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Forum "Ästhetik Digitaler Literatur"
Konferenzbericht

von Roberto Simanowski

Während eine Bedingung des E-Book-Awards war, dass das eingereichte Werk noch nicht als Buch veröffentlicht ist, schien eine Grundvoraussetzung des in Kassel am 20/22. 10. 2000 stattfindenen Forums, dass digitale Literatur gar nicht gedruckt werden kann. Dies war denn aber auch schon der kleinste gemeinsame Nenner; darüber hinaus hatte jeder seine eigene Vorstellung vom Gegenstand des Forums. Höchste Zeit also, sich einmal zu treffen und die verschiedenen theoretischen und methodischen Perspektiven einander mitzuteilen, zu konfrontieren und möglicherweise gegeneinander abzugleichen.

Genau dies dachten auch die Organisatoren Prof. Dr. Michael Giesecke und Dr. Christiane Heibach vom Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft / Medien der  Universität Erfurt, Prof. Dr. Winfried Nöth und Dr. Karin Wenz vom Projekt Selbstreferentialität des Wissenschaftlichen Zentrums für  Kulturforschung der Universität Kassel sowie Dr. Friedrich W. Block von der Stiftung Brückner-Kühner, als sie beschlossen, ein jährlich zwischen beiden Orten wechselndes Forum zur Ästhetik digitaler Literatur einzurichten. Als Beiträger des ersten Forums konnten Wissenschaftler und Netz-Aktivisten gewonnen werden, die auf diesem Feld keineswegs mehr Unbekannte sind (Johannes Auer, Susanne Berkenheger, Friedrich W. Block, Florian Cramer, Jürgen Daiber, Reinhard Döhl, Bernhard Dotzler, Christiane Heibach, Heiko Idensen, Markus Krajewski, Ruth Nestvold, Anja Rau, Gesine Leonore Schiewer, Roberto Simanowski, Beat Suter, Susana Pajares Tosca, Joseph Wallmannsberger, Uwe Wirth).Das Unternehmen ist gewagt in doppelter Hinsicht: Zum einen fehlt der digitalen Literatur noch die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums, zum anderen besitzt sie erwartungsgemäß wenig Freunde im akademischen Bereich, denn erstens ist sie kontaminiert durch Nachbarmedien wie Bild und Ton, zweitens basiert sie auf Technologie und ist mitunter schon nicht viel mehr als Technologie mit einem Programm als Autor und einem Text, der keinen Sinn macht. Trendsetter sein - so der zweite kleinste gemeinsame Nenner - ist Risiko in mehrfacher Hinsicht.

Wie dem auch sei, jemand muss die Grundlagenforschung machen, und an Fragen, die zu klären sind, fehlt es gewiss nicht: Wie ist digitale Literatur diachron und synchron ins Literatursystem einzuordnen, was sind ihre spezifischen zeichen- und medientheoretischen Qualitäten, wie verhalten sich Produktion, Distribution und Rezeption, was sind die ästhetischen Leitwerte und wie konvergieren oder opponieren sie den Werten der Moderne und Postmoderne? So lauteten die Fragen, die im Vorfeld ausgegeben wurden. Große Fässer also, und mancher fragte sich zuweilen, ob man wirklich alle auftun müsse. Und es gab noch manch anderen "can of worms': Wie verhält sich Virtualität zu Realität (lies noch einmal Platons Höhlengleichnis)! Inwiefern ist digitale Ästhetik in der romantischen Universalpoesie angelegt (geh zurück zu Athenaeumsfragment 116)!

Pragmatischer waren da schon Fragen, wie das Kind zu nennen ist, und hier waren sich alle einig, dass man sich überhaupt nicht einig ist. Sicher, niemand beging den Fehler, den Browser mit dem Netz zu verwechseln. Es war auch jedem klar, dass nicht alle intermedialen Projekte hypertextuell strukturiert sind. Aber was verdient den Namen digitale Literatur, wenn man an diesem denn als Dachbegriff festhalten will? Alles, was im digitalen Medium im Modus extensiver Verknüpfung geschaffen wird, wie einer der Vorschläge lautete? So wahr es ist, dass das Verfahren der Entstehung den Charakter des Endprodukts beeinflusst und somit der Text noch auf dem Papier die Digitalität seiner Herkunft erkennbar in sich tragen wird, so klar ist auch, dass damit andere Spielformen des Digitalen begrifflich nicht mehr gedeckt sind: Spielformen der Präsentation wie Prozeduralität des Textes (Stichwort Refresh-Tag) und Intermedialität (die sehr linear vonstatten gehen kann). Und was das Schlimmste ist: Einer der beiden kleinsten gemeinsamen Nenner ginge verloren, denn nach der Logik dieser Definition muss der Text nicht nur nicht mehr im digitalem Medium präsentiert werden, er muss auch nicht wirklich dort hergestellt werden, wie das Copy- and Paste-Verfahren belegt, das Tristan Tzara schon 1920er Jahren mit Zeitung und Schere propagierte.

