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Georg Jäger

Haben wissenschaftliche Zeitschriften eine Zukunft?
Und wenn ja: welche?


Inhalt

1. Eine Vision
2. Aktualität und Periodizität
3. Verstetigung von Aktualität und
Aufsplitterung der Periodizität in disperse Eigenzeiten

4. Die Auflösung der Publikationseinheiten
5. Konsequenzen für die Publikationseinheit >Zeitschrift<
6. Zeitschrift und Datenbank


1. Eine Vision

Was wird von wissenschaftlichen Zeitschriften im Zeitalter vernetzter elektronischer Kommunikation bleiben, wenn sie ihre Funktion für die Wissenschaft weiterhin erfüllen wollen? Gehen wir von einer Vision aus: Nichts als Gutachtergremien zur Zertifizierung wissenschaftlicher Qualität.

Zum Zweck der Verleihung von Qualitätsausweisen wählen die Fachleute unter den neuen Publikationen aus und halten dadurch Qualität knapp.

  • Funktion der Selektion bzw. Komplexitätsreduktion

An diese dergestalt markierten Beiträge wird die weitere wissenschaftliche Arbeit im Regelfall – im Normalbetrieb der Wissenschaft – anschließen.

  • Herstellung von Anschlußfähigkeit in der wissenschaftlichen Kommunikation

Mit diesen beiden Funktionen würden solche Gremien die entscheidenden, auch im Zeitalter vernetzter elektronischer Kommunikation verbleibenden Aufgaben wissenschaftlicher Zeitschriften erfüllen:

  1. Eine fachwissenschaftlich wertende Auswahl unter den neuen Publikationen und damit Komplexitätsreduktion angesichts der Überfülle von Veröffentlichungen.
  2. Herstellung von Anschlußfähigkeit im wissenschaftlichen Diskurs durch Markierung ausgesuchter Beiträge.

Das Zertifikat, das wissenschaftliche Qualität beglaubigt, steuert die Richtung der wissenschaftlichen Diskussion und Forschung. Es gibt vor, welche Publikationen den Diskussions- oder Forschungsstand repräsentieren. An sie hat die weitere Arbeit anzuknüpfen, an ihnen hat sich der Fortschritt zu bemessen.

Eine Reihe anderer Eigenschaften wissenschaftlicher Zeitschriften wird hinfällig. Und das sind genau diejenigen Eigenschaften, worin die Zeitschrift als Publikationsform dem Druck verpflichter war.


2. Aktualität und Periodizität

Wissenschaftliche Erkenntnisse haben einen Neuigkeitswert für die "scientific community" und erfordern darum eine schnelle Veröffentlichung.

Damit tut sich die Druckkultur schwer. Denn die drucktechnische Herstellung erfordert Zeit und erzeugt abgeschlossene Einheiten; das Manuskript wird zu einem Druckwerk umgewandelt, das nachträglich nicht mehr verändert werden kann. Zum Zweck aktueller Information bildete sich unter diesen Gegebenheiten das Prinzip der Periodizität aus. Die Druckkultur macht Aktualität über Periodizität operabel: Die mit gleichbleibender Adresse (Titelei) versehenen gedruckten Einheiten – Zeitschrift, Zeitung – folgen aufeinander in vorab festgesetzten Zeitabständen.

Auf diese Weise entsteht eine zeitlich strukturierte Erwartungserwartung: Man weiß, was für eine Art Publikation (Rubriken, Seiten, Tenor) wann neu herauskommt, aber eben nicht, was für Texte darin stehen werden. Diese Problemlage wird im Begriff des Programms zusammengefaßt. Als Elemente eines Programms können gelten:

  • die Trennung von Publikationsform (Rubriken und inhaltliche Ausrichtung des periodischen Erzeugnisses) und Einzeltext sowie die daraus folgende
  • Trennung von stabilem Rahmen und je neuer Füllung.

Das Programm ist das Dauerhafte, für Aktualität sorgen die jeweils neuen Texte. Als Ordnungsraster ist das Programm den Einzeltexten hierarchisch übergeordnet, wie aus den gleichbleibenden Überschriften der Rubriken oder Seiten hervorgeht. Für die Zeitstruktur ist charakteristisch, daß der Information, dem kommunikativen Ereignis, jeweils ein informationsloser, also in diesem Sinne ereignisloser Zustand folgt. Periodizität regelt das Schema dieses Intervalls.

Programme werden heute von vielen Medien genutzt – Theater, Presse, Rundfunk, Fernsehen usw. operieren mit jeweils unterschiedlichen Programmen. Als Schematisierung von Erwartungserwartung haben sich Programme kulturell tief eingewurzelt; sowohl Produzenten wie Rezipienten gehen selbstverständlich damit um.

