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Roberto Simanowski

Einige Anmerkungen
zu Gegenwart und Zukunft elektronischer Zeitschriften


Georg Jäger hat in seinem Beitrag Haben wissenschaftliche Zeitschriften eine Zukunft? Und wenn ja: welche? die Aspekte wissenschaftlichen Publizierens im Internet vor Augen geführt und auf die Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zum herkömmlichen Publizieren im Printbereich hingewiesen. Als unabdingbare Aufgabe in beiden Publikationsverfahren wurde die Qualitätssicherung festgehalten, die zugleich eine Komplexitätsreduktion bedeutet und durch Markierung ausgesuchter Beiträge die Anschlußfähigkeit im wissenschaftlichen Diskurs sichern soll. Als charakteristische Merkmale elektronischer Zeitschriften wurden die Aufsplitterung der Periodizität und die Auflösung von Publikationseinheiten genannt.

Ich will zu beiden Aspekten sowie zur Frage der Qualitätssicherung einige Gedanken hinzufügen.

Inhalt

1. Auflösung der Periodizität
2. Auflösung des Platzreglements
3. Reference-Linking


1. Auflösung der Periodizität

Die unmittelbare Veröffentlichung eingegangener Beiträge ist zweifellos einer der großen Vorteile elektronischen Publizierens. Diese "Aufsplitterung der Periodizität in disperse Eigenzeiten" birgt allerdings zugleich eine Gefahr im Hinblick auf das Überangebot an Information, das im Netz durch die sofortige Verfügbarkeit der Information kein bloß virtuelles mehr ist. Angesichts dieser Optionsvielfalt benötigen die Leser Parameter, die ihre Lektüre organisieren und auf bestimmte Angebote beschränken. Die Qualitätsausweisung von Beiträgen einer elektronischen Zeitschrift ist eine Form der Komplexitätsreduktion. Eine weitere ist das Programm der Zeitschrift, das auch im Online-Bereich die Beziehung zum Publikum etabliert.

Wie aber pflegt man diese Beziehung, wenn kein festes Erscheinungsdatum der Zeitschrift vorliegt? Wann und aus welchem Anlass besuchen die potentiellen Leser einer elektronischen Zeitschrift deren Website?

In seltenen Fällen wird dies dadurch geschehen, dass der URL der Zeitschrift als Heimatadresse in den Browser eingegeben ist. Auch die Möglichkeit des automatischen Herunterladens der Zeitschrift nach einer programmierten Zeitspanne (etwa im Channel-Verfahren des Netcaster von Netscape) wird eher selten genutzt werden, da sie den Computer des Lesers unkontrolliert mit Daten belastet. Erwartet man, daß Leser sich selbst feste Termine für einen Besuch setzen, überläßt man die Lektüre zu sehr dem Zufall.

Elektronische Zeitschriften sind daher gut beraten, neben der Aufsplitterung der Periodizität eine gewisse Periodizität zu wahren. Dies geschieht durch den Newsletter, der in bestimmten Abständen an die Subskribenten versandt wird, um die neu eingegangenen Beiträge anzuzeigen.

Der Newsletter ist neben dem Programm einer elektronischen Zeitschrift das andere Element der Leserbindung, und zwar als spezifisches Element des elektronischen Publizierens. Er stellt eine personengebundene Abhol-Benachrichtigung dar und fungiert zugleich als aktuelles Inhaltsverzeichnis, das eine Orientierung an der tatsächlichen Struktur der Website vorbei erlaubt, insofern Links zu allen neuen Beiträge aller Rubriken der Website angeboten werden.


2. Auflösung des Platzreglements

Neben der Befreiung von bestimmten Erscheinungsterminen liegt beim elektronischen Publizieren prinzipiell auch eine Befreiung von Platzbeschränkungen sowie vom kostenspezifischen Verzicht auf Illustrationen vor.

Das elektronische Publizieren bietet die Möglichkeit, jedem Text die Länge zuzugestehen, die er braucht. Dem Beitrag kann ein Abstrakt vorangesetzt werden (wie es auch in Printzeitschriften gehandhabt wird), über interne Links kann eine zusätzliche Tiefenebene angeboten werden, die einzelne Aspekte des Haupttextes weiterverfolgt, auf einer Forum-Ebene können im Miteinander der Kommentare und Gegenkommentare diese und neue Aspekte besprochen werden. Die zugrundeliegende Präsentationstechnologie bietet zudem die Möglichkeit, den Text mit Bild- und Tonelementen zu versehen.

