beispiels steht). Aber vielleicht ist das ja durchaus 'angesagt', wenn man bedenkt, daß ausgerechnet eine Autorin mit dem netzgerechten Namen Katharina Hacker (Jahrgang 1967) ihren Netzauftritt unlängst mit folgendem Kommentar versah:

Da ich Word nicht benutze, versuche ich eine andere Version. Haben Sie mir etwas in der binären Datei geschickt? Die zu öffnen, bin ich nämlich auch nicht in der Lage. Sorry. Ich fürchte, ich weiß nicht so sehr viel mehr, als wo oben und wo unten ist beim Computer. [1] 

1. Fußnoten zur Fußnote

Die Kernoperation, um die es »beim Computer«, also bei Hypertexten geht - Hypertexte definiert als »nichtlineare digitale Dokumente«[2] -, ist zweifellos der Link oder Hyperlink. Man kann ihn einerseits als eine Art »vervollkommneter Fußnote« ansehen.[3] Andererseits bewirkt die Vervollkommnung einen entscheidenden Unterschied. Fußnoten konstituieren ein Verweissystem, sowohl was den Bezug zwischen Textstelle und Anmerkung angeht, als auch mit Blick auf die Anmerkungen selbst, deren statistisch überwiegender Teil wohl ihrerseits aus Verweisen auf andere Literatur besteht. Hyperlinks dagegen verweisen nicht, sondern verbinden. »Der Link in einem Hypertext steht also nicht als Signifikant für etwas anderes, der Link ist die Verbindung zu dem Bezeichneten.«[4] Er überbietet die Macht der Zeichen dadurch, daß er Schaltung ist.

Der Urtyp aller nichtlinearen, digitalen Dokumente implementiert nichts anderes als solche Schaltungen. Die historisch und systematisch ersten elektronischen Texte waren und sind nämlich Computerprogramme. Ohne sie gäbe es keine Hypertexte, wenn anders jeder Hypertext »aus zwei verschiedenen Texten [besteht]: dem, der auf dem Bildschirm zu sehen ist, und dem Programmtext«.[5] Die Kunst des Programmierens, die mit dem Sprungbefehl beginnt: ob offen und etwas verpönt als GO TO-Anweisung, oder ob elegant und versteckt als bedingter Befehl IF... THEN..., WHILE... DO... etc.[6] - diese Kunst gibt daher die eine Vergleichsrichtung vor.

Die andere ist aber eben die Fußnote. Einerseits koextensiv mit der Technik des Buchdrucks,[7] steht sie andererseits in einem genuinen Spannungsverhältnis zur Linearität der Schrift im allgemeinen wie der, sagen wir, Erzählliteratur im besonderen. Um dafür (im Sinne der angekündigten Einzelbeobachtungen) ein prominentes Beispiel zu geben: »Longtemps, je me suis couché de bonne heure«, so beginnt, wie Sie wissen, Prousts Recherche du temps perdu. Die Korrekturfahnen dieser Recherche gehören zu den berühmtesten im (frei nach Malraux) imaginären Literaturarchiv der Moderne. Sie sehen aus wie ein großer Verzweiflungsakt, wie ein Ausbruch aus der Linearität der Schrift, bezeugen aber im Gegenteil ein einziges großes Bemühen der Einpassung in ebendiese Linearität. Daß Proust mit ihr seine Mühe haben mußte, hängt nicht zuletzt mit der Instantaneität zusammen, die er als Zeit-Erfahrung beschwört - und in deren Namen er nicht umsonst andere Medien, vor allem die Photographie, zum Vergleich heranzieht. Das »wahre Leben« - »jenes Leben, das [...] in jedem Augenblick wohnt« - »ist die Literatur«, soll einerseits gelten, um andererseits dagegenzuhalten, daß aber die meisten Menschen dieses wahre Leben nicht sähen, weil zwar auch »ihre Vergangenheit von unzähligen Photonegativen angefüllt« sei, diese jedoch »ganz ungenutzt« blieben, »da ihr Verstand sie nicht 'entwickelt'« habe.[8] Was Wunder, daß Prousts Unterfangen nicht nur schwierig war, sondern ihm auch einen bemerkenswerten Schluß eintrug. Man kann bewundern, wie vollkommen sich Anfang und Ende des Romans zusammenbiegen (»Longtemps,...« - »...dans le Temps«). Aber die letzten Zeilen der letzten Seite (zumindest der benutzten Ausgabe) bilden dann eben doch einen Nachtrag: eine Fußnote, die den manu-typo-skriptoralen Zwischenzustand der Korrekturfahnen noch im Druckbild der Endfassung bewahrt.

