www.dichtung-digital.de/Interscene/Forum/00-09-25.htm


Roberto Simanowski
21. 09. 00

Hermann Rotermund
25. 09. 00

Lieber Roberto Simanowski,

daß wir gezwungen sind, die Welt durch die Medien wahrnehmen, fällt uns immer dann auf, wenn wir an den Medien modische und unangenehme Züge entdecken. Denken wir zum Beispiel an die in der späten Goethezeit verbreitete Klage über die Leseseuche der Frauen und Mädchen - eine der letzten historischen Breitseiten auf die typographische Kultur - oder an die in meiner Kindheit gültige Verbannung der Comics aus dem kulturellen Raum: wer Comics konsumiert, lernt nicht mehr lesen und wird durch die ständige Infusion schlechter Bilder zum Horrorcharakter.

Nach meiner Ansicht ist ein Erschrecken über die beispielhaft angeführten Erscheinungsformen (Ästhetisierung des Kommerziellen, Event-Ästhetik) falsch plaziert und kann höchstens eine Art Nachzittern sein. Der entscheidende Donnerschlag ist doch wohl eher die Entdeckung der Ausweglosigkeit, mit der unsere Wahrnehmung der Welt konfrontiert ist. Eine Wahrnehmung außerhalb der Medien ist nicht möglich. Erfolgt ein Einspruch? Etwa: Haha, ein Waldspaziergang, auf der der Opa den Unterschied von Tannen und Fichten erklärt. Ich will jetzt gar nicht mit "Gespräch" und "Diskurs" kommen, sondern: Meine zweijährige Tochter findet im Wald garantiert zwei Fliegenpilze und bemerkt bestätigend: wie Bobo Siebenschläfer - der in ihrem Kinderbuch eben auch Fliegenpilze findet. Damit ist der Wald in Ordnung, und Tannen sowie Fichten bleiben exklusiv Opas und des Kosmos-Bestimmungsbuchs Probleme.

Pädagogische Dummköpfe, die meinen, durch die intensive Verwendung des Bleistifts oder Füllfederhalters dem globalen Verblendungszusammenhang der Medien entgehen zu können, übersehen den medialen Charakter der Bücher, Zeitschriften und besinnlichen Radio-Features, durch die ihre Haltung munitioniert wird. Überdies verbreiten sie ihre Belanglosigkeiten inzwischen schon häufig auf T-Online-Homepages.

Psycho-soziale Veränderungen, sogar psycho-physische "Umbauten" sind immer schon an mediale Veränderung gekoppelt gewesen. Die Rechts-Links-Vertauschung der Münzenprofile in der Achsenzeit ging zeitgleich einher mit dem Übergang von der oralen zur scriptoralen Orientierung. Warum also jetzt, in dieser neuerlichen Medienwende, in der uns so viel historisches Wissen zur Verfügung steht, und warum vor allem in dieser Form darüber eine Aufregung anzetteln?

Die amerikanischen Fernsehformate sind einerseits konsequenter und offensichtlicher nach Marketingmaßstäben gestrickt. Sie bringen andererseits in den Falten des Entertainments virale Effekte unter, die einer vollkommenen Verblödung entgegenwirken. So etwas gibt es auch bei uns: Guildo Horn und Stefan Raab beim Grand Prix d'Eurovision oder die doppelzüngige Rede Käptn Blaubärs (eine Textschicht richtet sich an Erwachsene, eine andere an Kinder) sind die hervorstechendsten Beispiele. Die amerikanischen Fernsehformate sind letztlich weniger verlogen als die deutschen, vor allem die öffentlich-rechtlichen, die ihre Legitimation immer in überzeitlichen kulturellen Werten suchen oder suchen müssen. Ob Information durch das Medium als Unterhaltung inszeniert wird oder als Absacker, bleibt doch gleichgültig: Information wird unweigerlich durch das Medium formatiert, und wir erfahren immer nur etwas über/durch das Medium, das alle Authentizität restlos aufsaugt. Das ist übrigens schon immer so gewesen: Was haben Zeitgenossen über den Peloponnesischen Krieg erfahren?

Obwohl ich vollkommen pessimistisch bin und im Prozeß der quasi-evolutionären Entwicklung unserer technischen Medien kaum Einfluß- und Gestaltungsmöglichkeiten sehe, möchte ich doch einige positive Faktoren hervorheben: Der Computer setzt als Medium den Emanzipationsprozeß fort, den die typographische Wende so eindrucksvoll eingeleitet hat. Die Globalisierung hat natürlich zwei Seiten, emanzipatorische Ansätze sind machtreguliert - auch Kraft Foods, Microsoft und Time Warner sind für die "Befreiung" der Chinesen, weil dadurch der Skandal geschlossener Märkte zum Verschwinden gebracht wird. Die Klage über die drohende Digital Divide nimmt angesichts des auf der Erde verbreiteten Analphabetentums und der politischen und kulturellen Einflußlosigkeit des größten Teils der Weltbevölkerung wunder. Zu bemerken ist jedoch, wie sehr, und das weltweit, die Computernutzung mit Wissen, Arbeit und Wohlstand assoziiert wird - sehr viel klarer als die Nutzung des Buchs.

Postman wird nicht damit fertig, daß das Fernsehen Fernsehen ist (man sieht nur gern fern, wenn es eine anregende Folge laufender Bilder gibt, das ist durch die Fernsehtechnik quasi institutionalisiert). Dieser Fehler muß nicht nachgeahmt werden, indem dem Computer vorgeworfen wird, er sei ein Computer. Die Formatentwicklung für das Internet steckt noch in den Kinderschuhen. Da sind l'art-pour-l'art-Erscheinungen wie die beschriebene Flash-Site verständlich. Sie erinnern im übrigen an Schriftenkataloge: um eine Schrift zu zeigen, muß man etwas Wirkungsvolles in ihr setzen; Content nur in der allernötigsten Andeutung: LOREM IPSUM..

Hermann Rotermund