Die hier angeführten Möglichkeiten treffen allerdings auf die Grenzen der Lesbarkeit elektronischer Texte. Wie Anja Gild in ihrem Beitrag Bewertungskriterien für die Lesbarkeit von elektronischen Texten betont, erschwert zum einen der Bildschirm die Lektüre langer Texte, zum anderen mahnen die hohen Telefonkosten für den Internet-Zugang zum Verzicht auf schwer ladbare Multimedia-Dateien. Dies führt zur Frage nach dem Selbstverständnis elektronischer Zeitschriften hinsichtlich des von ihnen genutzten Mediums.

Im Grunde steht die elektronische Zeitschrift vor dem Scheideweg, das neue Medium allein seiner neuen Distributionseigenschaften oder auch seiner spezifischen Präsentationseigenschaften wegen zu nutzen. Im ersten Fall ist das eigentliche Ziel die Lektüre des heruntergeladenen und ausgedruckten Beitrages. Im zweiten Fall ist das Ziel die Lektüre am Bildschirm, die bis zur Einführung der "Flatrate" für den Internetanschluß (nach dem Vorbild der USA etwa) ebenfalls das Herunterladen des Beitrages voraussetzt.

Fall eins ist der gebräuchliche und einfachste; die Texte können unverändert in den HTML-Code übertragen werden, und man findet in der Tat nicht selten elektronische Zeitschriften, die sehr lange Texte in einer einzigen HTML-Datei mit einer den ganzen Bildschirm umfassenden Textspanne präsentieren.

Erfüllt dieses Verfahren durchaus seinen intendierten Zweck, so ist doch zu fragen, wie zukunftsträchtig es ist. Wird sich das digitale Medium mit zunehmender Etablierung als neues Leitmedium auf distributive Dienste reduzieren lassen? Abgesehen von den Einsatzmöglichkeiten audiovisueller Mittel gibt man bei diesem Verfahren wesentliche Vorteile des Mediums wie die Verlinkung und Sofort-Zugänglichkeit der Verweise auf. Ist der Link in die HTML-Source eingeschrieben, geht er im Ausdruck sogar gänzlich als Verweis verloren; man müsste der URLs also doppelt, in der Source und in Klammern bzw. als Fußnote, angeben.

Insofern man sein Publikum nicht auf den Ausdruck der Beiträge verpflichten will, sollte man immer auch die Bildschirmvariante ermöglichen. Dies verlangt nach einer Aufsplittung des Textes in bildschirmgerechte Einheiten, nach der Anlage einer entsprechenden Ebenenhierarchie, der Reduzierung der Textspaltenbreite, der Nutzung von Java Fenstern, Images und Icons usw. (vgl. hierzu auch die Ausführungen von Anja Gild). In diesem Fall tritt aufgrund der hohen Telefonkosten allerdings ein weiteres Problem hinzu: Der Beitrag muß auch offline lesbar sein.

Da das Herunterladen der Teile eines so gestalteten Beitrages sehr aufwendig und für unerfahrene Leser unlösbar sein kann (alle HTML- und alle Imagedateien müssen in der richtigen Folderstruktur auf dem Computer des Lesers abgelegt werden), sollte der Gesamtbeitrag auch als komprimierte Zip-Datei verfügbar sein. Das bedeutet, daß eine elektronische Zeitschrift, die sich auf die verschiedenen Bedürfnisse ihrer Leser einläß, unter Umständen drei Präsentationsvarianten eines Beitrages anbieten muß:

  1. eine Fassung, die am Bildschirm erscheint,
  2. eine Zip-Datei dieser Bildschirmfassung sowie
  3. eine Textfassung zum Herunterladen und Ausdrucken.

Ein solches Verfahren ist freilich nicht nur mühsam, es verbraucht auch doppelt und dreifach Platz auf dem Server der Zeitschrift. Es ist abzuwägen, welcher Aufwand im Interesse der Textpräsentation und der Leser sinnvoll ist.