Neben der

  • Strukturierung von Zeit

wird dabei oft die

  • Möglichkeit der Bezugnahme,

d.h. der Bildung eines Metatextes über einen Primärtext genutzt. Prototypisch liegt dieses Muster in der >Nachricht< und dem auf diese Nachricht bezogenen >Kommentar< vor.


3. Verstetigung von Aktualität und
Aufsplitterung der Periodizität in disperse Eigenzeiten

Die Veränderungen in der E-Kommunikation gehen auf ein grundlegend anderes Verhältnis von Maschine und Produkt zurück. In der Druckkultur wird das Produkt von der Maschine (Satz, Druck, Bindung) fertiggestellt und ausgegeben; die Nutzung des Produkts erfolgt unabhängig von der Maschine. In der E-Kommunikation sind Maschine und Produkt nicht trennbar: Jede Nutzung setzt die laufende Maschine voraus, die je aktuell generiert, was auf dem Bildschirm erscheint. Auf diese Tatsache gehen Interaktivität und Prozeßcharakter allen elektronischen Publizierens zurück (vgl. Termini wie "dynamische", "lebende", "offene" Texte).

Auf Grund der gewandelten technischen Grundlage der Kommunikation löst sich Aktualität aus der Bindung an Periodizität; Aktualität wird verstetigt. Dieser Vorgang hat mehrere Aspekte:

  • Technisch ist jederzeit eine Aktualisierung des Textes oder ein Austausch des einen Textes gegen einen anderen möglich. Darum läßt sich eine Information (fast) zeitgleich mit ihrem Erhalt oder ihrer Formulierung ins Netz stellen. Realisiert wird dies z.B. dort, wo Agenturmeldungen maschinell in die eigene Website übernommen werden – wie es in Portalen von Suchmaschinen üblich ist.
  • Im Unterschied zum Printprodukt können in einem Ordnungsrahmen elektronischer Produkte – wie ihn ein Portal oder ein Verzeichnis im Internet darstellen – unterschiedliche Eigenzeiten koexistieren. Wenn Sportergebnisse anfallen, wird im Sportteil die Zeit schneller fließen; wenn Wahlen anstehen, wird sich die Eigenzeit der politischen Berichterstattung beschleunigen ...

Stabil ist in einer Welt elektronischer Kommunikation nur der Wandel; Zeiten des Stillstandes – eine ereignislose, weil informationsleere Zeit – gibt es nicht mehr. Aus der Druckkultur und den audiovisuellen Massenmedien wird zwar das Ordnungsschema des Programms ins Internet übernommen, aber es löst sich von seiner Bindung an Periodizität, d.h. an ein den Programmteilen übergeordnetes zeitliches Schema.

Damit radikalisiert sich im Internet eine Zeitstruktur, der die audiovisuellen Medien mit ihrer schnellen Abfolge von Programmteilen – besonders von Nachrichten und Kommentaren – vorgearbeitet haben. Da aber Radio und Fernsehen an den ganzheitlichen Zeitablauf der Sendung gebunden sind, können sie die Einheit der Zeit nicht sprengen. Trotz aller Beschleunigung bleibt ihr Programm somit der Periodizität verhaftet.

Zu einer Aufsplitterung der Periodizität in disperse Eigenzeiten kommt es erst in der elektronischen Kommunikation.


4. Die Auflösung der Publikationseinheiten

In der "Aufsplitterung der Periodizität in disperse Eigenzeiten" zeigen sich zwei Tendenzen, die der elektronischen Kommunikation aus Sicht der Druckkultur inhärent sind:

  1. die Tendenz zur Fragmentierung und
  2. die Tendenz zur (Re)Kombination.

E-Kommunikation ist von Haus aus auf Montage angelegt – nicht nur in diesem Sinn weisen die künstlerischen Avantgarden und moderne Texttheorien (Vielstimmigkeit, Dezentrierung) auf die elektronische Kommunikation voraus (das große Thema von George P. Landow: Hypertext 2.0, erstmals 1992).

In positiver Sicht lassen sich beide Tendenzen im Bild des Netzes zusammenfassen. Die jeweiligen Einzelteile sind die Knoten oder Module, die unterschiedlich miteinander verbunden werden können. Die aktuellen Verbindungen werden durch Links oder Indizierungen vorgegeben oder durch Suchmaschinen hergestellt.

