Jan Ulrich Hasecke / 24. 02. 02 auf Portal der Mailingliste Netzliteratur.de

[http://imail.iuveno-net.de:11580/Netzliteratur/Members/juh/Bilanz.html]

Eine Mailingliste mit Einfluss

Über mehrere Jahre hinweg war die Mailingliste Netzliteratur ein Forum, in dem nicht nur lebhaft über Netzliteratur gestritten wurde, sondern in dem auch Ideen soweit Kontur gewannen, dass sie schließlich als Projekte erfolgreich umgesetzt werden konnten. Wie groß der Einfluss der Liste im einzelnen war und wieviele Projekte von ihr beeinflusst wurden, lässt sich nur schwer beziffern. Erwähnt seien deshalb hier bloß Guido Grigats 23:40 und das von mir redigierte GenerationenProjekt.

Beide Projekte wurden 1999 beim Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb, den Oliver Gassner, der Admin der Liste, organisierte, ausgezeichnet. Dieser Wettbewerb ist sicher ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Liste, weil in ihm zahlreiche Diskussionsstränge zusammenflossen und der Einfluss der Liste auf die Wahrnehmung von Netzliteratur einen Höhepunkte erreichte. So wurde in Ettlingen u.a. auch der Assoziations-Blaster von Alvar Freude und Dragan Espenschied prämiert, ein Projekt, das in der Folgezeit große Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Liste der nominierten und prämierten Projekte und die Laudatio von Dr. Michael Charlier lesen sich wie komprimierte Manifeste der ästhetischen Diskussionen in der Mailingliste Netzliteratur.

Bezeichnend ist jedoch auch, dass es zwischen den in Ettlingen vorgestellten Projekten kaum Berührungspunkte gibt, weder technische noch intellektuelle. Die Projekte, die zu gleichen Teilen den Themenpreis erhielten, das GenerationenProjekt und der Assoziations-Blaster könnten gegensätzlicher kaum sein. Sie scheinen zwei völlig verschiedenen Welten entsprungen zu sein: und zwar sowohl in technischer wie in intellektueller Hinsicht. Ich kann mir schlechterdings keinen herkömmlichen Literaturwettbewerb vorstellen, bei dem sich zwischen den Prämierten solche Welten auftun. Dass beide Projekte wenigstens zeitweise dennoch gemeinsam wahrgenommen wurden, spricht für die Integrationskraft des Mediums und der Mailingliste.

Natürlich ist es übertrieben, zu behaupten, dass fast jeder, der im deutschsprachigen Internet kulturell aktiv ist, irgendwann einmal Mitglied der Mailingliste Netzliteratur war. Dennoch steckt in dieser Behauptung ein Körnchen Wahrheit. Denn von Anfang an war die Mitgliederfluktuation in der Mailingliste recht groß, was auch nicht verwunderlich ist, war sie doch 1996 und 1997 mehr oder weniger das einzige Diskussionsforum für Journalisten, Schriftsteller, Designer und Künstler, die das Internet gerade erst als Medium für sich entdeckten.

Auch wenn die Liste von den Mitgliedern mittlerweile eher als ein Gesprächskreis nach Feierabend betrachtet wird, taucht sie in allen guten Linkliste als wichtige Ressource zur Thema Netzliteratur auf: ein Blick auf Google genügt, um festzustellen, dass die Mailingliste Netzliteratur einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausübte.

Wenn ich nun hier vorläufig Bilanz ziehe, so tue ich das in dem Bewusstsein, dass mein subjektives Resumee von anderen ehemaligen und aktuellen Teilnehmern der Liste als eine glatte Bilanzfälschung betrachtet werden wird.

Die Illusion einer Community

Über einige Jahre hinweg schuf die Mailingliste Netzliteratur die Illusion einer Community, bestehend aus engagierten Autoren und Publizisten, die im Internet neue literarische Kommunikationsformen ausprobieren wollten.

In den ersten Jahren gaukelte einem die Tatsache, dass man sich im gleichen jungfräulichen Raum aufhielt, Gemeinsamkeiten vor, die in dem Moment verschwanden, als das Internet als kultureller Raum vollständig besiedelt war. Bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre hinein, war das Publizieren im Internet ein emphatischer Life-Style-Gestus, der auch die gegensätzlichsten Gemüter zusammenschmiedete.

Doch wes Geistes Kind man ist, erkennt man nicht mehr an der Benutzung einer Markup-Sprache, sondern an dem, was man damit ausdrückt. Mit der Zeit wurden die Unterschiede so gravierend, dass von Netzliteratur als einer substantiell zusammenhängenden kulturellen Bewegung nicht mehr gesprochen werden kann.

Die Illusion einer ökonomisch tragfähigen Existenz

Etwa zu der Zeit als die Türme des World Trade Center in sich zusammenstürzten, platzte vielen Buchhaltern in den Medienkonzernen der Kragen. Überall wurden kostenlose Angebote eingestellt oder der meist gescheiterte Versuch unternommen, sie kostenpflichtig zu machen.