Ausgerechnet der Roman, der die Linearität des Erzählflusses wie kein anderer ausschöpft, erinnert damit an die Unmöglichkeit strikter Linearität. Jeder Text (das Wort memoriert es ja) ist per se: Gewebe. Ein Postavantgardist wie Josef Hir al hat daraus die Konsequenz gezogen und seine Geschichte - in Kombination der Hingabe an die Erinnerung à la Proust und der Textbeflissenheit à la Heißenbüttel - gleich überwiegend auf Fußnoten verteilt. Einem »kurzen Grundtext« folgen umfangreiche »Anmerkungen« und noch umfangreichere »Anmerkungen zu den Anmerkungen« und schließlich sogar eine »Anmerkung zur letzten Anmerkung in den Anmerkungen zu den Anmerkungen«.[9]

Spätestens Weiterentwicklungen wie diese lassen die oft gestellte Frage nach literarischen Hypertextvorwegnahmen berechtigt erscheinen. Weil die Anfänge dieser Debatte mit der weltweiten Euphorie für lateinamerikanische Erzähler(innen) zusammenfiel, dürfte Julio Cortazar - dank Rayuela, 1966 - der meistgenannte Miterfinder sein, gefolgt von den Oulipo-Protagonisten Queneau und Calvino. Unbeachtet (was den Hyperfiction-Kontext angeht) blieb dagegen der bereits 1951 erschienene Roman eines Ernst von Salomon mit dem Titel: Der Fragebogen. Schon dieser Titel signalisiert seine ungewöhnliche formale Struktur. Das Sujet fungiert als Textgenerator, indem seine Rubriken die Geschichte des Ich-Erzähler-Subjekts organisieren. Notwendig kommt es so zu fortwährenden Lesesprungbefehlen wie unter Punkt 127 und 128: »siehe Antwort auf Frage 125«.[10] Weil der Roman damit aber nur die Technologie umsetzt, aus der sich - abstammend von den Lochkartenmaschinen Herman Hollerithsa[11] - das Hypertext-Medium Computer entwickelt hat, gebührt ihm vielleicht mehr als jedem anderen die Anerkennung als Vorschein der aktuellen Literatur-Experimente, und zwar um so mehr, als er damit implizit darauf hinweist, daß Literaturtheorie und Technologie nicht erst durch PC und Internet konvergieren.[12]

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Anmerkungen:

[01] Null, hrsg. v. Thomas Hettche u. Jana Hensel, Köln 2000, S. 8.

[02] Kursbuch Internet, hrsg. v. Stefan Bollmann u. Christiane Heimbach, Reinbek 1996, S. 459.

[03] Vgl. Friedrich Kittler, Bewegliche Lettern. Ein Rückblick auf das Buch, in: Kursbuch 133/1998, S. 195-200 (hier: 195).

[04] Frank-Simon Ritz (Hrsg.): Germanistik im Internet (Informationsmittel für Bibliotheken, Beiheft 8), Berlin 1998, S. 5.

[05] Sabrina Ortmann, Literatur im Netz und Netzliteratur, in: Ritz, Germanistik im Internet, S. 131-145 (hier: 141, Anm. 64). - Für ein kalkuliertes Spiel mit dieser Doppelung von Sub- und Hypertext vgl. Peter Berlich, Core (core1), in/auf: Beat Suter/Michael Böhler (Hrsg.), Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur (Buch und CD-ROM), Basel - Frankfurt/M. 1999.

[06] Vgl. Donald E. Knuth, Structured Programming with go to Statements (1974), in: ders., Literate Programming, Stanford 1992 (CSLI lecture notes 27), S. 17-89.

[07] Was sich gerade an ihrem verzögerten Auftreten zeigt, das zusammenfällt mit der Emanzipation des Buchdrucks vom Vorbild mittelalterlicher Handschriften. Zum Unterschied zwischen der im Mittelalter gepflegten Annotierung in Form von Glossen und dem modernen Anmerkungsapparat vgl. Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buchs, Frankfurt/M. - New York 1989, S. 305, sowie Anthony Grafton, Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Berlin 1995, S. 43.

[08] Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Frankfurt/M. 1979, S. 3975 - meine Hervh.

[09] Josef Hir al, Böhmische Boheme. Dorfbubensong (1980/1991), Salzburg - Wien 1994, S. 5 u. 91 (mit Dank an Carena Schlewitt und Dirk Baecker). Der explizite Bezug auf Helmut Heißenbüttels Textbuch (1970) wird hergestellt durch die Motti S. 7.

[10] Ernst von Salomon, Der Fragebogen (1951), Reinbek 1988, S. 517.

[11] Zur mediengeschichtlichen Situierung der Hollerith-Maschine vgl. demnächst Bernhard J. Dotzler, Die Schaltbarkeit der Welt, erscheint in: Stefan Andriopoulos/B.J.D. (Hrsg.), 1929. Schnittpunkte der Medialität, Frankfurt/M. 2001.

[12] Vgl. George P. Landow, Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology, Baltimore - London 1992.