www.dichtung-digital.de/Interscene/Mueller


SMServices - Text on Demand
Inter- und Transaktionen der //theatermaschine

von Gisela Müller

top / 12 - 3

Im Juni dieses Jahres veranstaltete das Medienforum München eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Schrift und Bild in Bewegung". Neben einer großangelegten Videokunstausstellung und einem Fachkonkgress in Zusammenarbeit mit der Universität München wurde im Rahmen dieser Reihe das Projekt SMServices - Text on Demand realisiert und via Web in Szene gesetzt. Künstlerische Leitung: Horst Konietzny und ich, alias //theatermaschine. Die //theatermaschine wurde vor etwa einem Jahr gegründet. Zum einen als Plattform im World Wide Web, zum anderen aber auch das Label, unter dem wir ganz reale, ganz virtuelle Aktionen und Experimente im Neuland zwischen Theater und digitalen Medien, insbesondere dem Internet, durchführen.

Von der //theatermaschine wird später noch die Rede sein. Zunächst jedoch zu SMServices - Text on Demand. Ich zitiere aus der Projektbeschreibung:

"Die Maschen des Netzes werden eng, dichte Schleier aus Nullen und Einsen umgarnen die Sinne, Elektrosmog liegt über der Stadt. Das Display, mein Gegenüber, Kommunikation via Handy, via WWW. Wir reden in Kürzeln. SMS. Wir befinden uns in Reichweite. Lustgewinn durch die gute Anbindung. SM. Wir legen Wert auf Schnelligkeit und Service. SMServices.

S wie sofort, M wie mobil, S wie Sprache, Schönheit, Spiel.

SMServices ist ein Spiel um mobile Texte, die Inspiration des Momentes und überraschend überspringende Funk(w)e(lle)n. Leser werden zu Musen und das Handy überträgt den Kuss. SMServices ist ein Spiel um Großstadt-Nomaden im Zeitalter der Erreichbarkeits-Sklaverei. Text on Demand, Künstler an der digitalen Leine."

Konkret sah das so aus: Vier Wochen lang standen 17 Autorinnen und Autoren im Rahmen von SMServices zur Verfügung und konnten per Mobiltelefon von ihren Leserinnen und Lesern kontaktiert werden. Zur Kontaktaufnahme musste man in die Rathausgalerie in München kommen, dort gab es ein Computerterminal und von diesem Terminal aus, konnten die Galeriebesucher täglich zwischen 17 und 19 Uhr Anfragen - digitale Musenküsse - an den Textemacher, die Textemacherin ihrer Wahl senden. Die Autoren antworteten mit einer SMS, einer Short Message, mit kurzen Texten von maximal 160 Zeichen Länge. Die Texte wurden auf der zum Projekt gehörigen Website ( www.smservices.de) nach Namen geordnet abgelegt. Die jeweils aktuell eingetroffen Message wurde per Videobeamer auf Großbildleinwand projeziert.

Zusätzlich gab es auch für Nicht-Literaten die Möglichkeit, SMS-Botschaften an die Welt zu schicken. Alle Nachrichten, die nicht von einem Handy der beteiligten Autoren kamen, erschienen online in einer Art SMS-Tagebuch.

Beteiligte Autorinnen und Autoren: Ulrich Bauer-Staeb, Karl Bruckmaier, Ulrike Draesner, Markus Epha, Costas Gianacacos, Florian Hammerl, Andreas Neumeister, Katja Huber, Fabienne Pakleppa, Thomas Palzer, Nancy du Plessis, Carl-Ludwig Reichert, Zé do Rock, Valerie Scherstjanoi, schlampe, Franz-Maria Sonner, Maria Volk.

Die Auswahl der Autoren erfolgte nach den Kriterien der Offenheit für das neue Schreibmedium und der heterogenen Zusammensetzung der Autorengruppe. So wurden bekanntere und unbekanntere Autoren gefunden, Lyriker (Ulrich Bauer-Staeb, Costas Gianacacos), ein Lautpoet (Valerie Scherstjanoi), Andreas Neumeister aus der POP- und PoetrySlam Szene, Hörspielautorinnen (Katja Huber, Maria Volk), Vertreter der Mundart, für das Bayerische Carl-Ludwig Reichert, für brasilianisches Wunschdeutsch Zé do Rock und für Deutsch mit amerikanischem Einschlag Nancy du Plessis, vom Journalismus kommend Karl Bruckmaier und eine Online-Autorin ( schlampe).

Die Texte, die während der vier Wochen eintrafen, fielen demnach recht unterschiedlich aus. Jeder der Autoren hatte seine / ihre Strategie. Franz-Maria Sonner und Ulrike Draesner führten beispielsweise Figuren ein, die sie auf die Fragen der Galeriebesucher antworten liesen und in kleine Episoden verstrickten, sodass eine Art Fortsetzungsgeschichte entstand. Es gab sehr lyrische Texte, witzige Sprüche, knackige Aphorismen, aber natürlich auch Banales, Kryptisches; direkte Antworten, die wohl nur diejenigen verstehen, auf deren Anfrage hin der jeweilige Text geschrieben wurde.

Die Nachrichten der User an die Autoren wurden dabei nicht veröffentlicht, sie blieben sozusagen unter vier Augen zwischen Leser und Autor. Im Verlauf des Projektes wurde mehrfach diskutiert, ob Useranfragen publiziert werden sollten oder nicht, doch selbst bei den Galeriebesuchern gingen diesbezüglich die Meinungen auseinander. Die einen fanden es schade, dass ihre 'Musenküsse' und dadurch gewisse Textbezüge für immer verloren sind, anderen war die Anonymität, in der sie schreiben konnten, sympathischer. Ich persönlich finde es nach wie vor besser, die Musen im Verborgenen wirken zu lassen. Der Transfer hin zu einer Allgemeingültig- bzw. -verständlichkeit der Texte wäre dann entsprechend vom Autor, von der Autorin zu leisten. Und in vielen Beiträgen ist dies auch gelungen.

1 > 2 - 3