Was den Konzernen den Break Even vermieste, macht mittlerweile auch den meisten netzliterarischen Projekten schwer zu schaffen, auch wenn sie nie die Absicht hatten, im Internet Profite zu erwirtschaften. Im Internet lässt sich im Grunde kein Geld verdienen.

Kaum ein kulturelles Internetangebot arbeitet momentan kostendeckend. Ohne die massive Selbstausbeutung der Macher wären die meisten Projekte längst zu ausgestorbenen Datenfriedhöfen herabgesunken, deren verstaubte Seiten irgendwann im letzten Jahrhundert zuletzt geändert wurden. Neue Projekte kommen meines Wissens kaum noch hinzu und die Vitalität bestehender Projekt nimmt dramatisch ab. Das Einzige was in den letzten beiden Jahren noch florierte, war die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Internetliteratur in Magisterarbeiten.

Viele der etablierten Projekte wie das LiteraturCafe von Woflgang Tischer, das Berliner Zimmer von Sabrina Ortmann und Enno E. Peter, Carpe von Oliver Gassner, Kolumnen von Guido Grigat, Dichtung digital von Roberto Simanowski oder die Textgalerie von Dirk Schröder sind im Grunde nur noch mit einem Teilzeitredakteur zu bewältigen. Und Einzelwerke wie Hilfe von Susanne Berkenheger oder Tagebücher wie Digital Diary von Claudia Klinger und juh's Sudelbuch erfordern, nüchtern betrachtet, einen ebenso großen Arbeitsaufwand wie ein konventioneller Romans. Nur seinen Mann ernährt ein solches Oeuvre nicht.

Da bisher im Internet noch kein flächendeckendes Mikropayment verfügbar ist, versuchen einige Hypertext-Autoren wie z.B. Susanne Berkenheger ihre Werke auf CD-ROM zu versilbern, während andere, wie ich selbst auch, ihre Online-Texte als Buch herausbringen, was aber, wie es aussieht, im Falle des Sudelbuchs bloß ein zusätzliches Zuschussgeschäft werden wird.

Da es für Netzautoren keine realistische, wirtschaftliche Existenz im Internet gibt, wird das, was wir als Netzliteratur bezeichnen, sehr schnell wieder vom Bildschirm verschwinden.

Die Illusion eines gemeinsamen Publikums

Gibt es eigentlich noch Leser, die all das lesen, was Netzautoren schreiben. Logfiles sind trügerisch. Sind das Menschen, die dort auf die Seiten zugreifen, oder Suchmaschinen? Ich verlasse mich da lieber auf echte Leser-Reaktionen per E-Mail oder betrachte die Zahl derjenigen, die das Sudelbuch per E-Mail bekommen. Und das sind immerhin schon über 400 Personen, die meine Texte teilweise an andere Personen weiterleiten, sodass die Zahl der "garantierten" Leser noch ein wenig höher liegen dürfte. Doch was sagt diese Zahl aus? Womit lässt sie sich vergleichen? Die Newsletter des LiteraturCafes oder des Berliner Zimmers werden von wesentlich mehr Personen abonniert. Aber sie sprechen ein breiteres Publikum an und sind als Appetithäppchen konzipiert, die dazu verführen sollen, zur jeweiligen Homepage zu surfen und dort das eigentlich Menü zu genießen.

Es gibt Leser, soviel ist klar. Aber man sollte sich keine Illusionen machen. Es ist ein eng begrenzter, literarischer Zirkel, der zudem völlig projektbezogen ist. Es gibt die Leser des Sudelbuchs und es gibt die Leser von Hypertexten wie "Hilfe". Das heißt, Netzliteratur lässt sich kaum noch über eine gemeinsame Leserschaft definieren. Das mag in den Anfängen anders gewesen sein. Heute hat jedes Projekt seine eigene Leserschaft, die sich zum größten Teil nicht überschneidet. Von den 44 Newsletter-Abonnenten des GenerationenProjekt scheint jedenfalls keiner gleichzeitig auch das Sudelbuch abonniert zu haben.

Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum Internet-Literaturwettbewerbe mehr und mehr ins Leere laufen. Sie treffen weder auf eine halbwegs heterogene Schar Autoren noch auf ein gemeinsames Publikum, wie dies beim ersten und zweiten Pegasus-Wettbewerb noch der Fall gewesen zu sein schien.

Die Illusion einer netzliterarischen Zukunft

Dirk Schröder veranstaltet gerade einen Literaturwettbewerb, bei dem er Preise ausgeschrieben hat, die den Siegern Kosten verursachen werden. Zu gewinnen gibt nämlich es Domainnamen wie fernsehn.de poetik.de und literaturzeitung.de. Vor einigen Jahren hätten große Verlage vielleicht noch Bestsellerautoren als Strohmänner ins Rennen geschickt, um sich diese Domains zu sichern. Doch heute sind vom einstigen Domainnamen-Goldrausch bloß noch Geisterstädte übriggeblieben. Wie dem auch sei: Dirk Schörder erhebt erstmals das ökonomische Prinzip des Internets, keiner verdient, nur DENIC kassiert, zum Prinzip seines Literaturwettbewerbs, bei dem ausdrücklich konventionelle Texte erwünscht sind, die auf Papier ausgedruckt werden können. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Domainnamen sind Schall und Rauch. Sie verursachen nichts als Kosten und um unter ihrer Adresse den Lesern ein attraktives Angebot zu machen, muss man entweder sehr viel Lebenszeit oder sehr viel Geld in sie investieren. Und zumindest ersteres ist bekanntlich nicht vermehrbar.

