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Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Dotzler: Virtual Textuality

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2. Alles ist Text?

Wie in der Wissenschaftsgeschichte ist aber auch in der Mediengeschichte das »Virus der Vorläufers«[13] so ansteckend wie darum eher einzudämmen, als daß seiner Epidemie noch Vorschub zu leisten wäre. Das »Spiel der Wiedererkennungen«[14] liefert keine Antworten, sondern stellt vor die Frage nach der Bedingung seiner Möglichkeit. Es verlangt nach einer Allgemeinen und Vergleichenden Literatur-, mehr noch: Allgemeinen und Vergleichenden Medienwissenschaft, die im Vergleichbaren die Differenzen profiliert (wirkliche Medienwissenschaft also, frei nach Foucaults wirklicher Historie). Wieviel Text ist am Hypertext? Der symbolische Link zwischen Text und Anmerkung repräsentiert, der Hyperlink dagegen ist die Operation der Verbindung. Das Beispiel der Fußnote in ihrer Nähe und ihrer Differenz zum Hyperlink zieht so zunächst eine irreführende Unterscheidung in Zweifel: Es mag für ästhetische Zwecke heuristisch nützlich sein, »Literatur im Netz« vs. »Netzliteratur«[15], »digitalisierte« vs. »digitale Literatur«[16] auseinanderzuhalten, bleibt aber techno-logisch falsch, indem alle Literatur Netzliteratur, die sog. Netzliteratur dagegen keine Literatur mehr genannt zu werden verdient. Dies nämlich, Literatur oder Nicht-Literatur - das ist dann von hier aus die Frage.

»ALLES IST TEXT«, verspricht der 'Waschzettel' zur Buchausgabe von Rainald Goetz' Abfall für alle, und hat für den Buchinhalt ebenso recht wie der Nachsatz für diesen Inhalt und seine vorhergehende Work-in-Internet-Präsentation: »und über und unter und in allem: Melancholie«.[17]

Alles ist Text - so könnte man auch die erweiterte und ihrerseits epidemische Texttheorie zusammenfassen, wie sie in Roland Barthes' Plaisir-Essay gipfelte. Prompt hat man ihn als »Programm des Schreibens und Lesens von Hypertexten«[18] hingestellt. Von seiten der Lektüre mag das auch hingehen. Man kann, was man am Bildschirm sieht, rezipieren wie andere Textangebote auch, und zumal die allmähliche (und je verschiedene[19]) Verfertigung des Texts im Akt der (jeweils und jedesmal verschiedenen ) Lektüre: zumal dieses Dogma aller Rezeptionsästhetik wird in der Tat im Medium des Hypertexts vollendet umgesetzt. »In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst«, heißt es bei Proust.[20] Der Leser beerbt nach Barthes den Autor.[21] Und rezeptionsästhetisch argumentiert, soweit ich sehe, das Gros der Bemühungen um eine Theorie digitaler Literatur.[22]

Nur definiert sich die Literatur nicht bloß dadurch, daß man sie lesen kann, sondern vor allem durch den Verweis auf ihr Gesagt- oder Geschriebensein, der immer zugleich Verweis auf ihre eigene mediale Verfaßtheit ist. Noch einmal Goetz, zum Beispiel: »ich schreibe dieses Buch, das hier entsteht«.[23] Und an diesem Punkt trügt das Medium Computer.

Schon seine jüngste Zurichtung zum E-Book, das sein printmediales Vorbild äußerlich imitieren soll (obgleich man genauso den Gameboy als Vorbild vor Augen haben kann), gibt zu denken, indem sie von vorneherein zum tragbaren Fernseher tendiert. Denn das E-Book hat sich noch gar nicht durchgesetzt, da wird schon an "elektronischem Papier" gearbeitet, dessen "Beschriftung" 60 mal pro Sekunde wechseln kann - schnell genug, um auch bewegte Bilder darauf zu zeigen: das "Buch" als Multimedia-Empfangsgerät. Nicht anders hat das Genre der »Webfiction« längst den Schwerpunkt auf seine Anreicherung »mit Grafiken, Klängen und sogar Videos« gelegt und so den Verdacht genährt, es habe seitdem kaum noch etwas »mit Literatur zu tun«.[24]

Aber im Zeichen des erweiterten Textbegriffs wäre dies allein noch nicht das Problem. Entscheidend ist, daß selbst im einfachsten Fall der sog. Literatur im Netz, in dem der Computer, das Internet lediglich als Transportmittel eine Rolle zu spielen scheint, das Medium - wie stets - nicht neutral seinem Inhalt gegenüber heißen kann. Im Computer verschwindet aller Text. Selbst bloße Buchstaben - und so auch Töne, Bilder, Filme - werden in Bitmaps, d.h. physikalische Zustände von Halbleiterbauelementen transformiert. Die Buchstaben auf dem Bildschirm werden nur vorgetäuscht. Text im Computer ist simulierter Text.