Als neue Textformen entstehen auf dem Netz miteinander verlinkte Seiten, die gemeinsam ein Problem bzw. einen Sachverhalt vorstellen – nach dem klassischen Muster des Victorian Web – oder ein Konzept entwickeln – wie in Tim Guays WEB Publishing Paradigms. Auf jeder Seite wird ein Begriff unter Bezug auf verlinkte Nachbarbegriffe auf anderen Seiten definiert. Auf diese Weise entsteht ein polykontexturales Gebilde von aufeinander verweisenden Begriffen; ein Set von Karten, die jeder Nutzer neu mischt. Wo Hierarchien unter den Begriffen bestehen, sind sie flach; die Unterscheidung nach Definition und Kommentar verschleift sich.


5. Konsequenzen
für die Publikationseinheit >Zeitschrift<

Nehmen wir das Beispiel einer wissenschaftlichen Print-Zeitschrift, die vierteljährlich erscheint und die Rubriken Artikel und Rezensionen hat. Gehen wir davon aus, daß sie auch in einer elektronischen Volltextversion vertrieben und in einer umfassenden Datenbank zusammen mit anderen fachlich einschlägigen Zeitschriften angeboten wird. Diese Datenbank soll über eine Suchmaschine verfügen. Diese Situation ist in vielen (vor allem naturwissenschaftlichen) Bereichen bereits gegeben. Gehen wir von der Kommunikation auf dem Netz aus und sehen wir zu, was geschehen wird.

Die Publikationseinheit >Zeitschrift< wird sich zuerst auf Seiten des Rezipienten, später auch auf Seiten des Produzenten auflösen:

  • Der Nutzer wird seine ihn interessierenden Suchworte in die Suchmaschine eingeben und eine Anzahl von Beiträgen aus verschiedenen Organen angezeigt erhalten. Die Suchmaschine negiert ebenso wie die ihr zugrunde liegende Datenbank die nominelle Einheit einer Zeitschrift wie auch die materielle Publikationseinheit. Aufbereitet, gesucht und gefunden wird quer durch die Zeitschriften und die Publikationseinheiten (Bände, Hefte, Jahrgänge usw.).

    Die bibliographische Erschließung der Zeitschrifteninhalte ist der Publikationseinheit >Zeitschrift< nicht mehr zeitlich nachgeordnet. Vielmehr sind mit der elektronischen Publikation auch die Suchmöglichkeiten (Schlüsselworte in den Metadaten; Volltextrecherche) gegeben.

  • Wenn die Herstellung (Redaktion, Verlag) die Möglichkeit der Netzpublikation nutzt, wird sie die angenommenen und redigierten Texte sofort ins Netz stellen und nicht warten, bis eine Publikationseinheit – der nächste Band, das folgende Heft – fertiggestellt ist. Der Imperativ "online first" trägt der Devise "time to market" Rechnung (Börsenblatt 58 / 23. Juli 1999, S.10). Von entscheidender Bedeutung ist das Publikationsdatum, d.h. das Datum der Einstellung ins Netz, das jedem Artikel individuell beigegeben wird. Die an Periodizität gebundene Publikationseinheit >Zeitschrift< löst sich also auch produktionsseitig auf.

    Rein elektronische Zeitschriften, die dieser neuen Situation Rechnung tragen, verzichten auf die drucktechnisch bedingten Publikationseinheiten. Doch kann eine zeitliche Schematisierung – z.B. jeden Monat ein neues Heft – der Herstellung von Aufmerksamkeit bzw. der Ausbildung einer Erwartungshaltung auch im Netz dienlich sein.

  • Auch bibliographisch löst sich die Publikationseinheit >Zeitschrift< in ihre Beiträge auf. Durch den 1968 eingeführten "Digital Object Identifier (DOI)" werden digitale Objekte identifizierbar – und zwar zeitlich überdauernd, unabhängig davon, auf welchem Server die Datei liegt, und auch medienübergreifend (bei einer zusätzlichen Publikation im Druck oder auf CD-ROM). Beispielhaft geht diesen Weg der wissenschaftliche Springer-Verlag mit Link, einer Datenbank mit etwa 500 Zeitschriften. An einer ergänzenden Kennung (Uniform Resource Name, URN) für nicht kommerziell vertriebene Produkte arbeiten die Bibliotheken.
  • Noch weiter gehen verschiedene Arten der Verlinkung. Die Artikel in ein und derselben Datenbank, die aufeinander Bezug nehmen, zu verlinken, bietet sich an. Dies kann nach rückwärts (Links zurück zu den Beiträgen, auf die sich der betreffenden Artikel bezieht) wie nach vorwärts (Links vorwärts zu den Beiträgen, die sich auf den betreffenden Artikel beziehen) geschehen. In beiden Fällen kommt es darauf an, daß die Adresse (URL) stabil bleibt und der Text nicht verändert wird. Meist ist dies bei Adressen außerhalb der eigenen Datenbank nicht zu gewährleisten.