Der kurze Sommer der Netzliteratur scheint vorbei zu sein und wir suchen verzweifelt nach den Früchten eines wilden Frühlings, in dem vieles möglich schien. Fast alle Hoffnungen, dass sich durch die Gegebenheiten des neuen Mediums neue, lebensfähige Literaturformen entwickeln würden, sind zerschlagen. Es hat sich gezeigt, dass das Literarische im Internet den gleichen Bedingungen unterworfen ist wie außerhalb des neuen Mediums. Einige Projekte haben eine Qualität erreicht, die ein Garant dafür ist, dass sie weiterleben werden, wenn ihre Existenz, und damit ist vor allem die materielle Existenz ihrer Macher gemeint, gesichert ist. Nur wenn die Autoren und Redakteure kultureller Internetprojekte von ihrer Arbeit leben können, werden die Projekte auf Dauer überleben. Nach Feierabend kann man keine Qualitätssicherung erwarten.

Was tun?

Wenn die Netzliteratur am Ende ist, kann die Mailingliste Netzliteratur bloß noch historische oder nostalgische Diskussionen führen. Sie kann sich aber auch als ökonomische Interessensvertretung der Netzliteraten verstehen und versuchen, den bestehenden Projekten realistische Existenzchancen zu verschaffen.

Natürlich ist es schöner über die Metaphysik des Hyperlinks zu diskutieren, aber die wahren Schlachten werden woanders geschlagen. Es ist an der Zeit, dass die Netzliteraturszene in Deutschland anfängt, personelle und technische Ressourcen zu bündeln und ein professionelles Fundraising zu betreiben.

Kultur im Internet ist nicht zum Nulltarif zu haben. Ein Markt für Kultur existiert aber im Internet ebensowenig wie außerhalb. Die Kostenlos-Kultur im Internet hat die grundsätzliche menschliche Erfahrung, dass Kultur ein Luxus ist, den keiner bezahlen kann, zeitweise verdrängt. Nun, da einige Internetprojekte, wie z.B. Dichtung Digital Teile ihres Angebots kostenpflichtig machen, gelangt diese Erkenntnis langsam wieder ins Bewusstsein. Kultur ist nie kostendeckend und auf dem Unterhaltungsmarkt niemals konkurrenzfähig. Das bedeutet nichts anderes, als dass Dichtung Digital mit seinem Versuch, durch ein kostenpflichtiges Archiv kostendeckend zu arbeiten, scheitern wird. Die Zahl derjenigen, die bereit sind, zu zahlen, wird immer zu niedrig sein.

Die Schere geht immer weiter auseinander: Gute Kulturprojekte im Internet sind nur durch einen Arbeitsaufwand zu realisieren, der mindestens einer Teilzeitbeschäftigung gleichkommt. Doch das Geld, um diese Halbtagskraft zu bezahlen, wird niemals durch die Leser hereinkommen. Dem unbezahlten Redakteur bleibt also nichts anderes übrig, als den Zeitaufwand, den er für sein Projekt aufwendet, zu reduzieren. Will man unter diesen Bedingungen kulturelle Projekte im Internet retten, gibt es nur zwei Auswege.

  1. Bündelung von Ressourcen; also Kostensenkung durch Nutzung einer gemeinsamen Infrastruktur oder Konzentration auf das Wesentliche. Dass heißt in letzter Konsequenz: weniger Projekte, die von mehreren Personen in ihrer Freizeit unentgeltlich gestemmt werden.
  2. Staatliche Förderung.

Die Botschaft, dass Kultur im Internet nicht zum Nulltarif zu haben ist, muss endlich dort angekommen, wo die Kulturetats verwaltet werden. Bekanntlich muss man seine Stimme sehr erheben, um in den Provinzhauptstädten und in Berlin gehört zu werden. Ein Umdenken in den Kulturbürokratien ist daher nur vorstellbar, wenn die Botschaft, angeregt durch öffentlichkeitswirksame Aktionen, auch von den klassischen Medien aufgegriffen und weitervermittelt wird.

Offline-Woche

Vorstellbar sind sicher viele Aktionen. Ich aber schlage eine Offline-Woche vor, an dem alle unentgeltlich arbeitenden Projektleiter, Autoren und Redakteuere in einem vernetzten Generalstreik ihr Angebot vom Netz nehmen, um gegen die Ungleichbehandlung von Offline- und Online-Kultur zu protestieren. Wenn lapidare Filmkomödien, Popfestivals, kommunale Theaterlandschaften und zahllose andere Kultur-Events mit Millionen gefördert werden, dann darf die Internetkultur nicht leer ausgehen, denn auch sie ist, wie jede Kultur ohne öffentliche Förderung nicht lebensfähig.