Darum trifft die Erfindung des Hypertexts Autor und Leser. Beide verschwinden. Der Autor, weil das Medium Computer umstellt von Eigentumsfragen, wie die Fußnote sie ausweist, zu Techniken des Zugangs, wie der Hyperlink sie operationalisiert.[25] Aber genauso der Leser, denn ebendiese Technik des Hyperlinks spannt ihn an die Marionettenfäden der Mausbedienung, während im Hintergrund der Link selber agiert. So unterstützt der virtuelle Text die rezeptionsästhetische Zurechnungsstrategie und straft sie doch gänzlich Lügen. 

Zwischensumme

Es gibt, könnte man also sagen, keine Literatur im Netz und daher erst recht nicht die sog. Netzliteratur. Die Fußnote als das feature der alten Literatur, die immer schon Netzliteratur ist, stellt weniger eine Vorwegnahme des Hyperlinks dar, sondern der Hyperlink parodiert vielmehr die Fußnote. Hypertext liefert die Parodie, Komödie, Farce der Literatur - so wie es bei Marx nicht zufällig in zweifacher Wendung heißt, an einer Stelle: »Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.«[26] Und so eben an anderer Stelle erneut: »Die Geschichte ist gründlich und macht viele Phasen durch, wenn sie eine alte Gestalt zu Grabe trägt. Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie.«[27]

Was aber dann tun - mit dieser Komödie? Es sind zwei Ansätze oder Fragen, die sich von hier aus stellen: (1) Zum einen die Frage nach der Kunst des Programmierens oder Code-Kompetenz, die gleichwohl von der Literatur her zu begründen bleibt - Stichwort: »Computeralphabetismus«[28]. (2) Zum anderen, ob nicht - so modisch oder schon wieder altmodisch das klingt - der Tod der Literatur[29] die Perspektive ist, unter der eine Ästhetik »digitaler Literatur« zu denken wäre... 

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Anmerkungen:

[13] J.T. Clark, zit. n. Georges Canguilhem, Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze, Frankfurt/M. 1979, S. 33.

[14] Michel Foucault, Nietzsche, die Genealogie, die Historie, in: ders., Von der Subversion des Wissens, Frankfurt/M. - Berlin - Wien 1982, S. 97.

[15 ]Ortmann, a.a.O.

[16] Dirk Schröder, Der Link als Herme und Seitensprung, in: Suter/Böhler, Hyperfiction, S. 43-60 (hier: 46).

[17] Rainald Goetz, Abfall für alle (Heute morgen... 5.5), Frankfurt/M. 1999, Klappentext.

[18] Uwe Wirth, Wen kümmert's, wer spinnt?, in: Suter/Böhler, Hyperfiction, S. 29-42 (hier: 29).

[19] »[...] ob dieser Text nun Proust oder die Tageszeitung oder der Fernsehschirm ist«, schrieb Roland Barthes, Die Lust am Text, Frankfurt/M. 1982, S. 53f., um am selben Beispiel auszuführen: »Das Glück bei Proust ist: bei jeder Lektüre überspringt man andere Passagen, niemals dieselben« (S. 19).

[20] A.a.O., S. 3996.

[21] Roland Barthes, Der Tod des Autors (1967/68), in: Fotis Jannidis et al. (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000, S. 185-193.

[22] Vgl. etwa neben Wirth, Wen kümmert's, wer spinnt?, auch ders., Literatur im Internet. Oder: Wen kümmert's, wer liest?, in: Stefan Münker/Alexander Roesler (Hrsg.), Mythos Internet, Frankfurt/M. 1997, S. 319-337.

[23] Goetz, Abfall, S. 620.

[24] Schröder, Der Link, S. 44f.

[25] Dazu jetzt Jeremy Rifkin, Access. Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/M. 2000.

[26] Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW VIII, 115.

[27] Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW I, 381.

[28] Friedrich Kittler, Computeranalphabetismus, in: Dirk Matejowski/Friedrich Kittler (Hrsg.), Literatur im Informationszeitalter, Frankfurt/M. - New York 1996, S. 237-251 (hier: 241).

[29] Vgl. Alvin Kernan, The Death of Literature, New Haven - London1990, und dazu Sven Birkerts, Die Gutenberg-Elegien, Frankfurt/M. 1997, S. 246ff.