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Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Dotzler: Virtual Textuality

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4. Null oder Die Auslöschung: Literarische Absichten und der Tod der Literatur

Was aber hätte die Literaturwissenschaft mit der anderen Seite der Grenze zu schaffen? Wohl nicht mehr (wenn man gemäß dem medial engen Literaturbegriff einen ebenso engen Literaturtheoriebegriff vertritt: wohin die Disziplin sich faktisch bewegt, ist eine andere Frage) - wohl nicht mehr, als letztlich das Verschwinden der Literatur zu bedenken und davor vielleicht noch die rites de passage zu beobachten, die Arbeiten mit »literarischer Absicht«[33] an dieser Grenze vollführen.

Kill the poem[34] zum Beispiel ist selbst schon Computerspiel und nicht mehr literarischer Text. Mausklick für Mausklick wird das Bild eines Gedichts - Wort um Wort - ausgelöscht. Thema, wenn man so will, ist aber damit genau die Differenz zwischen Textualität und Elektrizität, wie sie selbst für die Hl. Schrift - die Schrift also - inzwischen 'amtlich' geworden ist: Das Wort Gott (Elohim) darf nach jüdisch-orthodoxer Lehre nie und nimmer ausradiert werden, im Computer gelöscht aber schon, so hat es unlängst »einer der führenden Rabbiner Israels«, Mosche Schaul Klein, bekanntgegeben. »Die Buchstaben auf dem Computerschirm bestehen aus Pixeln«, argumentierte er: »Selbst auf der Festplatte ist es nichts als eine Ansammlung von Einsen und Nullen.«[35]

Womöglich wäre überhaupt, während alle Literatur sich über Hölderlins »festen Buchstab« definiert, eine »Ästhetik [sog.] digitaler Literatur« über die Löschfunktion als Basisoperation zu entwickeln - und das um so mehr, als gerade die Netzprojekte, die dezidiert »literarische Absichten« vor sich her tragen, dahin tendieren, doch wieder »das Transfugale [das Flüchtige] einer Internetliteratur ins Gefugte des Literaturbuchs zurückzubinden«[36]. Es solle das Netz »langsam tatsächlich ein Ort für Literatur zu werden. Und ein Ort für tatsächliche Literatur«[37], hat Thomas Hettche in diesem Sinne beansprucht. Sein Null-Projekt wollte es so, und sein Romanessay Animationen (zeitgleich zu Null ebenfalls in Teilen ins Netz gestellt) sah oder sieht das nicht anders, nur umgekehrt: »Gleichwohl wird die Literatur nicht verschwinden«, macht er sich Mut, obwohl oder weil sein »Welcome to Compuserve« gleich zu Beginn vorwegnehmende Rückschau hält: »Die Gebäude der Sprachwelt, in der wir jetzt noch wohnen, werden bald schon weitgehend verlassen und unter dem Sand der Bilder begraben sein.«[38]

Beide Seiten gehören zusammen. Von Anfang an war Null bestimmt, zuerst »den besonderen Charakter des alten Speichermediums Buch« infrage zu stellen, um ihn dann zu »betonen«; von Anfang an hieß ihr Selbstbezug: »Und während ich schreibe, daß ich zu Beginn nicht habe glauben können, daß es einmal vorüber sein würde, vollendet sich tatsächlich eine Vergangenheit.«[39] Lange Zeit fungierte die Literatur als Medium wider den Tod: »Schreiben, um nicht zu sterben...«. Nun ist es vor allem der Tod ihrer selbst, der und den sie noch bannt.

 

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Anmerkungen:

[33] Schröder, Der Link, S. 46.

[34] Johannes Auer, Kill the poem (kill1), in/auf: Suter/Böhler, Hyperfiction.

[35] AP-Meldung vom 6.1.1999, zit. n. Jochen Hörisch, Ende der Vorstellung. Die Poesie der Medien, Frankfurt/M. 1999, S. 241.

[36] Suter/Böhler, Hyperfiction, S. 11.

[37] Null, S. 82.

[38] Thomas Hettche, Animationen, Köln 1999, S. 122 u. 12.

[39]Null, S. 5 u. 13.