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Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Dotzler: Virtual Textuality

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3. Literate Programming

Es gibt keine Literatur im Netz und daher erst recht nicht die sog. Netzliteratur. Ausgehend von einem ästhetisch weiten, medial jedoch engen Literaturbegriff, besteht die differentia specifica von Literatur in ihrer Buchstäblichkeit. Diese Buchstäblichkeit aber wird im Computer aufgelöst in Bits. Das definiert eine Grenze, an der alle Kunst des Lesens und Schreibens endet.

Allerdings gibt dieselbe Grenze Kriterien an die Hand, um Bild, Schrift und Ton trennschärfer als je zuvor auseinanderzuhalten - und insofern die Literatur als Literatur und nicht etwa Film, nicht Computergame zu identifizieren. Auch Ton und Bild verwandeln sich im Zuge ihrer Digitalisierung in Bitmuster. Aber die entsprechenden Datensätze sind damit zwar von material homogener Natur, in ihren Formaten (ihrer Bitlänge) aber unverwechselbar verschieden. Die Homogenisierung im elektronisch-digitalen Medium mag deshalb zur Multi- oder richtiger Unimedialisierung der Webfiction führen, ähnlich wie es derzeit generell opportun geworden scheint, fließende Grenzen zwischen Bild, Schrift und Schriftbild zur Medienphilosophiegrundlage zu erheben.[30] Technologisch jedoch setzt gerade die Überführung in elektronische Datenflüsse klare Demarkationslinien.

Unklar, weil zweideutig könnte allenfalls der Aspekt erscheinen, daß ausgerechnet für die Steuerung dieser Datenflüsse alphanumerische Codierungen zur Verfügung stehen. Um zu laufen, müssen Programme natürlich ebenso in elektronische Schaltkreise eingespeist werden. Aber die Ein- und Ausgabe kann in alphanumerischem Code - also wie Literatur - erfolgen. Donald E. Knuth, Pionier aller Programmiersprachentheorie, hat deshalb tatsächlich einmal angeregt, Computerprogramme wie literarische Dokumente anzusehen. Literate Programming nennt sich dieser Vorschlag, und wenn es eine Literaturwissenschaft digitaler Prozesse geben soll, dann als Textanalyse solcher Art.[31]

Freilich hat man es dann aber auch noch einmal mit wirklichem Text zu tun, mit Literatur - vor, nicht jenseits der Grenze ihrer Elektrifizierung. Knuths Hinweis auf den menschlichen Leser und nicht die Maschine als den Adressaten ist unzweideutig: »Instead of imagining that our main task is to instruct a computer what to do, let us concentrate on explaining to human beings what we want a computer to do.«[32] Derart entsteht wohl weiterhin: Literatur. 

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Anmerkungen:

[30] Auch dazu ein Komödien-Wort: »Die kritische Kritik (die Kritik der 'Literatur-Zeitung') ist um so lehrreicher, je mehr sie die Verkehrung der Wirklichkeit durch die Philosophie bis zur anschaulichsten Komödie vollendet« (Marx/Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, MEW II, 7).

[31] Vgl. Jörg Pflüger, Über die Verschiedenheit des maschinellen Sprachbaues, in: Norbert Bolz/Friedrich A. Kittler/Christoph Tholen (Hrsg.), Computer als Medium, München 1993, S. 161-181, sowie Wolfgang Hagen, Der Stil der Sourcen, in: Martin Warnke/Wolfgang Coy/Georg Christoph Tholen, HyperKult. Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien, Basel - Frankfurt/M. 1997, S. 33-68.

[32] Donald E. Knuth, Literate Programming, in: ders., a.a.O., S. 99-136 (hier: 99). Vgl. dagegen Kittler, Computeranalphabetismus, S. 241: »Der Stil ist der Mensch selber, hatte einst die Philosophie der Aufklärung triumphal verkündet; der Stil ist immer nur der mensch, den man adressiert, stellte die moderne Psychoanalyse richtig; den Stil vom Computerprogrammen bestimmen folglich keine Menschen mehr, sondern die Computer selbst.«