    Wohl aber durch "reference-linking": "Zwölf wissenschaftliche Verlage und Gesellschaften haben im November [1999] eine Kooperation unterzeichnet, die eine Vernetzung ihrer Online-Journale vorsieht. Damit wird eine Verknüpfung von Literaturverweisen mit entsprechenden Beiträgen in elektronischen Publikationen ermöglicht." (Börsenblatt 98 / 10. Dezember 1999, S.10) Den Anfang machen etwa 3 Millionen Artikel, pro Jahr sollen mehr als eine halbe Million weiterer Artikel folgen. Die Verlinkung stützt sich auf den DOI-Standard, der sicherstellen soll, daß Texte unverändert und langfristig verfügbar bleiben.


6. Zeitschrift und Datenbank

Werden somit Zeitschriften von Datenbanken als Publikationsort neuer Forschungsergebnisse abgelöst? Das große Vorbild fachspezifischer Datenbanken ist das Los Alamos Eprint Archive – eine Datenbank für Hochenergiephysik und angrenzende Disziplinen, die über 25.000 Papers pro Jahr erhält. An diesem Vorbild orientiert sich beispielsweise CogPrints. Cognitive Sciences Eprint Archive für Psychologie, Neurowissenschaft, Linguistik und andere einschlägige Disziplinen. Neben solchen Datenbanken verlieren Zeitschriften aber nicht notwendig ihre Funktion. Vielmehr kommt es bislang meist zu einer Funktionsteilung:

Archive dienen in erster Linie der Kommunikation von fachlich noch nicht bewerteten Preprints, mithin der schnellen und umstandslosen Kommunikation von Forschungsergebnissen. Das "Los Alamos Eprint Archive" ist aus einem Verteiler grauer Literatur hervorgegangen, denn in der Physik konnte und wollte man nicht auf den Druck der Forschungsergebnisse warten. Erst die Zeitschrift aber ist das Sieb, das die Spreu vom Weizen trennt. Die Aufnahme (häufig erst nach Umarbeitungen) in ein renommiertes Organ sorgt für >Kredit< im Fach, verleiht Reputation und befördert die Karriere. Auch wünschen sich viele Wissenschaftler eine gedruckte Version zum Vorzeigen und Verschenken (das Syndrom des Sonderdrucks).

Möglicherweise ist diese funktionale Allianz von Datenbank und Zeitschrift aber nicht von Dauer. Wenn es gelingt, die Metadaten so auszugestalten, daß Suchmaschinen die Beiträge zu einem Fachgebiet erkennen und zusammenführen, würden zentrale Datenbanken ihrer >raison d'être< verlustig gehen. Fachlich zusammengehörige Dateien könnten dezentral auf den Rechnern lokaler Rechenzentren – an der Hochschule oder der Institution, an der der Wissenschaftler tätig ist – liegen. Die Zertifizierung durch ein Gutachtergremium wäre nicht notwendiger Weise mit der Aufnahme in eine bestimmte Datenbank und der Bereitstellung auf einem bestimmten Server verbunden.

Von der Zeitschrift bliebe nichts übrig – als ihre zentrale Funktion für die Wissenschaft: die Zertifizierung von Qualität. Personell würde sich die Organisation einer Zeitschrift auf ein Gutachtergremium reduzieren, das aus dem Herausgebergremium (Herausgeber, Beirat) einer traditionellen Zeitschrift hervorgehen, von einer Fachgesellschaft ernannt oder von den Wissenschaftlern (ähnlich wie die Fachgutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft) gewählt werden könnte.

Denn Wissenschaft ist demokratisch darin – und nur darin –, daß sie die wissenschaftliche Bewertung ihrer Forschungsergebnisse selbst vollzieht. Systemtheoretisch gesprochen: Das Forschungsresultat ist das konstituierende Element des Systems Wissenschaft und über dessen Kritik vollzieht es seine Autopoiesis.

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Prof. Dr. Georg Jäger
Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
D-80799 München

Dr. Roberto Simanowski
Georg-August-Universität Göttingen
Seminar für Deutsche Philologie
Jacob-Grimm-Haus
Käte-Hamburger-Weg 3
D-37073 Göttingen

Ins Netz gestellt am 10.03.2000.

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