www.dichtung-digital.de/IASL-Forum


Jürgen Daiber

Meine Ausführungen kreisen im folgenden im wesentlichen um drei Fragestellungen:

Erstens: Inwieweit unterscheidet sich traditionelle Literatur, wie sie uns in Buchform vorliegt, im Hinblick auf den Darstellungs- und Rezeptionsmodus der Linearität von Hyperfiction-Literatur?

  • Dieser Punkt ist weitgehendst erforscht. Hyperfiction verfügt gegenüber dem Buch über eine Größe, die man als informationellen Mehrwert bezeichnen könnte. Die Komponenten dieses Mehrwerts seien stichpunktartig aufgelistet: a) Multimedialität – Die Möglichkeit unterschiedliche Text- Bild- und Tonmedien miteinander interagieren zu lassen. b) Hypertext: Die nicht-lineare Organisation und Präsentation dieser Informationseinheiten, was schlicht und ergreifend bedeutet, daß dem Leser beim Gang durch den Hypertext mehrere Pfade der Lektüre offenstehen. c) Interaktivität: Dies meint, daß der Rezepient im ursprünglichsten Sinne des Wortes als Vollender des Kunstwerks zu agieren vermag. Besagtes vollzieht sich über sogenannte offene links, also Verbindungen, die vom Rezipienten gefüllt werden können und als Notizen, Kommentare oder als Weiterführung des Textes in das vorgegebene Autorenprodukt integriert werden.

Zweitens: Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive wesentlich interessanter ist die Frage, wie diese vorgebliche Nicht-Linearität der Hyperfictions mittels oben genannter Kriterien den Akt der Rezeption beeinflußt.

Hier spalten sich die Lager. Netzpuristen wie Idensen oder Bolz sehen durch den Hypertext die Mythen der Textgesellschaft – geschlossener Text, feststehende Autorenschaft, Legitimation der Poesie im Kontext der sinnstiftenden Meta-Erzählungen – ad absurdum geführt. Dies klingt provokant und im 21. Jahrhundert gehört mehr denn je Klappern zum Handwerk. Auf die empirische Basis hin abgeklopft, kommt derartige Argumentation erstaunlich schwachbrüstig daher. Unklar ist – eben aufgrund zu weniger empirischer Studien – inwieweit die vernetzte Wissensrepräsentation den Akt der Rezeption tatsächlich erweitert. Herauszukristallisieren beginnt sich immerhin, daß die nicht-lineare Form der Wissensorganisation vor allem jener Rezipientengruppe zugute kommt, die a) über einen hohen Stand an Vorwissen in dem digital aufbereiteten Wissensgebiet verfügt und b) Handlungskompetenz im Navigieren durch die Datenbasis eines Hypertextes besitzt.

  • Auf die Literatur gemünzt bedeutet dies, daß der ästhetische Reiz bei der Lektüre eines Hypertextes in der Aufdeckung dessen verdeckter Referenzen besteht. Der Rezipient wird zu einer Art Spürhund, der sich durch das Netzwerk der Bezüge und Verweise schnüffelt. Ob er erfolgreich bei seiner Suche ist, – und allein von solchem Erfolg hängt der ästhetische Reiz und das geweckte kreative Potential ab – steht und fällt a) mit der Elaboriertheit der Link-Semantik des jeweiligen Hypertextes und b) mit den oben beschriebenen Kompetenzen, über die der Rezipient verfügt oder eben nicht verfügt.

Drittens: Ist nun die Linearität der Erzählung tatsächlich jener Fluch, den Hyperfiction nicht schnell genug abschütteln kann? Entspricht sie nicht eher einem zutiefst verinnerlichten menschlichen Wahrnehmungmodus? Bedeutet Verzicht auf lineare Struktur nicht zugleich auch Verzicht auf die Gabe der Erzählung?

Aus hermeneutischer Perspektive gilt der bekannte Grundsatz, daß Rezipienteninteresse nur über eine schrittweise Abnahme der Erkenntnisdifferenz zwischen Text und Rezipient zu leisten ist. Der Leser unterzieht sich nur dann der Mühe der Rekonstruktion einer ihm unbekannten Weltversion, wenn ihm der Text dieses Wechselspiel von Bekanntem und Unbekanntem, von kontingenten und kohärenten Bausteinen bietet. Nur Bekanntes langweilt, nur Codiertes nicht minder. Was sich dazu dem mehrmaligen Versuch einer Sinnkonstruktion verweigert, wird gnadenlos weggeklickt, daran wird sich auch – oder vor allem – Netzliteratur zu orientieren haben. Bereits Umberto Eco hat in seiner berühmten Definition des offenen Kunstwerks darauf aufmerksam gemacht, daß der Versuch, mehrere Bedeutungsebenen zu konzipieren und den Text dadurch zu "öffnen", stets mit der Gefahr gekoppelt ist, über einen zu starken Verzicht auf Linearität, in diesem Falle einen Kausalnexus innerhalb der Handlung, das Leserinteresse zum Erlahmen zu bringen.

Einfacher ausgedrückt: Wo wir in der Erzählung mittelfristig keinen roten Faden finden, werfen wir das Knäuel in die Ecke.

Prognose:
Hyperfictions werden daher – wollen Sie eine Zukunft haben – sich einem Spagat unterziehen müssen.

Sie sollten mit dem linken Bein die Chancen des Mediums Computer – Multimedia, Hypertext – nutzen. (Ob Interaktivität, also Mitschreibprojekte als praktizierte Basisdemokratie im Reich der Ästhetik sich als Qualitätsmerkmal von Netzliteratur durchsetzen werden, würde ich bezweifeln. Wenn hundert schmachtende Jünglinge sich zusammentun und der Tastatur ihre literarischen Phantasien einbläuen, werden unter Umständen interessante Dada-Konstruktionen entstehen, sicher aber kein zweiter Don Carlos.)

Das rechte Bein des Hyperfiction Garde sollte den Boden der guten alten Erzähltradition zumindest noch berühren. Anders gesagt: Ich sollte einmal beherrscht haben, womit ich zu brechen gedenke: Erzählpositionen, Zeitverhältnisse, Figurenkonstellationen, Motivgeflechte etc. ...). Allzuoft verbirgt sich hinter dem revolutionären Gestus, mit jeglicher Form zu brechen, bei den Netzautoren fehlende Gestaltungskompetenz. Aber das Medium ist noch jung und der digitale Schiller wird nicht jede Woche geboren.

Ein Bein mit Bodenberührung, das andere im Hypertext, den Kopf in den Lüften – die Zukunft besteht aus Null und Eins.

________________________________________________
==> Reinhard Döhl / top / Rundgespräch / index-Forum