Ein anderer Vorschlag verstand all das als digitale Literatur, was die digitalen Medien (sei es das Netz oder die CD-ROM) mit ästhetischen Zielen nutzte, die außerhalb des digitalen Settings nicht zu erreichen wären. Das betrifft dann Kombinatorik, Interaktivität (mit dem Programm / mit andern Usern), Intermedialität und Inszenierung (Vorprogrammierung des Rezeptionsprozesses). Auch dieser Ansatz kommt freilich in Erklärungsnöte, wenn man bedenkt, dass viele der anvisierten Phänomene ebenso als Videoinstallation funktionieren würden und dass es kombinatorische Dichtung ja auch in Papierform gibt. Ob dieser Umstand der medienüberschreitenden Merkmalsvorkommen schon mit der Zusatzbestimmung medientypisches oder -untypisches Phänomen geklärt werden kann, bedürfte noch der Diskussion.

Die ambivalenteste Versuchung war, den algorithmischen Code, also die 0-1-Variationen, als Literatur zu verstehen. Mit diesem endlich einmal von der Digitalität des Mediums ausgehenden weiten Textbegriff (der andererseits viel enger ist als der Lotmans) ist man gut gewappnet gegen den bekannten Einwand, Text-Bild-Sound-Werke seien doch keine Literatur mehr. Die großherzige Umarmung des Textes auf der Ebene des Programmcodes sahen beileibe nicht alle Teilnehmer des Forums gern, und zwar nicht nur, weil in der Konsequenz die Einführung in die Literaturwissenschaft künftig des Mathematikstudiums bedürfte. Die "Bildschirmfraktion" hielt die Speicherform für sekundär und akzentuierte vielmehr die Gestalt des Text auf der Oberfläche des Computers, also im unmittelbaren Interface. Dabei sahen die einen die Zukunft digitaler Literatur eher in programmgesteuerten Projekten der Text-Transformation, die anderen entnahmen dieser schnell erschöpften Entsemantisierung des Textes nur das Rauschen der immer wieder gleichen Metareflexion und setzten auf Wörter, die noch was bedeuten wollten, dies allerdings im neuartigen Verbund mit Bild und Ton und Zeit. Die provokante, aber u.U. richtige These hier hieß: Nichtlinearität auf der Präsentationsebene verlangt Linearität auf der Inhaltsebene - womit der Hypertext in den Verdacht des Rückschritts gegenüber der längst erreichten Raffinesse linearen Erzählens gerät.

Kurz und gut: Auf dem Forum wurde viel angerissen, aber nicht ausdiskutiert. Es lag eine Menge an Stichwörtern in der Luft, von denen man sich immer wieder leicht zu anderen, ebenso interessanten und ebenso ungeklärten treiben ließ. Ein bisschen sah es so aus, als wollten die Beteiligten sich dem Gegenstand angleichen und in der Weise des Hypertexts von einem Node zum nächsten springen, ohne jemals einen einzigen ganz auszulesen. Das ist gut so, wenn es darauf ankommt, zunächst Positionen zu markieren und Fragen auszurufen. Etwas mehr Verhandlungszeit nach den Beiträgen hätte der Sache freilich gut getan und wird im nächsten Jahr ebenso das Augenmerk der Planung haben müssen wie eine stärkere Ergebnisorientiertheit der Diskussion. Vielleicht wird man auch einen Teil der Diskussion ins Vorfeld verlagern und auf die Kenntnis der vorab versandten Beiträge bestehen. Die in Kassel verfolgte Vermischung theoretischer Erörterung mit Berichten aus der Praxis jedenfalls sollte man beibehalten, denn wenn man auch am Ende nicht weiß, was genau digitale Literatur ist, so weiß man nun doch, dass im Reich des Digitalen der Apfel nicht nur einen Wurm hat, sondern auch von diesem allmählich aufgefressen werden kann.

Image: Johannes Auer

 

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