Bei der Herausgabe von dichtung-digital habe ich die Erfahrung gemacht, daß die Entscheidung je nach Gegenstand und Design der Beiträge variieren kann. Beiträge, die dem Gegenstand entsprechend mit Images und nichtdruckbaren Effekten arbeiten, also auf die Lektüre am Bildschirm zielen, werden auch als Zip-Dateien angeboten. Reine Textbeiträge werden ebenfalls bildschirmgerecht aufbereitet – also unterteilt und mit internen wie externen Links versehen – und, wenn daraus ein umfangreicheres Textgeflecht entsteht (mehr als drei, vier Dateien), jeweils noch einmal als Doc-Datei zum Herunterladen angeboten. In jedem Fall wird angestrebt, das Medium nicht nur als Distributions-, sondern auch als spezifisches Präsentationsmedium zu nutzen.


3. Reference-Linking

Georg Jäger verweist in Abschnitt 5 seines Beitrages auf die Kooperation verschiedener Online-Journale, um ihre Beiträge untereinander zu vernetzen. Diese Verlinkung beruht auf einer Absprache und wurde mit Unterschriften besiegelt. Daneben gibt es im Bereich des elektronischen Publizierens ein Link-Phänomen, das ganz ohne solche Absprachen auskommt, längst Standard geworden ist und eine wesentliche Rolle bei der Etablierung des "literarischen Feldes" (Bourdieu) im Internet spielt.

Die Rede ist von der Rubrik "Links", die auf fast jeder Website zu finden ist (und in vielen Fällen auch schon den ganzen Inhalt der Website ausmacht). Ein Link ist der "höfische Akt" im Internet (Espen Aarseth, Cybertext, 1997, 172), er belegt und forciert die Wahrnehmung der Existenz des anderen. Links sind in gewisser Weise aber auch Ausdruck der Zensur, insofern eine unbestimmte Vielfalt der Verweise (wie sie etwa in einer Suchmaschine erscheinen würde) auf ausgewählte Verweise reduziert wird. Im Gegensatz zur Suchmaschine, in der Websites v.a. nach Quantitätsaspekten aufgeführt und geordnet werden (Zugriffe, Keywortvorkommen), stellt deren Aufnahme in der Linkliste einer elektronischen Zeitschrift ein gewisses Qualitätsurteil dar und trägt Züge der Identifikation (ganz in diesem Sinne wird die Link-Rubrik mitunter auch "Friends" genannt).

Die Erfahrung zeigt, daß auch die meisten elektronischen Zeitschriften eine Linkliste aufweisen. Es bleibe dahingestellt, inwiefern dieser Umstand das bestehende Bedürfnis, sich in der Internet-Kommunikation zu verorten, spiegelt oder eher die bestehende Notwendigkeit, etablierten Mustern dieser Kommunikation Folge zu leisten. Auf jeden Fall läßt sich die elektronische Zeitschrift mit Linklisten auf Bekenntnisse ein, die ihrer Schwester im Printbereich nicht abverlangt werden. Sie verschafft der verlinkten Website Aufmerksamkeit und hat als Referenz den Wert, den Referenzen in der öffentlichen Kommunikation unabhängig vom Medium besitzen.

Die Linkliste der elektronischen Zeitschrift ist eine Membran zur Außenwelt, wie es sie im Printbereich nicht gibt. Inwiefern berührt dieser Umstand die beiden eingangs erwähnten Aufgaben der elektronischen Zeitschriften: Selektion bzw. Komplexitätsreduktion sowie Herstellung von Anschlußfähigkeit in der wissenschaftlichen Kommunikation?

Die daraus folgenden Fragen sind: Welche Strategie verfolgt die Redaktion einer elektronischen Zeitschrift im Hinblick auf ihre Linkliste, welche Qualitätskontrollen nimmt sie vor, ehe sie Referenzen vergibt? Welche Anstrengungen der Orientierung außerhalb der eigenen Website werden unternommen bzw. können überhaupt geleistet werden, um hinsichtlich der Linkauswahl zu einem sicheren Urteil zu kommen? Welche Rolle spielt die Versuchung, durch extensiven Linkaustausch Leser zu gewinnen?

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Prof. Dr. Georg Jäger
Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
D-80799 München

Dr. Roberto Simanowski
Georg-August-Universität Göttingen
Seminar für Deutsche Philologie
Jacob-Grimm-Haus
Käte-Hamburger-Weg 3
D-37073 Göttingen

Ins Netz gestellt am 10.03.2000.

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